Spiele-Fans erinnern sich: Far Cry – das ist doch dieser Erfolgsshooter mit dem Tropensetting. Dessen atemlos inszeniertes Finale unter einem riesigen Vulkan stattfand. In dem der uramerikanische Hauptcharakter stets ein Hawaiihemd trug. Wer an dieser Stelle mit „Klar, kenn ich“ antworten möchte – hat keine Ahnung oder leidet ganz einfach an einer Wahrnehmungsstörung.

Denn all diese Dinge waren nie Gegenstand der „Far Cry“-Videospiel-Handlung. Die kennt nur Regie-Wunderkind Uwe Boll, der sich mit seiner neuesten Arbeit so eng wie nie zuvor an die Vorlage gehalten hat. Kostprobe gefällig? Statt inmitten saftig grüner Palmen und endloser Strände, spielte „Far Cry“ in Wirklichkeit in der harzbraunen Tristesse der kanadischen Nadelwälder.

Die Handlung der Achterbahnfahrt kulminierte gen Ende logischerweise auch nicht unter einem Vulkan, sondern in einem Sägewerk, dessen Eignung für ein actionreiches Finale wahrscheinlich nur wenige Mikrometer über der einer verschlossenen Zahnarztpraxis oder dem Ball-Paradies bei McDonalds liegt. Und dass Jack Carver Amerikaner war, muss auch erstmal jemand beweisen.

Far Cry - Trailer

Folter für Augen und Ohren

Jack Carver mag es gemütlich: Seelenruhig tuckert er mit seinem Charterkahn über Kanadas Seen und führt gut betuchte Touristen an beschauliche Orte. Tagein, tagaus. Eines sollte man den ehemaligen Special Forces Agenten dabei jedoch nie – reizen. Als ihn eine bildhübsche Journalistin anheuert, um zu einer abgelegenen Insel zu gelangen, muss Jack schnell beweisen, was in ihm steckt. Denn auf dem Eiland versucht der wahnsinnige Dr. Krieger mit abartigen Gen-Experimenten den perfekten Soldaten zu züchten.

Far Cry - Neues aus der Filmvorschule: Dieses Boll-Werk ist wirklich zum Schreien

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Wir wissen nicht, was Til Schweiger zu diesem Film bewogen hat - das Drehbuch war es wohl nicht.
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Schon nach den ersten Minuten wird es für viele Zuschauer wohl nur eine Reaktion geben – Tränen. Nicht etwa weil der Film sonderlich traurig wäre. Oder lustig. Oder rührend. Nein, eigentlich löst „Far Cry“ gar keine Emotionen aus, abgesehen von einer gesunden Portion Scham (aber das ist wieder ein anderes Thema). Nein, es ist die Synchronisation, die wohl selbst diejenigen Kinofans verstören dürfte, die sich abends vorm Schlafengehen stets eine Kreissäge zur Beruhigung neben die Ohren halten.

Für die deutsche Version durften Til Schweiger, Ralf Moeller und Udo Kier nämlich selbst hinters Mikrofon und demonstrieren dort äußerst eindrucksvoll, dass mangelndes Schauspieltalent nicht unbedingt das Ende auf der nach unten offenen Peinlichkeitsskala sein muss. Schweiger intoniert seine Rolle völlig unpassend zu den Aktionen auf der Leinwand, Udo Kier kann sich hingegen scheinbar nicht entscheiden, ob er nun besonders unmotiviert oder „tuffig“ klingen möchte.

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Selbiges gilt für Udo Kier - der aber wahrscheinlich nur mal wieder Lust auf einen Billigfilm hatte.
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Lediglich der deutsche Muskelexport Moeller hat etwas Einsicht mit den Ohren der Zuschauer – was allerdings eher daran liegen könnte, dass er im Laufe der 90-minütigen Action-Katastrophe ohnehin nicht reden darf. Immerhin gibt sich Uwe Bolls „Neuer“ ausgesprochen konsequent – die grauenhaften Sprachaufnahmen passen so wunderbar zur unsäglichen Qualität dieses Trashfestes.

Die Kreide-Mutanten des Schreckens

Aufmerksame Leser werden es nach dieser missmutigen Einleitung längst bemerkt haben: „Far Cry“, die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsshooters, ist wieder so richtig schön scheiße geworden. Es ist vor allem Maestro Bolls unnachahmliches Talent, einen kostengünstigen Film noch billiger aussehen zu lassen, welches immer wieder zu dezentem Schmunzeln anregt.

