Sie war der bissfeste Vamp in „From Dusk Till Dawn“ und die laszive Femme Fatale in „Lonely Hearts Killers”, sie war aber auch Frida Kahlo und gleich zweifach Filmgattin von Adam Sandler. Eigentlich also dürfte es nicht mehr viel geben, das Salma Hayek auf der Leinwand noch wirklich vor eine Herausforderung stellt. Weshalb der ganz auf sie allein zugeschnittene Ein-Raum-Actionthriller „Everly“ gleich mehrere Dutzend schießwütiger Yakuza-Schergen auf seinen Star hetzt.

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Keine Telenovela

Einziger Schauplatz des Films ist ein zwar komfortabel eingerichtetes Apartment, das außer Badezimmer und Wohnküche allerdings nicht viel Platz bietet, um vor schwer beladenen Gegnern in Deckung zu gehen. Von der ersten Minute an muss Everly (Hayek) hier nun zahllose Angriffe parieren, die ihr garstiger Ehemann Taiko (Hiroyuki Watanabe) – ein bestens vernetzter Mafiaboss, dem auch die Polizei hörig ist – aus sicherer Entfernung koordiniert.

Everly - Die Waffen einer Frau - Eine Nacht mit Salma Hayek

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Everly (Salma Hayek), die sich mal mehr, mal weniger aufregend durch 90 Minuten Planlosigkeit ballert (Mündungsfeuer aus dem Computer ist und bleibt aber bäh).
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Erst nach und nach schafft der Film Klarheit über das unwirsche Szenario. Everly wurde zur Prostitution gezwungen und jahrelang in der Luxusabsteige festgehalten. Ihre geplatzte Zusammenarbeit mit einem FBI-Mann, dessen Kopf jetzt als Geschenk verpackt vor der Tür lag, inspirierte Taiko zum Psychospielchen. Und weil er auf seine Ehefrau ein Kopfgeld ausgesetzt hat, stürmen nicht nur Yakuza-Männer, sondern auch immer wieder spontan-mordlustige Freundinnen von Everly das Apartment.

Wichtiger als die eigenen Überlebenschancen („I know I’m going to die tonight.“) ist der resoluten Frau jedoch das Wohlergehen ihrer kleinen Tochter. Sie wird daher von Everlys Mutter Edith (Laura Cepeda) einigermaßen umständlich ins Gebäude (statt weit weg in Sicherheit…) gelotst, sodass der Film die körperliche Tortur seiner Heldin noch um mütterliche Ängste erweitern kann – derweil sich im blutbesudelten Apartment die Leichen stapeln.

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Hübsch durchlöchert: Die aus dem Türrahmen ragende Kamera zeigt das blutige Gemetzel auch dann noch, wenn es vom Apartment auf den Etagenflur verlegt wird.
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Ihren Gegnern schießt Everly im Laufe der Nacht schon mal genüsslich die Eier weg, einem besonders sinistren Zeitgenossen verabreicht sie Säure. Es wird mit Elektroschockern und Saigabeln, mit Maschinengewehren und Handgranaten gekämpft. Und die schicke Wohnungseinrichtung liegt bald in Schutt und Asche. „What do you think this is, a telenovela?“, kontert Everly die nicht unberechtigten Einwände ihrer Mutter Edith.

Ziemlich klassisches High-Concept-Kino also, das eine simple Prämisse möglichst straight umzusetzen versucht. Die besondere Herausforderung solcher Filme besteht für gewöhnlich darin, eine überschaubare Ausgangsidee so zu verkomplizieren, dass deren bloße Kurzfilmtauglichkeit ausgeräumt wird. Jede einzelne dieser 90 Minuten ist demnach um einfallsreiches Ausschmücken bemüht, darum, hinter jeder Aussicht auf Schluss eine neue Falltür zu verstecken.

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Greifen sporadisch ins Geschehen ein: Yakuza-Schergen von Mafiaboss Taiko, denen es nicht gelingen will, Everly auszuschalten (sie stellen sich allerdings auch sehr doof an).
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Eingekeilte Action

Einigen gelingt das meisterlich, andere tun sich damit merklich schwer. Wie so oft war es Hitchcock, der die Messlatte hochlegte, und der mit „Cocktail für eine Leiche“ und „Bei Anruf Mord“ auch selbst mustergültige Ein-Raum-Filme drehte. Starke Ähnlichkeit hat „Everly“ vor allem mit dem kaum bekannten Noir „Tight Spot“ (1955), zu Deutsch sehr schön „In die Enge getrieben“ betitelt, in dem Ginger Rogers sich auf schmalem Hotelraum gegen Attacken eines Mafiabosses wehren musste.

Regisseur Joe Lynch („Knights of Badassdom”) stand bislang nicht unter Verdacht, ein inszenatorischer Virtuose zu sein, aber er nutzt den eingekeilten Spielort des Films mitunter interessant aus. Seine Bilder machen einen stilisierten, überlegten Eindruck. Sie werden in teils ansehnliche Plansequenzen eingebettet (was hingegen keine Überraschung ist, siehe Hitchcock), verraten aufgrund digitaler Kaschierungen (bei Explosionen und Goreeffekten) aber auch das mutmaßlich niedrige Budget.

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Der Film erscheint am 29.05.2015 auf Blu-ray und DVD.
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Erwähnenswert ist der Umgang mit Perspektiven. Bis kurz vor Ende verlässt die Kamera das Apartment kein einziges Mal, was besonders schön gelöst ist in jenen Momenten, die eine Ahnung vom Außen geben: Als Everly einmal aus dem Komplex zu fliehen versucht, bekommen wir das lediglich auf Überwachungsbildern ihrer Wohnung zu sehen, die Szenen im Etagenflur wiederum filmt Lynch aus Sicht der Eingangstür oder wahlweise durch gigantische Einschusslöcher in der Wohnzimmerwand.

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Am High-Concept-Kino ist mit ihm und seinem Drehbuchdebütanten Yale Hannon bislang allerdings kein Talent verlorenen gegangen. Inhaltlich wird ihre Idee kaum ausgereizt, vieles ist allzu vorhersehbar. Nicht nur zerfetzte Körper, auch zahlreiche Unwahrscheinlichkeiten säumen Everlys kurzen Weg. Und manch aufgesetzt tarantinoesker Einfall (der Auftritt eines Killers namens „The Sadist“) übertritt leider die Grenze zur nerdigen Genreparodie. Da wäre mehr drin gewesen. Oder eben auch: weniger.