Gefühlt vergeht kein Monat ohne einen neuen Nic-Cage-Film. Nun im Sortiment: Der Thriller „Dying of the Light“. Irgendwas mit CIA und Terroristen, überwiegend in Rumänien gedreht. Allerdings von Paul Schrader, dem die Filmgeschichte bis heute großen Kredit gibt, etwa für seine Drehbücher zu „Taxi Driver“ oder „Raging Bull“. Zudem als Produzent mit dabei: Nicolas Winding Refn, das dänische Wunderkind hinter „Drive“ und „Only God Forgives“.

Dying of the Light - Jede Minute zählt - Official Trailer #1

Künstlerische Respektlosigkeit

Klingt erst einmal nicht nach jenem handelsüblichen Videothekenramsch, mit dem Nicolas Cage seit einigen Jahren seine Steuerschulden begleichen muss. Auch wenn Paul Schrader nun schon lange kein Garant mehr ist für unbedingt interessantes Kino. Seine letzte Regiearbeit, das Hollywoodsexdrama „The Canyons“, mag als psychotherapeutisches Vehikel für Lindsay Lohan sicherlich noch einen gewissen Reiz gehabt haben. Aber ein wirklich guter Film war das jetzt eigentlich nicht.

Dying of the Light - Jede Minute zählt - Ein Nicolas Cage, sie zu knechten

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Der angeschlagene CIA-Agent Evan Lake (Nicolas Cage) könnte sich längst in den Ruhestand verabschieden, hat aber noch eine sehr, sehr alte Rechnung offen.
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„Dying of the Light - Jede Minute zählt“ macht es einem schon deutlich einfacher: Nicht einmal Schrader selbst möchte etwas mit diesem seinem eigenen Film zu tun haben, zumindest in der vorliegenden Fassung. Die nämlich wurde nach Studioermessen fertig gestellt, unter sorgfältigem Ausschluss kreativer Köpfe. Schraders ursprünglich abgelieferter Film, so behauptete ein Produzent, sei nicht mehr als das zu erkennen gewesen, wofür man ihm grünes Licht erteilt habe.

Nun besäße ein Schrader-Film, der ganz ohne Differenzen zustande gekommen ist, gewiss Seltenheitswert in dessen 40jähriger Karriere. Zugleich aber dürfte es sich um die schmerzlichste Niederlage handeln, die er seit dem verunglückten Prequel „Exorzist: Der Anfang“ (später als Director’s Cut unter dem Titel „Dominion: Exorzist“ veröffentlicht) zu erleiden hat. Laut Nicolas Winding Refn sei „Dying of the Light“ in seiner jetzigen Form ein Resultat künstlerischer Respektlosigkeit.

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Vor Jahren spielte man Evan Lake übel mit. Fesselte und folterte ihn, schnitt ihm gar ein Stück Ohr ab. Seither gelten die Terroristen als tot, nur Crazy Cage glaubt nicht daran.
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Der Däne war selbst einmal als Regisseur für das Projekt vorgesehen. Harrison Ford sollte die Rolle des heruntergewirtschafteten CIA-Agenten Evan Lake spielen, der nach 20 Jahren seinen tot geglaubten Rivalen Muhammad Banir (Alexander Karim) aufspürt, doch er zeigte sich unzufrieden mit Schraders Drehbuch im Allgemeinen und dem Ausgang der Handlung im Besonderen. Refn verblieb als Produzent, Schrader übernahm die Regie. Und für Nicolas 'Bad Lieutenant' Cage schien das Material genau richtig.

Wenn man überhaupt etwas Gutes sagen möchte über „Dying of the Light“, dann müsste man bei Cage anfangen und leider auch schon wieder aufhören. Einmal mehr ist der Mega-Acting-Gott eine imposante Erscheinung, hier ausnahmsweise ohne Perücke oder Toupet, aber herrlich graumeliertem, leicht verzaustem Haupthaar. Am Ohr trägt er eine große Narbe, die ihm einst der terroristische Erzfeind zuführte, und seine gesundheitliche Verfassung ist von einer sich anbahnenden Pick-Krankheit erfasst.

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Tatsache: Terrorist Muhammad Banir (Alexander Karim) lebt, wenngleich er sich nicht gerade bester Gesundheit erfreut. Er verbringt den gesamten Film über ans Bett gefesselt.
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Redselig und unspektakulär

Cage zittert sich nun nicht gerade subtil durch eine Rolle, die irgendwo zwischen Sebstvertrashung und Charakterdrama liegt. Die einzig nennenswerte Idee des Drehbuchs – soweit sich das im nicht von Schrader autorisierten fertigen Film beurteilen lässt – besteht darin, die beiden Hauptfiguren insofern zu spiegeln, als sich aus deren Schicksalen eine letztlich fragile Dualität ableiten lässt. Denn nicht nur der CIA-Mann, auch sein im Exil lebender Kontrahent ist todkrank.

So stellt der Film also frontotemporale Demenz des einen und schwere Anämie des anderen gegenüber, ehe sich die Wege der Widersacher endlich kreuzen. Schwer zu sagen natürlich, ob dieses finale Aufeinandertreffen in der Ursprungsfassung nicht aus redeschwallartigen Dialogen und einem so blitzschnellen wie unspektakulären Schusswechsel bestand. Aber das letzte Drittel ist leider überhaupt nicht geeignet, die ohnehin sehr öde erste Stunde einigermaßen rückvergüten zu können.

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Drive Angry: Nicolas Cage fährt einem Showdown entgegen, der eigentlich kaum als solcher bezeichnet werden kann. Aber die nächste Videopremiere kommt bald.
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Der Rest unterscheidet sich, zumindest in der jetzigen Form, kaum vom Groß jener Videomarktfilme, derer Nicolas Cage nun schon so einige gedreht hat. Es gibt eins, zwei schöne Momente, in denen er kurzzeitig zu gewohnter Form aufläuft (plus eine waschechte Crazy-Cage-Szene: vollkommen sinn- und kontextbefreit schnuppert er im Vorbeigehen an einer Hotellobbypflanze), aber überwiegend leidet auch sein Spiel unter der Höhepunktarmut des Films.

Der klägliche Rest eines vielleicht mal interessanten Films, von dem sich (fast) alle Beteiligten aus gutem Grund distanziert haben. Unbedingt meiden.Fazit lesen

Ziemlich hässlich sieht „Dying of the Light“ obendrein aus, was ebenfalls mit der eigenmächtigen Fertigstellung durch das verantwortliche Studio zusammenhängt (Kameramann Gabriel Kosuth schrieb im US-Branchenblatt Variety eine ganze Gastkolumne über den digital verfälschten Look). Und er hört sich auch schlimm an, mit einer generischen Actionmusik, die aus unerklärlichen Gründen immer dort Tempo suggeriert, wo die Inszenierung ganz bewusst verhaltene Töne anzuschlagen scheint.

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Von Paul Schraders sonst recht unverkennbarer Signatur sind dabei allenfalls noch Bruchstücke auszumachen. Ein bisschen Verzweiflung des Gesellschaftsdieners hier, merklich unscharfe Systemkritik da. Und etwas realpolitische Verweismethodik gibt es auch. All das aber findet im luftleeren Raum statt, oder anders, der Film stellt nichts weiter mit seinen Dialogfetzen über 9/11, die Rolle der CIA oder Whistleblowing an, außer sie eben einfach mal irgendwie einzuwerfen.