Die Marvel-Manie grassiert weiter! Ungehemmt erfasst sie Millionen und Abermillionen Zuschauer auf der ganzen Welt, die nach immer mehr lechzen. Doch es ist wahr, dass die größten Franchises des Comic-Giganten mittlerweile abgegrast sind. Nach den Avengers und jeweils zwei Versuchen, Spider-Man, X-Men und Fantastic Four (letztere drei allerdings nicht aus eigenem Hause) auf die große Leinwand zu hieven, ist es also kein Wunder, dass man sich nun anderen, unleugbar kleineren Namen zuwendet. Was schon eher ein Wunder ist: dass dabei bislang regelmäßig exzellente Filme entstehen. Guardians of the Galaxy, Deadpool... und nun Doctor Strange.

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Kurioserweise kann man den Ablauf des Films umreißen und gelangt zu einer Beschreibung, die verdammt nach der hinlänglich bekannten Formel quasi aller Origin-Storys von Capeträgern klingt: Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist ein genialer Neurochirurg, aber arrogant und antisozial, bis ihm ein Autounfall beide Hände verkrüppelt. Verzweifelt zieht der stark rationale Strange erstmals übernatürliche Hilfe in Betracht. In Nepal wird er nach einigen Schwierigkeiten von der Zauberin The Ancient One (Tilda Swinton) und ihrer Gemeinschaft aufgenommen, die Strange über das Gefüge multipler Dimensionen aufklären und ihm beibringen, wie er magische Kräfte kanalisieren kann. Was zunächst nach einer Möglichkeit aussieht, sein altes Leben wiederzuerlangen, zieht Strange schon bald in einen Konflikt der Multiversen, denn ein ehemaliger Schüler von The Ancient One, Kaecilius (Mads Mikkelsen), trachtet danach, unsere Dimension an das extradimensionale Monster Dormammu auszuliefern.

Das alles klingt arg gewöhnlich, und Freunde von Comic-Verfilmungen erkennen auf Anhieb die bekannte dreigeteilte Struktur von „Vorgeschichte – Entwicklungsphase – Showdown“, die jeder Origin-Story anhaftet. Doch das ist das bisschen Programmatik, das sich der Film erlaubt. In jedem anderen Aspekt ist er entweder überraschend oder hervorragend, oft beides.

Doctor Strange - Ist hier jemand Arzt? Ich sterbe vor Glück!

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Die Action ist nicht auf größtmögliche Explosionen aus, sondern clever inszeniert. Wie überhaupt alles an diesem Film.
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Natürlich kann man sich denken, dass eine Riege, die Cumberbatch, Swinton und Mikkelsen führt (neben der überraschend guten Rachel McAdams, die nicht unterschlagen werden soll), einfach gut sein muss. Doch das wäre nicht einmal halb so viel wert, wenn der Rest des Films seinen Darstellern nicht gewachsen wäre. Aber eine Überraschung jagt die nächste. Zunächst wäre da das Script, das mit klugen Dialogen, launigen Gags mit Mut zur Albernheit und großen Momenten gefüllt ist. So kommt es dann, dass schon das erste Drittel des Films, die traditionell etwas maue Vorgeschichte des zwar schon außergewöhnlichen, aber noch nicht Superheld gewordenen Menschen, spannend ist, mitreißend. Man lernt Strange nicht nur kennen, weil man es für das knallbunte Spektakel im Anschluss braucht, sondern, weil man es will – eine Qualität, die sich ungebrochen bis zum angemessen cleveren Finale hält.

Doch Doctor Strange ist auch mehr als nur die Anreicherung des üblichen Marvel-Gewitters mit Gefühl, einem spritzigen Drehbuch und erstklassigen Schauspielern. Selbst die erwarteten und auch gelieferten Stärken im Bereich Action, Schauwert und Popcorn-Güte nehmen bei der Geschichte um den zukünftigen Sorcerer Supreme eine neue, eigene Form an. Eine, die den Film unleugbar in die Klasse seiner berühmten Kollegen hebt und ihm doch genug Individualität verleiht, als dass er sich abhebt, ein eigenes Publikum finden kann und nicht einfach als ein „schlechterer Avengers“ abgestempelt werden darf.

