So ganz lag ich im letzten Jahr nicht daneben, was meine Erwartungen an die Oscars anging. Alfonso Cuaron wollte ich, Steve McQueen hatte ich erwartet, aber mein Favorit hat den Oscar eingeheimst. „12 Years a Slave“ hatte ich als bester Film erwartet, er wurde es auch. Cate Blanchett hätte ich den Oscar für die beste Hauptrolle gegeben, die Academy hat es erfreulicherweise ebenso gesehen. Nur beim besten Schauspieler lag ich total falsch. Mal sehen, wie es dieses Jahr wird. Ich glaube, dass es keinen großen Abräumer geben wird; die vier großen Kategorien werden sich auf verschiedene Filme aufteilen.

Der beste Film

Die Wettbewerber: American Sniper, Birdman, Boyhood, Die Entdeckung der Unendlichkeit, Grand Budapest Hotel, The Imitation Game, Selma, Whiplash.

Die Oscars 2015 - Und der Oscar geht an …?

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"American Sniper" hat wohl die besten Chancen auf einen Sieg.
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Außerhalb der USA ist „American Sniper“ umstritten, aber das hat nichts zu sagen. Die Academy besteht aus Amerikanern, der Film hat im Januar einen extremen Hype entwickelt und könnte einige Unentschlossene noch für sich überzeugt haben. Der Film appelliert an den Patriotismus der Amerikaner, er hat eine simple Schwarzweiß-Zeichnung. Von Vorteil für ihn ist, dass er eine wahre Geschichte erzählt. Er hat Chancen auf den Oscar, aber wenn er ihn bekommt, dann nur, weil er im Endeffekt niederste Instinkte angesprochen hat. Wer sich selbst gegenüber ehrlich ist, der findet bei den acht Nominierten ein paar Titel, die es mehr verdient haben.

Einer wie „Birdman“ zum Beispiel, der abseits üblicher Konventionen ein Film über das Theater, aber auch über das Filmgeschäft und über das Leben von Promis in Zeiten allumfassender Medienberichterstattung ist. Darüber hinaus ist er metaphorisch, da er phantastische Elemente einwebt, sie zum Hirngespinst der Hauptfigur macht und dann doch den Zuschauer daran zweifeln lässt. Technisch ist der Film zudem brillant.

Auf andere Weise brillant ist „Boyhood“, an dem Richard Linklater über viele Jahre hinweg gearbeitet hat, so dass das Altern der Figuren in Echtzeit eingefangen werden konnte. Das ist ein kühner, ein mutiger und ein höchst ungewöhnlicher Ansatz. Noch dazu ist „Boyhood“ ein emotional sehr befriedigender Film. Gut möglich, dass allein die technische Leistung, ein solches Projekt über Jahre hinweg zu stemmen, belohnt wird.

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Hat "Birdman" Chancen auf den Sieg?
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„Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ist eine weitere wahre Geschichte, hier die des Wissenschaftlers Stephen Hawking. Biopics sind bei der Academy sehr beliebt, besonders, wenn es um Menschen geht, die ein schweres Handicap haben. Für den Oscar als bester Film reicht es meiner Meinung nach nicht, da hat der Streifen schon eher Chancen, dass der Hauptdarsteller einen Goldjungen mit nach Hause nimmt.

Fast überraschend ist, dass „Grand Budapest Hotel“ in die Nominiertenliste gekommen ist. Nicht, weil er es nicht verdient hätte, sondern weil er zu Beginn des letzten Jahres lief. Die Erinnerung der Academy-Mitglieder ist häufig eher kurz, man hätte also nicht unbedingt mit diesem Film rechnen können. Wes Anderson ist auf der anderen Seite immer eine sichere Bank und der Film ein verspielter, interpretatorischer Reigen an inhaltlichen und visuellen Ideen, die schlichtweg umwerfend sind. Gerade für ältere Academy-Mitglieder mag der Film aber zu skurril sein.

„The Imitation Game“ ist ein weiteres Biopic. Hier geht es um die bis vor kurzem weitestgehend unbekannte Geschichte von Alan Turing, ohne den der Code der Enigma-Maschine der Nazis nicht hätte gebrochen werden können. Er ist der Urvater des Computers, er war schwul, und er ging daran zu Grunde, weil er das Opfer staatlicher Willkür wurde, die man nur aufs Schärfste verurteilen kann. Die Nominierung für den Film war weitestgehend sicher, gewinnen wird er meiner Meinung nach nicht. In erster Linie, weil es eine britische Geschichte ist.