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Darf in einer Boll-Klamotte eigentlich nicht fehlen: Muskelmime Ralf Moeller gibt den Mutanten Max.
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Obwohl es in regelmäßigen Abständen ordentlich kracht, markige Sprüche hagelt und gefällige Stunts zu bestaunen gibt, unterbietet das Produktionsdesign selbst eine mittelschlechte Folge von „Derrick“ oder „Der Clown“ mit Bravour. In der Tradition üblicher Boll-Werke pendeln die optischen Schauwerte – also das Aushängeschild eines jeden Actionfilms - irgendwo zwischen lächerlich-süß oder furchtbar albern.

Als Beispiel sei nur das Make Up der fiesen Supersoldaten aus Dr.Kriegers Gen-Labor genannt: Statt ein paar wirklich furchteinflößende Kreaturen für die Analen der Filmgeschichte zu schaffen, hat man die bärenstarken Muckimänner einfach mit drei Zentnern Kreide eingepudert. Wer so etwas schockierend findet, bekommt wahrscheinlich auch beim morgendlichen Broteschmieren schlimme Panikattacken.

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Emmanuelle Vaugier wird gefesselt und darf sich nackig ausziehen - mehr Talent darf sie in Far Cry nicht zeigen.
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Klar, dass so zu keinem Zeitpunkt auch nur ein Hauch von Spannung entsteht. Und die erzeugt man eben nicht durch dicke Explosionen und tumbe Gewalt. Dafür bräuchte es schon tiefgründige Charaktere, mit denen der Zuschauer leidet bzw. lacht, professionelle Kameraarbeit oder mindestens ein gewisses Grundverständnis von Ausleuchtung, Schnitt und Szenengestaltung – „Far Cry“ bietet von all dem nichts.

Kuhmist bei Nacht

Der Rest ist „Boll’ness as usual“: Bar jeder Logik sprengt sich Til Schweiger durch ein Nichts von Story und setzt sich dabei über jede Regel der Physik hinweg. Dass Jack Carver mit jedem Schuss einen Treffer landet, auch wenn er gar nicht in die Richtung seiner Widersacher zielt, mag man noch albern finden. Spätestens während der abnorm bescheuerten Finalschlacht setzt aber selbst bei trashresistenten Zuschauern der Verstand erfolgreich aus.

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Gäbe es einen Orden für nervige Nebenfiguren - dieser beleibte Herr bekäme zwei.
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Dass der gesamte Cast ganz nebenbei noch ein paar der hirnrissigsten Dialoge der jüngeren Filmgeschichte intoniert, unerträglich blöde Gags herunterleiert und mit dem grauenhaft dauerquiekenden Chris Coppola der wohl nervigste Medien-Charakter seit dem Hustinettenbär über die Leinwand trampelt, fällt dann schon gar nicht mehr ins Gewicht – wieder so ein Punkt, an den sich Boll-Kenner längst gewöhnt haben.

Achtung: Der Meister des schlechten Geschmacks hat wieder Geld aufgetrieben. Wer keine harten Rauschmittel zur Hand hat, sollte sich den Kinobesuch besser sparen.Fazit lesen

Wie luftleer die Rahmenhandlung des Films ist, merkt man vor allem während den Sequenzen, in denen gerade einmal nichts quer durchs Bild explodiert. Dann wird aus der Actiongurke „Far Cry“, die zumindest für Fans des Trash-Kinos oder einen zünftigen DVD-Abend mit massig Bier und Chips zu gebrauchen ist, ein schnarchiges Kasperletheater ohne jegliches Tempo. Somit dürfte wohl auch der letzte Reiz verfliegen.

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Nanu, wo sind die Tropen geblieben? Ach ja, die erkennt der Zuschauer ja sowieso nicht.
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Zum Abschluss bleibt noch die – eigentlich müßige – Feststellung, dass sich Boll erneut über große Teile der Vorlage gekonnt hinweggesetzt hat. Der Meister erklärte die nicht vorhandene Detailtreue in einem Interview kürzlich folgendermaßen: „Der Film spielt meist bei Nacht – da merkt man den Unterschied zwischen einer Tropeninsel und den kanadischen Wäldern sowieso nicht.“ Natürlich nicht. Übrigens verhält es sich mit diesem Film und einer Ladung Kuhmist ungefähr genauso.