Über zwölf Jahre nach dem „Blair Witch Project“ scheint es wohl immer noch Bedarf an Filmen zu geben, in denen Jugendliche erst ihren Camping-Ausflug und dann das große Geschrei dokumentieren. „Evidence – Überlebst Du die Nacht?“ heißt ein neuer kostengünstiger Wald-und-Wiesenhorrorfilm, in dem sich verängstigte Twentysomethings beim Gruseln mit einer handelsüblichen Kamera filmen.

Do-It-Yourself-Kino

Im weiterhin florierenden Found-Footage-Gewerbe geht es immer auch um die Sehnsucht nach scheinbar ungefilterten Schreckensbildern, die gerade in ihrer schmucklosen Einfachheit auf den größtmöglichen Affekt setzen. Einem Kinopublikum, dessen filmische Wahrnehmung von multimedialen Gebrauchswaren des Alltags bestimmt wird, erscheinen die mit Handy-, AVCHD- oder bestenfalls noch Spiegelreflexkameras zusammen gewackelten YouTube-Filme von „REC“ bis „Paranormal Activity“ vielleicht wirklich wie der reinste Horror.

In „Evidence“ nun bringen die Canyons das Grauen. Dorthin verschlägt es eine Gruppe Camper, die sich von Filmstudent Ryan (Ryan McCoy) zu einer Dokumentation über ihren Zeltausflug haben überreden lassen (und wer möchte sich das schon entgehen lassen?). Bereits in der ersten Nacht sorgen Rascheln und Heulen für Unruhe, ehe erst ein seltsamer Wilderer und anschließend unkenntliche wütende Kreaturen den bierseligen Natur- zu einem wahren Überlebenstrip umgestalten. Immer mit dabei: Ryans Kamera. Natürlich.

Er würde ohnehin langweilig werden, sagen die Beteiligten über den Film. Und dass die dauerhafte Anwesenheit der Kamera störend und nervig sei. Kommentare zur eigenen Präsentationsform, mit denen ein Found-Footage-Horrorfilm sich mittlerweile wohl gegen die für ihn so wichtige Plausibilität absichern muss.

Planloses Found-Footage-Gewusel, das auf die Augen und Nerven geht. Mit Kino hat das nicht mehr viel zu tun.Fazit lesen

So bemüht sich „Evidence“ auch gleich noch darum, ein stichhaltiges Argument für die selbst unter Todesgefahr munter umherbugsierte und stets erdbebenartig geführte Kamera mitzuliefern – im dunklen Wald spendet sie schließlich Licht.

Evidence (2012) - Zelten mit der Blair Witch

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Authentischer Schrecken? Über zehn Jahre nach dem Blair Witch Project ist Wackelhorror nur noch eine Ausrede für billiges Runterkurbeln.
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Und fertig ist der Film

Dass die potenziellen Opfer der leicht dusseligen Camper-Bagage sich damit auch stets ins gut sichtbare Blickfeld ihrer Angreifer begeben, gehört dann eben zu den Regeln eines Irgendwie-Genres, das trotz seiner auf Authentizität und Realismus gebürsteten Shaky-Cam-Ästhetik natürlich doch nur 100 Jahre Horrorklischees nachstellt. Und so liegt bei Filmen wie „Evidence“, „The Devil Inside“ und Konsorten nicht zuletzt auch die Vermutung nahe, genau diese noch einmal besonders billig auffahren zu wollen.

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Viel braucht es dafür offenbar tatsächlich nicht, im bequemen Do-It-Yourself-Format werden Regisseure dann eben gern mit Filmemachern verwechselt. Howie Askins hat seinen „Evidence“ mit zahlreichen unterentwickelten Ideen angereichert, die im recht actionreichen, aber auch kurios-willkürlichen Schlussakt mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Statt seine losen Motive zumindest oberflächlich zu verbinden, setzt der Film auf eine seit „The Blair Witch Project“ vielfach erprobte finale Abruptheit, die nie so fahrig und planlos erschien wie hier.

Evidence (2012) - Zelten mit der Blair Witch

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Erst kommen die Geräusche, dann das Gemeuchel.
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Etwa 12.000 US-Dollar soll „Evidence“ gekostet haben, günstigere Filme schaffen es selten auf deutsche Multiplexleinwände. Einen Unterschied zu anderen, auch von Major-Studios profitabel auf den Weg gebrachten Found-Footage-Horrorfilmen sieht man dennoch nicht. Es ist eben schlicht ein vergleichsweise billiges Vergnügen, das Spiel mit der wackeligen Angst. Ob das noch den Gang ins Kino und ein entsprechendes Eintrittsgeld rechtfertigt, ist eine andere Frage.