Mit Hayao Miyazakis Rückzug in den Ruhestand will und muss sich auch Studio Ghibli neu erfinden. So kündigte man an, dass „Erinnerungen an Marnie“ der letzte Film sein würde, der produziert wird. Zumindest auf absehbare Zeit, bis sich die Firma neu erfunden hat, denn selbst Miyazaki glaubt nicht, dass es das für alle Zeiten mit Studio Ghibli gewesen sein sollte. Es wäre auch eine Schande, ist „Erinnerungen an Marnie“ doch genau die Art Film, die beweist, warum man diese Animationsschmiede benötigt.

Erinnerungen an Marnie - US Release Trailer

Weil hier reife und erwachsene Geschichten erzählt werden, die man in Hollywood als Realfilm umsetzen würde, die aber durch den Charme des klassischen Zeichentricks noch um ein Vielfaches schöner und berührender sind.

Zwei Mädchen

Es geht um die Freundschaft zweier einsamer Mädchen. Anna ist ein zwölfjähriges Mädchen, das an Asthma leidet und von seiner Adoptivmutter an die Küste zu Verwandten geschickt wird. Anna ist scheu, sie wirkt immer ein wenig traurig, sogar völlig zurückgezogen.

Ihre Freundin Marnie lebt in einem Haus jenseits der Bucht, das nur während der Ebbe zu Fuß erreichbar ist. Ihre Eltern sind nie da, nur Haushälterinnen kümmern sich um das isoliert lebende Mädchen.

Erinnerungen an Marnie - Wehmütiger, sehr nostalgischer Abschied von Studio Ghibli

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Die beiden Mädchen überwinden gemeinsam die Einsamkeit.
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Als beide sich kennen lernen, ist es wie das Finden eines lange vermissten Freundes. Sie beschließen, dass sie ihre Freundschaft geheim halten. Anna verschwendet auch keinen Gedanken daran, dass ihre Tante und ihr Onkel ihr berichtet haben, dass in dem Haus schon seit Jahren niemand mehr lebt. Alles könnte so perfekt sein, wenn nicht eine neue Familie in das Haus einziehen würde. Ist das, was Anna erlebt, real oder nur ihre Phantasie. Und macht das überhaupt einen Unterschied?

Erinnerungen

Beim deutschen Titel hätte man ruhig etwas weniger plakativ vorgehen können. Er verrät zu viel, so dass man mit jeder verstreichenden Sekunde klarer erahnt, was die Pointe dieser Geschichte sein wird. Aber auch das kann die Wirkung dieses nostalgisch verklärten Films nicht schmälern.

Erinnerungen an Marnie - Wehmütiger, sehr nostalgischer Abschied von Studio Ghibli

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Auch zeichnerisch ein wunderschöner Film.
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Mit seinen grandiosen Bildern, der einschmeichelnden Musik und den emotional aufgeladenen Momenten erzeugt „Erinnerungen an Marnie“ ein wohliges Gefühl. Es ist, als wäre man Teil dieser Freundschaft. Das funktioniert auch, weil die Zeichnungen so großartig sind. Was sich in Annas Gesicht abspielt, hätte keine Schauspielerin besser hinbekommen. Man spürt ihren Schmerz, ihren Selbsthass, ihre Scheu vor anderen Menschen, aber man sieht auch in ihrer Mimik, dass sich langsam etwas ändert. Je intensiver ihre Gefühle für Marnie werden, desto mehr blüht das Mädchen auf.

Die Nostalgie

„Erinnerungen an Marnie“ ist eine wehmütige Ode an die Freundschaft, die Familie, an die Liebe selbst. Er ist aber zugleich auch ein sehr positiver, lebensbejahender und unheimlich schöner Film, der von einem überwältigenden Gefühl von Nostalgie getragen wird.

Die einfachen Wahrheiten sind immer noch die Schönsten: Liebe besiegt alles.Fazit lesen

Das funktioniert nicht nur inhaltlich, sondern auch übergeordnet. Es ist fast so, als sei diese Geschichte ein Kommentar auf das Studio Ghibli selbst, ein Abgesang auf all das, was einst groß und schön war, verbunden mit der Hoffnung, dass es all das dereinst auch wieder sein kann. Die Jugend übernimmt den Staffelstab, die Altvorderen treten zurück, nicht jedoch, ohne ihre schützende Hand über ihre Nachfolger zu halten. So lässt sich „Erinnerungen an Marnie“ auch interpretieren. Gerade deswegen erreicht dieser Film eine Brillanz, die über die bloße Narrative hinausgeht.