Die Nominierungen für die Oscars, die am 2. März 2014 verliehen werden, sind raus. Neun Filme, fünf Hauptdarsteller, fünf Hauptdarstellerinnen, fünf Regisseure – das sind die Königsdisziplinen, in denen die Academy die heiß begehrten goldenen Statuetten vergibt. Wie jedes Jahr ist ein großer Teil des Spaßes auch das Rätseln, wer sich als Sieger etablieren wird. Ein bisschen ist es wie das Lesen im Kaffeesatz, aber Tendenzen sind häufig spürbar. Ich habe mir zu den Kandidaten so meine Gedanken gemacht, darüber, wer gewinnen wird und wer gewinnen sollte. Das ist nicht unbedingt deckungsgleich.

Der beste Film

Die Wettbewerber: American Hustle, Nebraska, Captain Phillips, Philomena, Dallas Buyers Club, 12 Years a Slave, Gravity, The Wolf of Wall Street, Her

Die Oscars 2014 - Und der Oscar geht an …?

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Ob DiCaprio diesmal seinen Oscar bekommt? Peter glaubt: nein.
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Mit allerhand Vorschusslorbeeren – ganz zu schweigen von Preisen noch und nöcher – wurde David O. Russells „American Hustle“ bedacht. Mit zehn Nominierungen ist der Film der Platzhirsch der diesjährigen Verleihung, allerdings könnte es ein böses Erwachen geben. In praktisch allen nennenswerten Kategorien ist die Konkurrenz stark. Mir persönlich gefiel der Film gar nicht. Die Schauspieler sind exzellent, aber die Geschichte mäandert ziellos umher. Das ist die Gefahr eines Films, bei dem viel improvisiert wird. Am Ende sind die einzelnen Teile schön, aber in der Summe wird es nichts mehr.

Alexander Payne ist immer eine Hausnummer bei den Academy Awards. Darum darf auch „Nebraska“ nicht fehlen. Anders als sein „The Descendants“ ist diese Geschichte um einen alten Mann, der mit seinem ihm fremden Sohn einen Roadtrip unternimmt, etwas sperriger. Das sorgte an der Kinokasse für breites Desinteresse, den Academy-Mitgliedern darf man zwar unterstellen, dass ein schwarzweißer Film den Kunstanspruch in ihren Augen untermauert, mehr als eine Außenseiterchance hat der Film aber nicht. Gäbe es nur fünf Nominierungen wie früher, wäre „Nebraska“ wohl außen vor geblieben.

Gleiches gilt für „Captain Phillips“, eine reale Geschichte, womit sich der Streifen in diesem Jahr in guter Gesellschaft befindet. Erfolgreich war der Film auch, speziell Tom Hanks wurde für seine Leistung immer wieder gelobt, aber er wurde dieses Jahr gleich zweimal in Schauspielkategorien übergangen. So wird es auch Paul Greengrass‘ Film ergehen. Die Nominierung allein muss Ehre genug sein.

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"Captain Phillips" war ein guter Film. Aber war er auch gut genug?
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„Philomena“ mit einer extrem guten Judi Dench als alte Dame, die nach ihrem Sohn sucht, den sie einst auf Druck von Klosterschwestern weggeben musste, hat auch nur Außenseiterchancen. Er ist im Grunde zu klein. Großes Schauspielkino, aber zurückhaltend inszeniert. Gegen den diesjährigen Favoriten ist das schlichtweg zu wenig.

In einem schwächeren Jahr hätte „Dallas Buyers Club“ die Statue einheimsen können, das auf einer realen Geschichte basierende Schwulendrama lebt aber vor allem davon, dass sich Matthew McConaughey fast zu Tode gehungert hat. Eine bemerkenswerte Leistung, aber das Thema dürfte den meisten Academy-Mitgliedern zu weit von der eigenen Lebensrealität entfernt sein. Auch „Milk“ vor ein paar Jahren konnte nur in der Kategorie des besten Schauspielers punkten.

Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ ist ein höchst amüsanter Film, trotz seiner fünf Nominierungen dürfte er aber weitestgehend leer ausgehen. Und das nicht nur, weil Scorsese generell einen schweren Stand hat, sondern weil der Film eine Figur abfeiert, wie man sie in Amerika nicht gerade liebt. Dort frönt man zwar den Erfolg, nicht jedoch solchen, der zahllose Opfer auf der Strecke lässt, während man sich in Wein, Weib und Gesang ergeht. So schätzt man zwar den Film, die vermutete oder eingebildete Message wird man aber nicht unterstützen wollen. Übrigens: Auch schlechte Karten für Leonardo DiCaprio, aber dazu gleich mehr.

