Geschlechtskrankheiten, blutiger Oralverkehr und Träume von Nekrophilie: Das ist die entrückte Welt einer 18-jährigen Schülerin, die unter garstigen Klassenkameraden, einer religiösen Mutter und den ganz normalen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens leidet. „Excision“ lief bereits im vergangenen Jahr auf dem Fantasy Filmfest und erhält nun eine überraschende Kinoauswertung.

Carrie 2.0

Die bizarr-melancholische Coming-of-Age-Groteske ist die Langversion eines gleichnamigen Kurzfilms, den Richard Bates Jr. vier Jahre zuvor inszenierte. In seiner Mischung aus Teenager-Movie, Familienmelodram und surrealem Gewaltrausch könnte der Film über kurz oder lang – zumindest für eine bestimmte Generation – zu einem ähnlichen Kultobjekt der Begierde reifen wie „Donnie Darko“. Dessen Klasse erreicht er zwar nicht, die bessere Alternative zu „S. Darko“ ist „Excision“ aber allemal.

Excision - Teenage Angst: Geschlechtskrankheiten, blutiger Oralverkehr und Nekrophilie

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Willkommen in Paulines Traumwelt: Sex und literweise Menstruationsblut.
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Er beginnt mit einem surrealen Traum, der bereits die bluttriefenden Bilder pervertierter Lust vorwegnimmt, die die eigentliche Handlung von hier an immer wieder unterbrechen und kommentieren werden. Jene nächtlichen Erotik- und Gewaltfantasien spiegeln sich im alltäglichen Leben der 18jährigen Pauline (AnnaLynne McCord) deutlich wider. Als klassischer Outcast verzweifelt sie an oberflächlichen Mitschülerinnen, dem Konservatismus der Eltern und einem adoleszenten Gefühl, einfach nicht verstanden zu werden.

Sorgen bereitet Pauline auch der Gesundheitszustand ihrer jüngeren Schwester (Ariel Winter), die an einer tödlichen Lungenkrankheit leidet und von der bigotten Mutter (Traci Lords!) entsprechend bevorzugt behandelt wird. Selbst ihre Lehrer empfinden die betont seltsame Tagträumerin als schwerwiegende Last, weshalb Pauline erfolgreich an ihrer Schulsuspendierung arbeitet – um ihre krankhaften Fantasien schließlich in die Tat umzusetzen (bzw. ihr „Carrie“-Erbe anzutreten).

Im Vergleich zum rund 20minütigen Kurzfilm gleichen Titels ist die Spielfilmversion von „Excision“ (was in einem medizinischen Kontext soviel wie Entfernung oder Abtrennung bedeutet) ambivalenter. Das letzte Drittel entspricht zwar quasi eins zu eins der Vorlage, bis dahin aber erzählt Richard Bates Jr. eine Art Vorgeschichte, die vor allem dem dramatischen Schlussakt erst eine wirkliche Bedeutung verleiht. Das Fragmentarische des Kurzfilms weicht in der Kinofassung des Stoffes einer dichteren Handlung.

Excision - Teenage Angst: Geschlechtskrankheiten, blutiger Oralverkehr und Nekrophilie

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Auch sezierte Vögel schmecken Pauline (AnnaLynne McCord) besonders gut.
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Insbesondere das Verhältnis von Pauline zu ihrer Schwester ist nun um einiges differenzierter gestaltet. Im Kurzfilm werden Neid und Missgunst angedeutet, während die Beziehung in der längeren Bearbeitung eher von geschwisterlicher Liebe und Fürsorge bestimmt wird. Gerade weil mit dem drohenden Verlust der jüngeren Schwester der einzige Halt in Paulines Leben zu erlischen scheint, müssen die Ereignisse ihren unaufhaltsamen, blutigen Verlauf nehmen.

Teenage Angst Galore

Exemplarisch wiederum für das gestörte Eltern-Kind-Verhältnis demonstriert „Excision“ in einer zunächst unscheinbaren Rückblende die Folgen einer schief gelaufenen Erziehung – auf recht eigenwillige Art allerdings. So soll der unschöne Herpes, der auf Paulines ohnehin von Hautausschlag übersätem Gesicht prangt, so etwas wie Fleisch gewordenen elterlichen Horror symbolisieren. Ihr Vater infizierte sie als Kind mit dem Herpes-Virus, als er sie im Schwimmbad Mund zu Mund beatmete!

Teenage Dreams der grotesken Art. Bizarr, blutig und definitiv Geschmackssache – die Kehrseite herkömmlicher Coming-of-Age-Filme.Fazit lesen

„Excision“ ist reich an solch kruden Details, und er findet sowohl für seine thematisierten jugendlichen Ängste als auch das gestörte Verhältnis von Pauline zu ihrer Umwelt ausdrucksstarke Bilder. Die an die surrealen Menschengemälde eines Alejandro Jodorowsky erinnernden Traumsequenzen oder Paulines schmackhafte Sezierung eines toten Vogels bilden da nur die Speerspitze. In der wohl derbsten Szene schläft sie mit einem Mitschüler, aus dessen Mund nach dem Oralsex Paulines Menstruationsblut quirlt. Teenage Angst Galore.

Nicht weniger exquisit, wenn man es denn so finden mag, nimmt sich die Besetzung aus. AnnaLynne McCord spielt erfolgreich gegen ihr Model-Image an, das sie nicht zuletzt in der Neuauflage von „90210“ pflegte, wohingegen Ex-Pornostar Traci Lords ihr fast die Show stiehlt. In prominenten Nebenrollen fügen sich Malcolm McDowell als Mathematiklehrer, Ray Wise als Schuldirektor und John Waters als örtlicher Pastor (!) geradezu selbstverständlich dem merkwürdigen Figurenarsenal des Films.

Excision - Teenage Angst: Geschlechtskrankheiten, blutiger Oralverkehr und Nekrophilie

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Visionen des eigenen Ichs: Im Traum verliert Pauline auch mal ihren Kopf.
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So herrlich sonderbar Tonfall und Bildideen von „Excision“ auch sein mögen, so folgen diese irgendwann nur noch einem Wiederholungsprinzip ohne nennenswerte Erweiterungen. Der Film tritt mit seiner ausgestellten Seltsamkeit manches Mal zu sehr auf der Stelle und hat alle wesentlichen Bezugspunkte seiner Handlung und Ästhetik bereits nach wenigen Minuten offen gelegt. So wirkt Richard Bates Juniors Langfilmdebüt letztlich wie eine zweifellos interessante, aber auch merklich gestreckte Version seines gleichnamigen Kurzfilms.