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Eine überraschende Nominierung: "The Grand Budapest Hotel".
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Eine amerikanische Geschichte bietet „Selma“, in dem es um einen Marsch der Bürgerrechtsbewegung geht, der von Martin Luther King angeführt wird. Es ist ein sehr amerikanisches Thema. Die Nominierung hat der Film wohl auch vor allem diesem Umstand zu verdanken. Er ist zu gefällig, zu glatt, zu seicht, nicht unähnlich Filmen wie „The Help“ oder „Der Butler“. Er hat allenfalls eine Außenseiter-Chance auf den Oscar.

Selbiges gilt für „Whiplash“, ein Musiker-Drama, das Publikum und Kritik verzaubert hat, aber vielleicht schlicht und ergreifend zu „klein“ erscheint, um mit dem Oscar als bester Film nach Hause zu gehen.

Mein persönlicher Favorit: „Birdman

Mein erwarteter Gewinner: „American Sniper

Der beste Hauptdarsteller

Die Wettbewerber: Steve Carrell, Bradley Cooper, Benedict Cumberbatch, Michael Keaton, Eddie Redmayne

Komiker Steve Carrell darf sich nicht häufig über Nominierungen freuen, in „Foxcatcher“ spielt er – nicht zum ersten Mal – eine ernsthafte Rolle. Hoffnungen auf den Oscar darf er sich meiner Meinung nach dennoch nicht machen. Er spielt zwar in einem Film mit uramerikanischem Thema mit, aber da gibt es ja noch einen anderen Kandidaten: Bradley Cooper. Der ist der „American Sniper“ und wird wohl zum zweiten Mal mit einer Nominierung, aber ohne den Preis nach Hause gehen. Fairer Weise muss man dabei aber auch sagen, dass seine Darstellung zwar gut, aber wirklich nicht herausragend war. Er hat in seiner Karriere schon bessere Leistungen abgeliefert, eben bei „Silver Linings“, für den er auch nominiert gewesen ist.

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Steve Carel in "Foxcatcher".
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Dass Benedict Cumberbatch eher früher als später eine Oscar-Nominierung erhalten würde, war klar. Als Alan Turing liefert er eine grandiose Darstellung ab. Zwar muss man sagen, dass er mit den asozialen Manierismen des Mannes im Grunde ein Heimspiel hat, da er häufig Rollen mit solcher Charakterisierung spielt, aber dennoch legt er hier eine Menschlichkeit rein, die sich direkt auf den Zuschauer überträgt. Für mich einer der großen Favoriten, aber ich glaube dennoch nicht, dass er ihn bekommen wird. Michael Keaton würde ich es wünschen, weil er in „Birdman“ zwar auch seine typischen Manierismen einbringt – etwa den verbissenen Blick –, aber eben auch weit darüber hinaus kommt. Er hat erkannt, dass er auf einer Metaebene das eigene Leben kommentiert. Dementsprechend spielt er sich hier die Seele aus dem Leib.

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Eddie Redmeyne als Stephen Hawking.
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Ich denke aber, Eddie Redmayne wird das Rennen machen. Weil die Academy es einfach liebt, wenn Schauspieler Behinderte spielen. Und man muss ja durchaus zugeben, dass Redmayne das exzellent macht. Das einzige, was ihn vielleicht den Sieg kosten könnte, ist ein Film, der bei den Oscars gar nichts zu suchen hat: „Jupiter Ascending“. Hier liefert er eine derart unterdurchschnittliche, geradezu peinliche Darstellung ab, die dem Hawking-Hype, der ihn auch zum Golden Globe getragen hat, etwas den Wind aus den Segeln nehmen könnte.

Mein persönlicher Favorit: Benedict Cumberbatch oder Michael Keaton, ich kann mich einfach nicht entscheiden…

Mein erwarteter Gewinner: Eddie Redmayne

Die beste Hauptdarstellerin

Die Wettbewerberinnen: Marion Cotillard, Felicity Jones, Julianne Moore, Rosamund Pike, Reese Witherspoon

Den Golden Globe hat Julianne Moore für „Still Alice“ bekommen, und das durchaus verdient. Ihre feinsinnige Darstellung einer Frau, die an Alzheimer leidet, war eine der ganz großen Leistungen im letzten Jahr. Sie ist meines Erachtens auch die Favoritin bei den Oscars. Außenseiterpositionen nehmen Felicity Jones ein, die in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ die Frau von Stephen Hawking spielt, und Rosamund Pike, die eine manipulative Psychopathin in „Gone Girl“ darstellt. Dass sie überhaupt nominiert wurde, ist schon erstaunlich genug. Aber gut, gerade zu diesem Film von David Fincher scheiden sich die Geister ja sehr gewaltig.

