Von all seinen Werken wollte Schriftsteller Irvine Welsh am liebsten „Drecksau“ verfilmt sehen, ihm war aber auch klar, dass gerade dieser Roman nur schwer auf die Leinwand zu bringen ist. Denn die Hauptfigur ist ein Schwein vor dem Herrn, ein missgünstiger, manipulativer, hundsgemeiner Typ, mit dem man sich wahrlich nicht identifizieren will. Was im Roman durch introspektive Erzählweise etwas ausgehebelt werden kann, muss im Film durch das differenzierte Spiel des Hauptdarstellers gelingen. Als Zuschauer soll man Bruce Robertson nicht sympathisch finden, aber faszinieren, das muss er auf jeden Fall.

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Es ist Weihnachtszeit, aber Detective Sergeant Bruce Robertson (James McAvoy) ist nicht in Weihnachtsstimmung. Er muss den Mord an einem japanischen Studenten aufklären, aber das interessiert ihn weniger als die Beförderung, von der er sicher ist, dass sie ihm zusteht. Auf jeden Fall benötigt er sie, um Frau und Kind zurückzugewinnen. Glaubt er zumindest.

Der Beförderung stehen einige Konkurrenten im Weg. Aber Hindernisse muss man überwinden und übereifrige Kollegen kalt stellen. So intrigiert Robertson, deckt Geheimnisse auf, von denen er weiß, dass sie unangenehm sind, und spielt jeden gegeneinander aus. Immer ist er seinen Widersachern einen Schritt voraus, aber der konstante Alkohol- und Drogenmissbrauch fordern ihren Tribut. Immer mehr versinkt Robertson im eigenen Irrsinn. Die Fassade der Normalität ist kaum noch aufrechtzuerhalten. Von Minute zu Minute wird klarer, was er eigentlich ist: Eine Drecksau.

Eine Frage des Fokus

Der Roman konzentriert sich stärker auf den Mordfall, im Film wird dieser praktisch nebenher abgehandelt. In der Hauptsache geht es hier um die Beförderung, die Robertson unbedingt will. Das erlaubte Jon S. Baird, der nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch verfasste, die Geschichte mit einer Portion schwarzen Humors aufzuladen.

Drecksau - Du musst ein Schwein sein in dieser Welt

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So geht gute Kinderstube.
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Obwohl Robertsons Handeln in letzter Konsequenz absolut widerlich ist, ist er doch der Held seiner eigenen Geschichte. Als Zuschauer bringt man ihm einen Hauch Sympathie entgegen, wünscht sich im Grunde aber auch sein Scheitern. Der eigene moralische Kompass verlangt es; einer solchen Drecksau kann man schließlich nicht die Erfüllung all ihrer Wünsche gönnen.

Dass man Sympathie für ihn empfindet, liegt vor allem an McAvoy. Mit ihm verbindet man andere Rollen, er kommt mit einem Sympathie-Vorschuss, der erst im Verlauf der 94 Minuten von „Drecksau“ abgetragen wird.

Der Blickwinkel der Drecksau

Baird hat seinen Film perfide gestaltet. Er erzählt samt und sonders aus dem Blickwinkel von Bruce Robertson und zwingt den Zuschauer damit, es ihm gleichzutun. Dabei kann man erleben, wie der langsame Verfall Fahrt aufnimmt. Scheint der manisch-depressive Polizist anfangs zumindest noch sich selbst im Griff zu haben, stolpert er immer mehr über die Fallstricke seines eigenen Gehirns.

Im Roman übernimmt ein Bandwurm, der in ihm größer wird, sein Handeln und spricht für seinen Wirt, im Film wird der Wurm nur noch in einer surrealen Sequenz angedeutet. Der körperliche Verfall ist hier nicht so evident wie der geistige, der mit Halluzinationen einhergeht. Großartig ist dabei Jim Broadbent als Robertsons Psychiater mit seinem ganz eigenen Sprachduktus, der an eine Figur aus „Uhrwerk Orange“ erinnert.

Packshot zu DrecksauDrecksau

Hätte sich Baird nicht dazu entschieden, den Film schwarzhumorig zu gestalten, er wäre ein bitterer Thriller geworden, dessen Hauptfigur nicht von ungefähr an Patrick Bateman erinnert. Die mörderischen Tendenzen gehen Robertson ab, aber amoralisch und sexistisch ist er auch. Er delektiert sich an dem, was er ausgelöst hat, an dem Freund, den er in die Scheiße geritten hat, den Kollegen, den er gedemütigt hat, das minderjährige Mädchen, das er zur Fellatio zwingt. Einen derart unangenehmen „Helden“ hatte ein Film selten zuvor.

Manipulieren, intrigieren, reinlegen – das sind die Königsdisziplinen der Drecksau in diesem Film. Unkonventionelles Independentkino, prickelnd und aufregend.Fazit lesen

Der Abschaum

Zu Irvine Welshs Spezialität gehören suchtkranke Unsympathen. Sie bevölkern seine Filme, von „Trainspotting“ angefangen bis zur jetzigen „Drecksau“. Seine Geschichten, obschon durch die Hand von Filmemachern gefiltert, haben ein eigenes Flair, ebenso wie seine Figuren. Was in der Synchro in der Regel verloren geht, ist der sprachliche Lokalkolorit.

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Ritze ratze, voller Tücke, in die Brücke eine Lücke.
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Welsh schreibt die Texte seiner Figuren oftmals lautmalerisch, „Drecksau“ wiederum lebt auch von den umwerfenden schottischen Akzenten. Auch dieser lässt McAvoy anders als üblich erscheinen. Normalerweise moderiert er seine Art zu sprechen, der schottische Akzent ist ihm aber in die Wiege gelegt. Hier lebt er ihn ganz und gar aus.

Wer die Gelegenheit – und das sprachliche Verständnis – hat, sollte sich durchaus überlegen, „Drecksau“ im Original zu goutieren.