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Scorsese hat mit "Wolf of Wall Street" seinen vielleicht besten Film abgeliefert.
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In etwa so große Chancen wie ein Schneeball in der Hölle hat Spike Jonzes „Her“. Dabei ist das der Film, der den Preis meiner persönlichen Meinung nach am Meisten verdient hat. Weil er auf so vielen unterschiedlichen Ebenen funktioniert, ohne jemals ins Plakative abzurutschen. „Her“ ist meisterhaftes Kino, das am ehesten für das beste Original-Drehbuch oder die Musik ausgezeichnet wird (wobei in der Kategorie John Williams mit „Die Bücherdiebin“ ganz harte Konkurrenz darstellt).

„American Hustle“ ist wie gesagt einer der großen Favoriten, meiner Ansicht nach wird er sich aber einem von diesen beiden Filmen geschlagen geben müssen: „Gravity“ und „12 Years a Slave“. So sehr ich den Sieg auch einem Science-Fiction-Film wie „Gravity“ wünschen würde, der eher Science-Fact darstellt und das Kunststück geschafft hat, Arthaus-Kino mit Bombast zu bieten, würde ich Geld darauf wetten, dass „12 Years a Slave“ als Sieger des Abends hervortreten wird. Dieser Film ist für die Amerikaner, was „Schindlers Liste“ für die Deutschen ist, eine ernsthafte Aufarbeitung einer dunklen Epoche, die aber auch ein positives Element enthält. Weil eben nicht alle schlecht waren.

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Wohl der heißeste Oscar-Kandidat, aber vielleicht aus den falschen Gründen: "12 Years a Slave".
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Steve McQueens Film ist sehr gut, vor allem aber erzeugt er gerechten Furor und trifft emotional dort, wo’s weh tut. Diesen Film den Sieg zu geben, ist im Endeffekt auch so etwas wie eine Entschuldigung für die Zeit der Sklaverei. Ihn zu illustrieren, beweist, wie weit man selbst gekommen ist. Weil man ganz anders ist als etwa die Fassbender-Figur im Film. Weil man aus der Geschichte gelernt hat. Für jedes Academy-Mitglied wird es sich gut anfühlen, ihre Stimme „12 Years a Slave“ zu geben.

Mein persönlicher Favorit: „Her

Mein erwarteter Gewinner: „12 Years a Slave

Der beste Hauptdarsteller

Die Wettbewerber: Christian Bale, Bruce Dern, Leonardo DiCaprio, Chiwetel Ejiofor, Matthew McConaughey

Eigentlich ist es längst überfällig, dass Leonardo DiCaprio mal mit einem Oscar bedacht wird. Zweimal war er schon nominiert (für „Gilpert Grape“ und „Aviator“). Seit Jahren liefert er darüber hinaus Darstellungen auf hohem Niveau ab. Sein Porträt des „Wolf of Wall Street“ ist eine der ganz großen Leistungen des Jahres. Allein, eine Figur wie Jordan Belfort ist im Grunde derart unsympathisch, dass manche Academy-Mitglieder reserviert sein werden, wenn es darum geht, ihre Stimme DiCaprio zu geben. Der Mann ist aber auch noch nicht mal 40 Jahre alt, der bekommt noch einige Chancen.

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DiCaprio war in "Wolf of Wall Street" überragend. Das reicht aber nicht bindend zum Sieg.
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Ganz anders als Bruce Dern, der 1979 schon einmal als Nebendarsteller in „Coming Home“ nominiert war. Als alkoholkranker Vater in „Nebraska“ liefert er eine große Altersvorstellung ab. So etwas animiert, für ihn zu stimmen, aber Dern wäre (und ist) nicht der erste knapp 80-jährige, der eine herbe Enttäuschung einstecken muss. Übrigens: Dass Robert Redford für seine Leistung in „All is Lost“ nicht nominiert wurde, ist erschütternd.

Matthew McConaughey hat seine Karriere ganz neu belebt. War er früher vor allem in Komödien eingesetzt, hat er sich mit „Magic Mike“ für Dramen empfohlen und neu erfunden. Das zeigt die kleine Rolle in „Wolf of Wall Street“, mehr aber noch die Hauptrolle in „Dallas Buyers Club“, die nicht nur seiner extremen körperlichen Veränderung wegen eine Herausforderung war. Damit ist er ein starker Kandidat.

Derartige körperliche Veränderungen beeindrucken nicht nur das Publikum, sondern auch die Academy. Da Christian Bale dies für „American Hustle“ aber auch getan hat, nur dass er kräftig zugenommen hat, fehlt hier einfach das Alleinstellungsmerkmal. Beide Schauspieler sind in ihren Rollen hervorragend, sie werden sich aber Chiwetel Ejiofor geschlagen geben müssen.

