Das ist euch doch sicher schon einmal passiert: Ein/e Freund/in schwor felsenfest, jemanden gesehen zu haben, der euch total - wenn nicht sogar zum Verwechseln - ähnlich sieht! Aber habt ihr selbst so etwas auch schon einmal erlebt? Standet ihr mal jemandem Fremden gegenüber und ihr dachtet, ihr guckt in einen Spiegel? Genau diese seltsame Erfahrung muss nun Jake Gyllenhaal in „Enemy“ machen. Doch ist dieser scheinbare Klon nun Freund oder Feind?

Denis Villeneuves Film „Enemy“ basiert auf dem Roman „Der Doppelgänger“ vom portugiesischen Nobelpreisträger José Saramago. Auch wenn sich die Leinwandversion von der Vorlage nur inspirieren ließ, haben beide Werke doch vor allem eines gemeinsam: sie lassen sich viel Zeit mit der Erzählung. Ruhig und gemächlich schreitet die Geschichte voran. Was nach Ermüdung klingt, ist aber keineswegs langweilig, sondern stets voll Spannung knisternd, wie man es von Villeneuve kennt.

Enemy - Ein Thriller, so verwirrend wie genial

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 2/61/6
Der Film erscheint bei uns am 22.05.2014 in den Kinos.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dieser hatte direkt im Anschluss an „Enemy“ ebenfalls Jake Gyllenhaal für seinen nächsten Film „Prisoners“ verpflichtet. Im Kino erschien „Prisoners“ jedoch weit vor „Enemy“. Während in dem packenden Thriller um eine Kindesentführung Hugh Jackman die zweite Hauptrolle an der Seite von Gyllenhaal spielte, durfte letzterer in „Enemy“ gleich beide Schlüsselfiguren verkörpern. Für Jake-Gyllenhaal-Fans also ein absolutes Muss.

Obsessive Doppelgängerjagd

Zuvor sollte man sich allerdings im Klaren darüber sein, dass „Enemy“ keine leichte Kost ist. Es handelt sich hierbei nicht um gemütliches Popkornkino und lustig oder actionlastig wird es auch nicht. Denis Villeneuves neues Werk ist ein atmosphärischer Psychothriller mit diversen verstörenden Bildern und Momenten, dessen Ausgang den Zuschauer im Unklaren und viel Platz für Deutungsmöglichkeiten lässt. Ebendiese Freiräume bietet der Film auch schon während der Erzählung, getoppt wird dies aber noch durch das Finale, das die Diskussion nach dem Kinobesuch anheizt.

Enemy - Ein Thriller, so verwirrend wie genial

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 2/61/6
Regie bei "Enemy" übernahm Denis Villeneuve.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es fängt alles recht simpel an: Jake Gyllenhaal spielt Adam Bell, ein Geschichtsprofessor der von seinem Leben gelangweilt ist. Jeden Tag die gleiche Vorlesung, routinierter Sex mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent), mit der er sonst keine Gemeinsamkeiten zu haben scheint – Tag für Tag das Gleiche, stete Wiederholung und kein Ausweg in Sicht. Bis er eines Abends auf Empfehlung eines Kollegen einen Film sieht und in diesem eine außergewöhnliche Entdeckung macht: Einer der Nebendarsteller sieht nicht nur aus wie er, seine Stimme klingt auch zum Verwechseln ähnlich.

Und nun beginnt das packende Verwirrspiel von Denis Villeneuve: Adam macht den Schauspieler Daniel Saint Claire ausfindig und spioniert ihm hinterher. Dabei erfährt er nicht nur, dass sein Double einen Künstlernamen benutzt und eigentlich Anthony Clair (Jake Gyllenhaal) heißt, sondern auch, dass Anthony eine schwangere Frau namens Helen (Sarah Gadon) hat. Adam findet die Vorstellung eines Doppelgängers immer faszinierender.

