Was darf man von einem Film erwarten, der seit 2002 in der Mache war, ein Sequel zu „Sieben“ darstellen soll und seit über zwei Jahren nun fertig auf Halde liegt? Erstaunlich viel, komischerweise, sofern denn berücksichtigt wird, dass die Messlatte generell einen Tacken weiter unten liegt. Und es hier um mordende Sterbehilfe geht, weil zum Beispiel ein verkappt schwuler Ehemann seine Frau mit HIV angesteckt hat.

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Sieben hellsehende Lämmer

Bei solchen Szenen merkt man allzu deutlich, dass das Drehbuch zu „Die Vorhersehung“ schon etliche Jahre auf dem Buckel hat. Als Ted Griffin („Ocean's 11“) und Sean Bailey (jetzt Produktionschef bei Disney) ihre erste Fassung ablieferten, war HIV noch „in Mode“ und das Stichwort „cleverer Serienkiller“ erzeugte noch Dollarzeichen. Tatsächlich ist eine gewisse Ähnlichkeit zu „Sieben“ nicht zu leugnen, bis runter zum Beispiel zu einer in der Mitte stattfindenden Verfolgungsjagd, nach der ein großer Twist kommt.

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„W-O I-S-T D-E-R K-O-P-F?“ Jeffrey Dean Morgan ist etwas durcheinander (und grummelig).
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Der große Remix mal wieder, zwischen dessen Schnippelscheren auch „Das Schweigen der Lämmer“ gerät. Das führt bereits am Anfang, als Polizistin Cowles (Abbie Cornish) Hellseher Clancy (Anthony Hopkins) bittet, bei der Jagd auf einen weiteren Hellseher (Colin Ferrell) zu helfen, zu deutlichen Déjà-vu-Zuckungen. Der erste und zweite Akt von „Die Vorhersehung“ beinhalten natürlich irre Tötungsmethoden (= viel Blut, Ausrede Sterbehilfe), einen roten Hering, die langsame Annäherung zwischen Cowles und Clancy, und den grummeligen Kollegen von Cowles (Jeffrey Dean Morgan), der „wegen früher“ keine gute Meinung von Clancy hat. All das stammt geradewegs aus dem großen Thriller-Kochbuch.

Was nicht unbedingt schlecht sein muss, aber halt auch spürbar durchatmen lässt, wenn dann endlich um die Stundenmarke Colin Farrell auftaucht. Der Serienkiller. Kevin Spacey mit übersinnlichen Kräften. Der der Polizei immer einen Tacken voraus ist. Zum Beispiel kritzelt er die genaue Ankunftszeit der Polizisten bereits vorher auf eine Karte. 4 Uhr 16, der Kehlenschnitt sitzt. Jetzt beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel auf Augenhöhe, das durch die Vorhersehungen immer wieder willkommene Haken schlagen kann. Und so natürlich auch einen Freibrief erhält, jeden Anflug eines Plotlochs „plausibel“ zuzukleistern.

Ruhe sanft GmbH

Bis zum Showdown überwiegt zum Glück der positive Aspekt dieser „high concept“-Paarung und führt zum Beispiel zu einer herrlichen Szene, in der Clancy Cowles anweist, sie soll mitten in einer Verfolgungsjagd anhalten, weil das zu schnappende Fahrzeug wieder an ihnen vorbeifahren wird. Ebenso interessant sind die Visionen, in denen gruselige Morde vorhergesehen werden, was sich nicht nur als Ausrede für garstige Blutspritzereien anbietet, sondern auch so jeden Hauptdarsteller mindestens einmal ins Gras beißen lässt. Um dann gleich danach, keine Sorge, wieder in die lebendige „Realität“ zurückzuschwenken.

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„Hello Clarrrrice“: Anthony Hopkins trifft auf Abbie Cornish.
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Anthony Hopkins und Colin Farrell machen ihre jeweilige Sache ziemlich gut, wobei Hopkins halt immer wieder Vergleiche zu Dr. Lecter provoziert. Für eine wirklich eigenständige Seele reicht es bei „Die Vorsehung“ nicht, der Film bleibt vorzugsweise in bekannten Genregrenzen und muss sich demzufolge auch Vergleiche gefallen lassen. Immerhin wird hier eine potentielle Katastrophe umschifft, was mit der Vorgeschichte gar nicht so selbstverständlich erscheint. Wirklich in die Binsen geht eigentlich nur das Ende, das in seiner Hollywood-esken Konstruiertheit wie aus dem Giftschrank geklaut erscheint. Davor pendelt man zwischen „bekannt, aber okay“ (die erste Stunde) und „erstaunlich gut und spannend“ (bis zum Start des Showdowns). Keine Frage, das hätte schlimmer kommen können.