Wenn man das Cover der Blu-ray so anschaut, fragt man sich (mal wieder): Was ist eigentlich mit den deutschen Verleihern los? Sicher, das Motiv wurde von der US-Vorlage übernommen, aber wieso der Zusatztitel „Dirty Trip“? Wieso zwei schlecht übersetzte, zudem kontextbefreite und deswegen auch falsche Review-Zitate von US-Medien („Ein höchst vergnügliches Road Movie“ und „Energiegeladen wie hochriskante Action“)? Ist es wirklich, auch auf lange Sicht, sinnvoll seiner Kundschaft etwas komplett Gegensätzliches unterzujubeln? Wer hier nämlich auf einen Film im „Hangover“-Stil hofft, guckt metertief in die Röhre - Action gibt’s in „Mississippi Grind“ nämlich gar keine und lustig ist der Film nur bedingt. Es ist aber auch nicht so, dass man hier verzweifelt versucht eine Gurke schmackhaft zu machen, denn das Zocker-Drama ist vor allem eins: Verdammt gut!

Dirty Trip - Exklusiver Clip aus dem Drama mit Ryan ReynoldsEin weiteres Video

Zwei Player auf dem Weg zum großen Abräumen

Der Film der beiden Regisseure Anna Boden und Ryan Fleck (wohl in erster Linie bekannt durch den Ryan-Gosling-Knaller „Half Nelson“) handelt von Gerry (Ben Mendelsohn) und Curtis (Ryan Reynolds). Der verdruckste Immobilienmakler Gerry ist ein zwanghafter Spieler, der wie so viele zwanghafte Spieler permanent pleite ist. Sein Hang zum Zocken hat ihn auch die Ehe gekostet und die Tochter sieht er kaum. Gerry muss jedenfalls dringend von seinem Schuldenberg runter, da es ansonsten noch größere Probleme mit einem ziemlich unangenehmen Kredithai gibt.

Die beste Möglichkeit bietet hierzu ein Pokerspiel in New Orleans, allerdings beträgt das Startgeld satte 25.000 Dollar. Um das zu bekommen, muss er jedoch wieder spielen. Das Blatt scheint sich allerdings zu wenden als er den charismatischen Curtis kennenlernt. Zusammen ziehen die beiden Männer, unterbrochen von vielen Zwischenstationen, den Mississippi runter, zum großen Turnier…

Dirty Trip - Ein Film, wie aus der Zeit gefallen

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Gerry bei seiner Lieblingsbeschäftigung.
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Back to the good old days!

„Mississippi Grind“ wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, das allerdings im positiven Sinne. Boden und Fleck orientieren sich stark an Zocker-Filmen der 60er- und 70er-Jahre wie „California Split“, „Haie der Großstadt“ oder „The Gambler“, dessen Drehbuchautor James Toback ulkigerweise auch hier und nicht, was wohl nahe liegender wäre, im letztjährigen, missratenen Remake seines Films, einen Gastauftritt hat. Diese Ausrichtung erschöpft sich aber mitnichten nur in Referenzen, auch in inhaltlicher Hinsicht atmet man tief den Geist dieser Ära und so werden ungeduldige Naturen schon bald das große Gähnen anfangen, denn „Mississippi Grind“ ist in allererster Linie zutiefst geerdet und entspannt, was auch vom absolut großartigen, stark blueslastigen Soundtrack mit Beiträgen von unter anderem Lee Hooker, Memphis Minnie, Memphis Slim, Big Bill Broonzy und Paul ‘Wine’ Jones unterstrichen wird, den man mittlerweile auch auf zwei schönen Alben („Vol 1: Gerry’s Road Mix“ und „Vol 2: Curtis’ Road Mix) erwerben kann.

Die Charaktere stehen im Mittelpunkt

Boden und Fleck sind am großen „Boah!“-Effekt nicht interessiert, sondern machen sich weitgehend frei von erzählerische Konventionen, von dramaturgischen „Da-muss-jetzt-aber-gleich-was-kommen“-Jahrmarkteffekten, man schildert lediglich die Freundschaft zweier ungleicher Männer und fokussiert sich dabei voll und ganz auf die beiden Hauptcharaktere, gibt ihnen Raum zum Atmen, saugt sich regelrecht an ihnen fest. Wofür Reynolds und Mendelsohn sich reichlich bedanken. Vor allem (der ohnehin nicht genug zu preisende) Mendelsohn scheint die Rolle seines Lebens gefunden zu haben und zeichnet hier mit präzisem, unaufdringlichen Pinselstrich einen Menschen, der an seinem Leben zerbrochen ist. Der keine klaren Antworten gibt, ja, den Leuten kaum noch in die Augen schauen kann und der ganz tief im Inneren weiß, was eigentlich schief gelaufen ist (und auch immer noch schief läuft), aber einfach nicht die Kraft findet um Änderungen zu bewirken. Das wird besonders in einer sagenhaften (unter einer ganzen Menge sagenhaften) Szenen deutlich: Bei einem Black-Jack-Spiel im Hinterzimmer eines Clubs scheint Gerry zu gewinnen, verliert aber trotzdem, woraufhin er weiterspielen will, wovon ihm sogar seine Mitspieler abraten. Gerry behält allerdings sein Sieger-Lächeln auch beim Verlassen des Clubs auf den Weg zum Auto, wo sich das fröhliche Gesicht dann aber langsam in eine mit Tränen benetzte Kummerwüste verwandelt.

Dirty Trip - Ein Film, wie aus der Zeit gefallen

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Curtis, Gerrys Glücksbringer.
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All das, die innige Hoffnung auf den Sieg, der Schock beim Erkennen, das der Gegner doch die besseren Karten hat, der aufbrandenden Zwang zum Weiterspielen hingegen jeder Vernunft, der plötzliche Blick auf das Mitleid erregende Gesicht hinter dem Pokerface und die Angst und Verzweiflung darin, wird von Mendelsohn so leise, so subtil, so ohne jedes affektierte Oscar-Gehabe gespielt und von der zurückhaltenden Regie so effektiv unterstützt, dass wohl nur völlig empathielosen Zeitgenossen hier nicht das Herz zerdrückt wird.

Wie das Leben: Kantig, voller Stolpersteine, aber trotzdem wunderschön!Fazit lesen

Doch auch der vor allem gerne in Blockbuster-Schrott verheizte Ryan Reynolds gibt sich keine Blöße: Auch wenn seine Rolle etwas weniger tiefgründig angelegt ist, bietet er doch das perfekte, ebenso toll gespielte und mit einem leicht melancholischen Schuss versehene Gegengewicht zu Mendelsohn. Er ist letztendlich der, der, wenn ebenso nicht ganz frei von Problemen, Mendelsohn gerne wäre, jemand, der mit sich selbst weitgehend im Reinen ist.

Wenn man diesem feinen Film unbedingt einen Vorwurf machen will, dann ist das der Umstand, dass er sich in den letzten zwanzig Minuten etwas eingefroren anfühlt, die Charaktere sind erforscht, „Mississippi Grind“ tut sich, trotz mehrerer Möglichkeiten, allerdings trotzdem etwas schwer zu einem Abschluss zu kommen, wählt dafür dann aber auch den günstigsten Ausgang.