Amen, Bruder, Amen. Nachdem Filme mit biblischen Inhalten jahrzehntelang als teuflisches Blockbustergift abgetan wurden, konvertierte der riesige Erfolg von „Die Passion Christi“ zahlreiche Hollywood-Produzenten zu tiefgläubigen Lämmern. Der heilige Box-Office-Altar führte zum fleißigen Bibelstudium, auf dass sich noch weitere der dort verbreiteten Geschichten finden, die das Zeug zur Multiplex-Auferstehung haben. Dieses Jahr durfte bereits „Noah“ ran, ebenfalls mit beträchtlichem Erfolg, und nun ist mal wieder Moses fällig – standesgemäß gekleidet in ein zweieinhalbstündiges Epos, das die goldene Mitte zwischen „Gladiator“ und „Königreich der Himmel“ anstrebt.

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Alttestamentarisches Psychodrama

Der Regisseur von „Exodus“, Ridley Scott, hat ja bereits bei „Prometheus“ eine (unkonventionelle) religiöse Ader bewiesen, indem er einem als Popstar gefeierten Weltraummonster eine biblische Dimension zusprach, und in dieser Richtung geht es hier nun weiter. Kaum pompöser Kitsch, kein Baby in einem Weidenkorb und Gott in Gestalt eines ziemlich schlecht gelaunten Kindes. Das Quasi-Remake von Cecil B. DeMilles „Die zehn Gebote“ versteht sich weniger als unumstößliche Gardinenpredigt, sondern vielmehr als überraschend bodenständige Abenteuerkost mit religiöser Beilage.

Exodus: Götter und Könige - Trendtopic Bibel – per 3D-Glauben zum Monumentalblockbuster

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Freunde/Feinde: Ramses (Joel Edgerton) und Moses (Christian Bale).
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Besonders deutlich wird die Herangehensweise von Ridley Scott bei dem zentralen Konflikt des Films, der Beziehung zwischen Moses (Christian Bale) und Ramses (Joel Edgerton). Es ist schon klar, auf was die Beiden zusteuern, doch der Weg dahin lässt Raum für Ambivalenz und Grautöne. Scott schreibt nicht unbedingt vor, was wir wann zu denken haben, und erinnert sich gerne an die nicht unähnliche Beziehung zwischen Russell Crowe und Joaquin Phoenix in „Gladiator“, zumal hier (John Turturro) wie dort (Richard Harris) auch noch ein schwächelnder väterlicher Herrscher anwesend ist.

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Die Bibel als überraschend differenziertes Psychodrama, das eben nicht mit einem Weidenkorb beginnt, sondern Moses gleich als erwachsenen Mann zeigt. Ein guter Teil des Films verschreibt sich der Entwicklung dieser Figur, die zunächst als Waffenbruder von Ramses etabliert wird, dann ihre jüdische Herkunft entdeckt und schließlich als Anführer einer Rebellion die Auswanderung der versklavten Israeliten vorantreibt. Moses ist hier kein Missionar, sondern ein pragmatischer Skeptiker, dem seine höhere Aufgabe keineswegs zu Kopf steigt. Ein kühler und rationaler Krieger, genau in der Mitte zwischen nachvollziehbarer Distanz und respektvoller Annäherung an die biblischen Inhalte.

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Dunkle Hautfarben: bitte ganz links und ganz rechts aufstellen!
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Abenteuerliche Plagen

Das was Bibelfilme für Ungläubige oftmals so zäh macht, der gewichtige Predigerton von der Kanzel herab, verbunden mit frommem Pathos und geradezu grell überzeichneten Figuren, fehlt bei „Exodus“ fast völlig. Ganz am Ende, als Scott noch ein paar unnötige Schlenker in weiter entfernte Regionen der Geschichte macht, kommt eine fahle Ahnung auf, was zum Beispiel Vic Armstrong, der hinter „Left behind“ stehende Regieverbrecher, aus diesem Stoff gemacht hätte.

Doch ansonsten ist Ridley Scott schlau genug, alles andere außer Religion zu betonen. „Exodus“ ist zuallerst einmal ein 140 Millionen Dollar teures Historienspektakel, und in zweiter Linie dann immerhin bibeltreu genug, um die unvermeidlichen Proteste aus Amerika eher als Anreiz denn teuflische Verdammung zu sehen.

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Davon gibt es hier wahrlich genug: spektakuläre Bilder.
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Das Alte Testament auf Multiplex-Augenhöhe, und dazu dann in der letzten Stunde ein gigantisch anmutendes CGI-Spektakel, das die sieben Plagen als Domino-artige Montage zeigt. Die Apokalypse wird zu einem überlebensgroßen Computer-“Ride“, dessen eindrucksvolle Bilder und drängende Energie nachhaltig an den Nerven rütteln. Roland Emmerich wäre das vermutlich ähnlich angegangen, wobei aber Ridley Scott noch den entscheidenden Vorteil hat, ein weiterhin interessanter Regisseur zu sein, der zudem ein ausgeprägtes Gespür für wunderbare Bilder und überwältigende Größe hat.

„Exodus“ ist ein episches Kinoevent, verschwenderisch ausgemalt von Produktionsdesigner Arhtur Max und Kameramann Dariusz Wolski. Mit einer ausladenden Leinwand und einem bis 11 aufgedrehten Soundsystem bekommt man hier ein wuchtiges Spektakel, inklusive mächtig beeindruckender Schlachtenszenen, das aber trotzdem an seinem inhaltlichen Kern festhält und dazu eine erwachsene Haltung an den Tag legt, die meilenweit von der campigen Exzentrik eines „Noah“ entfernt ist.

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Es steht außer Frage, dass „Exodus“ alleine wegen seiner Thematik ein gerütteltes Maß Skeptik hervorrufen wird, doch in diesem Fall darf man auch mal außerhalb von Weihnachten auf einer kirchlichen Kinobank Platz nehmen und Oblaten in Popcorn und Cola verwandeln. Die Wunder Hollywoods sind einfach unergründlich.