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Eddie Redmeyne als Stephen Hawking.
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Reese Witherspoon hat schon einmal einen Oscar gewonnen. Filmisch ist sie in den letzten Jahren nicht ganz so auffällig gewesen, mit „Der große Trip – Wild“ meldete sie sich aber auf beeindruckende Art und Weise zurück. Die wahre Geschichte einer Frau, die meilenweit allein durch die Wildnis läuft, ist sehr introspektiv. Einblicke ins Innenleben der Figur liefern aber auch Rückblicke. Häufig muss Witherspoon jedoch mit sich selbst spielen, das aber sehr mitreißend. Ich glaube dennoch nicht, dass sie für diesen Film den Oscar bekommen wird. Hauptsächlich, weil ich glaube, dass der Film zu zurückgenommen ist. Aber auch, weil die Figur den älteren Academy-Mitgliedern vielleicht zu negativ ist.

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"Der große Trip" - Reese Witherspoon macht sich auf die Reise...
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Als echte Konkurrenz für Moore sehe ich Marion Cotillard an, die im französischen Film „Zwei Tage, eine Nacht“ eine Frau spielt, die ein Wochenende Zeit hat, ihre Kollegen zu überzeugen, für sie zu stimmen – andernfalls ist sie ihren Job los. Der Film ist repetitiv, die Darstellung von Cotillard aber so eindringlich, weil sie so real ist. Sie spielt hier eine echte Frau mit echten Problemen. Zwar sind das sicherlich nicht die Probleme, die Academy-Mitglieder haben, aber ein Großteil des Publikums konnte sich damit sehr gut identifizieren.

Mein persönlicher Favorit: Marion Cotillard

Mein erwarteter Gewinner: Julianne Moore

Der beste Regisseur

Die Wettbewerber: Wes Anderson, Alejandro Gonzalez Iñárritu , Richard Linklater, Bennett Miller, Morten Tyldum

Es gibt zwei Männer in dieser Kategorie, die haben meiner Meinung nach keine Chance. Nicht, weil sie schlecht wären, sondern weil ihre Filme im Vergleich zu „normal“ sind. Das sind Bennett Miller („Foxcatcher“) und Morten Tyldum („The Imitation Game“).

Entschieden wird das Rennen dennoch nicht unter den restlichen dreien. Ich denke, dass auch Wes Anderson schon raus ist. Der hat mit „Grand Budapest Hotel“ einen höchst vergnüglichen, skurrilen, amüsanten und wunderschönen Film abgeliefert, die größere Leistung stellen in diesem Jahr aber „Birdman“ und „Boyhood“ dar. Zwischen den Regisseuren dieser beiden Filme wird es sich entscheiden: Alejandro Gonzalez Iñárritu auf der einen, Richard Linklater auf der anderen Seite.

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Bekommt Alejandro González Iñárritu den Oscar für "Birdman"?
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Beide haben bereits fünf Oscar-Nominierungen, jedoch nicht nur für die Regie, auch für das Schreiben von Drehbüchern. Die Drehbücher sind bei diesen beiden Filmen auch wichtig (so dass es sogar wahrscheinlich ist, dass einer von beiden in der Kategorie auch punkten wird). Wichtig ist aber auch, wie unkonventionell beide Filme sind. „Birdman“ ist ein technisch brillanter Film, dicht inszeniert, auf das Theater, aber auch das Theatralische konzentriert und zugleich modernster Technik verpflichtet.

Er bietet das Gefühl einer durchgehenden Einstellung, frei von Schnitten, die natürlich digital gestaltet wurden. „Boyhood“ wiederum entstand über zwölf Jahre hinweg. Das ist eine immense Leistung, da in solch einer langen Zeit natürlich auch viel passieren kann. Für Richard Linklater wurde es aber ein Triumph, er erzählt die Geschichte eines Jungen und kann auf das reale Altern aller Beteiligten setzen. Das ist filmisch atemberaubend. Darum glaube ich auch, dass Richard Linklater in der Oscar-Nacht als Sieger davongehen wird.

Mein persönlicher Favorit: Alejandro Gonzalez Iñárritu

Mein erwarteter Gewinner: Richard Linklater

Wer hat eurer Meinung nach den Oscar für den besten Film 2015 verdient?!

  • 31%Birdman
  • 21%American Sniper
  • 17%The Grand Budapest Hotel
  • 11%Die Entdeckung der Unendlichkeit
  • 10%The Imitation Game
  • 6%Boyhood
  • 4%Whiplash
  • 0%Selma
Es haben bisher 81 Leser ihre Stimme abgegeben.Weitere Umfragen