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Wie Strange selbst im Film lernt auch der Zuschauer im Kinosaal, dass das Universum auf der Leinwand nicht an die üblichen, bislang akzeptierten Regeln gebunden ist. Nicht jeder Dollar der Produktionsfirma muss in Explosionen oder einstürzende Neubauten investiert werden, bis die Innenstadt von New York zwangsläufig aussieht wie ein qualmendes Häufchen Elend. Die Action in Strange ist eine, bei der Hindernisse nicht gesprengt, sondern mittels Magie gefügig gemacht werden, die Realität, was auch immer das sein mag, wird von kämpfenden Zauberern bis zur Unkenntlichkeit gebogen.

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Unsichtbare Dimensionen werden zu den parallel zur modernen Welt laufenden Schlachtfeldern eines Magierkrieges. Häuserschluchten biegen sich im Stile von Nolans Inception, architektonische Versatzstücke greifen in einer Bilderflut wieder und wieder ineinander, um ganze Arenen und Tunnelkonstrukte unwirklicher Flickwerk-Architektur zu bilden. Und mittendrin streiten die Krieger dieser fremden Welt auf eine Weise, die mit ihrer Mischung aus Magie und Kung Fu mehr als nur ein bisschen an Avatar: The Last Airbender erinnert – nur scheren sich Strange und seine Widersacher nicht mal mehr um Kinkerlitzchen wie „Wo ist denn nun oben und unten?“ oder „In welcher Dimension befinden wir uns denn nun gerade?“. Das beste popkulturelle Äquivalent zur Action, das mit einfällt, ist das begnadete Bayonetta.

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Einen Vorgeschmack auf diese ebenso eigenwillige wie reizvolle Art, den Film optisch umzusetzen, erhalten wir schon früh. Der erste Erweckungsmoment des Doctors, in dem ihm die Vielfalt der Multiversen-Realität vor Augen geführt wird, mag im CGI-Zeitalter vielleicht nicht mehr so beeindruckend wirken wie er es früher getan hätte. Doch hier wird eine brillante Stärke von Computergrafik genutzt, die zu oft sträflich vernachlässigt wird: Anstatt die Realität zu imitieren, was oft genug nach hinten losgeht, wird Strange und somit auch uns eine surreale Bilderflut von sich ineinander ergießenden Farben und Formen vorgesetzt, ein exotischer Blick in ein Fantasy-Kaleidoskop, wie es sich Kubrick schon für 2001 ausgemalt hatte. Ein Rausch an nicht greifbaren Elementen, die die Größe des bislang Unbekannten visuell vermitteln. Es setzt eine Zäsur und gleichzeitig den Ton für den Rest des Films – ein weiterer äußerst geschickter Griff.

Ihr merkt, wie ich mich abhample, Dinge in Worte zu fassen, die man eigentlich sehen muss. Es lässt sich ganz einfach herunterbrechen auf: Der Film ist visuell großartig und hebt sich doch vom Rest der Marvel-Streifen ab, indem er nicht (nur) auf Pomp, sondern auf die optische Vermittlung seines exotischen Szenarios baut. Und dieser Aspekt beißt sich nicht mit den bereits erwähnten Stärken oder überschattet sie, sondern ergänzt sich mit ihnen, bietet ihnen Bühne und jeder Teil hat Raum zum Atmen.

Ein Besuch beim Doctor lohnt sich – einer der besten Filme, die Marvel bislang hervorgebracht hat.Fazit lesen

Das Ergebnis ist ein Film, der nicht eine Minute langweilt. Er ist frei von allzu üblen Klischees und Peinlichkeiten und erfreut stattdessen auf quasi jeder Ebene. Wenn man mal Deadpool und Guardians außen vorlässt, die deutlich als direkte Komödien angelegt sind und daher nicht wirklich in Konkurrenz stehen, ist Doctor Strange ein heißer Anwärter auf den Titel „Beste Marvel-Verfilmung“. Meine Stimme hat er.