Bildgewaltiger und atmosphärischer Psychothriller, der die Interpretation des Films komplett dem Zuschauer überlässt.Fazit lesen

Die Suche nach ihm und die Recherchen entwickeln sich schnell zu einer Obsession. Doch die Distanz zu wahren löst dieses mysteriöse Rätsel nicht und so konfrontiert Adam seinen vermeintlichen Doppelgänger schon bald mit der Tatsache, dass es zwei von ihrer Sorte gibt, was eine gefährliche Kette von Ereignissen auslöst …

Chaos ist Ordnung, die darauf wartet, entziffert zu werden

Ab diesem Punkt weiß der Zuschauer nicht mehr, was er glauben soll: Gibt es tatsächlich zwei Menschen, die in der gleichen Stadt leben und sich ganz zufällig von Kopf bis Fuß ähnlich sehen, mitsamt einer auffälligen Narbe auf der Brust? Oder handelt es sich hierbei um verloren gegangene Zwillinge? Die wohlmöglich einfachste Lösung: Ist Adam/Anthony etwa schizophren?

Für keine dieser Vermutungen gibt es eindeutige Anzeichen. Zu viel widerspricht sich. Hat man als Zuschauer scheinbar eine Antwort auf dieses Rätsel gefunden, wird diese in der nächsten Szene auch schon widerlegt. Eindeutig ist nichts. Und gerade das macht den Film spannend und frustrierend zugleich. Bis zuletzt fiebert man mit, weil man hinter das Geheimnis dieser doppelten Existenz kommen möchte.

Enemy - Ein Thriller, so verwirrend wie genial

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 2/61/6
Der Thriller beeindruckt mit Jake Gyllenhaal in einer Doppelrolle.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ist Anthony vielleicht das personifizierte Unterbewusstsein Adams? Klar ist, dass Adam schnell in eine Identitätskrise gerät, die von panischer Existenzangst abgelöst wird. Wie einmalig sind wir und wie unersetzbar? Jeder möchte unverwechselbar sein, immer mehr geht es um Individualität in der Gesellschaft. Doch bei so vielen Menschen auf der Welt, könnte da nicht irgendwo ein Double von uns herumlaufen? Jemand, der uns in so vielem oder gar in allem ähnlich ist?

Pfui Spinne!

Neben der Existenzangst sind auch Intimität und Anonymität große Themen von „Enemy“. Die Anonymität der Großstadt wird durch die gewaltigen Bilder von Kameramann Nicolas Bolduc eingefangen, der die riesigen Wohnblöcke Torontos immer wieder zum Mittelpunkt der Szenerie macht und diese gerne als abstrakten Übergang zwischen zwei Schauplätzen verwendet. Für seine atmosphärischen Bilder benutzte Bolduc Farbfilter, um „Enemy“ einen gelb-braunen Farbton zu verleihen.

Enemy - Ein Thriller, so verwirrend wie genial

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 2/61/6
Enemy.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Durch die gigantischen Hochhäuser im Kontrast zu den engen Apartments der Protagonisten wird ein klaustrophobisches Gefühl vermittelt, alles von der Architektur bis zur Luft soll seltsam und gefährlich zugleich erscheinen. „Wir wollten, dass das Publikum den Staub, die Feuchtigkeit und die Luftverschmutzung fühlt“, so Bolduc, der bei der Farbgebung von Politthrillern der 70er Jahre inspiriert wurde.

Neben der gelb-braunen Färbung ist jedoch noch ein Symbol wichtig für das Szenenbild von „Enemy“: Eine überdimensionale Spinne, die nicht nur durch Toronto stakst und dabei beängstigend über die vielen Hochhäuser ragt, sondern auch in Adams nächster Umgebung auftaucht – furchteinflößend, widerlich und faszinierend zugleich. Diese Spinnen-Symbolik kann vom Zuschauer individuell gedeutet werden.

Enemy - Official Red Band Teaser #1Ein weiteres Video

Nach der Filmvorführung kamen unter den Pressekollegen die wildesten Spekulationen zusammen, was diese Spinne bedeuten könnte. Und obwohl sich jeder so sicher war, dass seine These die richtige sein müsste, kam doch keiner auf die Idee, die die Filmemacher hinter der Spinnen-Symbolik verfolgten. Die an dieser Stelle aber nicht verraten wird, da auch der Regisseur hofft, die Inspiration voll und ganz dem Publikum überlassen zu können. So wie die Deutung des gesamten Films.