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Gegen Chiwetel Ejiofor kommt dieses Jahr wohl keiner an.
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Es ist eine differenzierte, mitreißende Darstellung, die Ejiofor als in Sklaverei geratener Solomon abliefert. Das alleine hat ihm schon die Nominierung gesichert. Was seine Darstellung bemerkenswert macht, ist ihre Zurückgenommenheit, der man aber immer anmerkt, dass totales Gefühlschaos unter der Oberfläche brodelt. Der Golden Globe ging an McConaughey, der Oscar wird an Ejiofor gehen.

Mein persönlicher Favorit: Leonardo DiCaprio

Mein erwarteter Gewinner: Chiwetel Ejiofor

Die beste Hauptdarstellerin

Die Wettbewerberinnen: Amy Adams, Cate Blanchett, Sandra Bullock, Judi Dench, Meryl Streep

In diesem Jahr haben alle Damen (bis auf eine) bereits mindestens einen Oscar in der Tasche. Nur Amy Adams ging bislang trotz der bemerkenswerten Zahl von fünf Nominierungen leer aus. Ich fürchte, es wird auch dieses Jahr nicht anders sein, denn auch wenn sie in „American Hustle“ gut ist (und in „Her“ ebenfalls brilliert), wirkt ihre Rolle im Vergleich zu denen der Kolleginnen etwas substanzlos.

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Amy Adams in "American Hustle".
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Meryl Streep spielt in „August: Osage County“ eine drogenabhängige, krebskranke Mutter, die ihren Töchtern gegenüber hart, unnachgiebig und gemein ist. Es ist eine an die Nieren gehende Darstellung, die auch mit extremem Mut zur Hässlichkeit einhergeht, aber ich glaube nicht, dass Streep damit ihren vierten Oscar einstreichen wird. Das Gegenteil davon ist Judi Dench als „Philomena“, die auf die leisen Momente der Geschichte und ihr nuanciertes Spiel setzt. So etwas gefällt nicht nur dem Publikum, auch Academy-Mitgliedern. Allerdings sind das auch die Rollen, die nicht die komplette Bandbreite schauspielerischen Könnens aufzeigen können.

Mit dem Problem hat auch Sandra Bullock zu kämpfen, die in „Gravity“ über weite Strecken mit sich allein spielt. Das gelingt ihr (so wie Robert Redford in „All is Lost“ und Joaquin Phoenix in „Her“) ziemlich gut. Sie ist eingebettet in einem beeindruckenden Film, der die Weite und Leere des Alls so eindringlich wie kaum ein anderer Film zuvor gezeigt hat. Der Mensch fühlt sich im Angesicht dessen klein und unscheinbar. Das bringt Bullock sehr gut zur Geltung.

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Cate Blanchett ist dieses Jahr schwer zu schlagen.
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Cate Blanchett ist für ihre Rolle in Woody Allens „Blue Jasmine“ bereits mit dem Golden Globe ausgezeichnet worden. Ich glaube, die Academy schließt sich dem an. Ihre Darstellung einer reichen, snobistischen Frau, deren Mann eingesperrt wird, woraufhin sie verarmt zu ihrer Schwester ziehen muss, ist von einer enormen Bandbreite. Blanchett bedient jedes Gefühl und schafft es, Jasmine als einen Menschen zu zeigen, den man als Zuschauer eigentlich verabscheut, für den man aber auch Sympathie empfindet. Das ist eine immense Leistung, die nicht unterschätzt werden darf.

Mein persönlicher Favorit: Cate Blanchett

Mein erwarteter Gewinner: Cate Blanchett

Der beste Regisseur

Die Wettbewerber: David O. Russell, Alfonso Cuaron, Alexander Payne, Steve McQueen, Martin Scorsese

Das ist eine der schwierigsten Kategorien in diesem Jahr. Es gibt für jeden der Nominierten gute Gründe, warum er gewinnen sollte, außer vielleicht für Scorsese, der von der Academy zumeist verschmäht wird, mit „Wolf of Wall Street“ aber einen der besten Filme seiner langen Laufbahn abgeliefert hat. Der Film erscheint aber wohl nicht gehaltvoll genug, dementsprechend gehe ich nicht davon aus, dass Scorsese bedacht wird.

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Ob der "Wolf" wirklich eine Chance hat?
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Russell, Cuaron und Payne sind alle schon mehrfach nominiert gewesen, letzterer hat als Autor schon zweimal den Oscar gewonnen. Ihre Filme tragen alle ihre persönliche Handschrift. Russell hat mit „American Hustle“ ein Charakterstück inszeniert, das sich in erster Linie für die Figuren, nicht jedoch für die Geschichte interessiert. In meinen Augen disqualifiziert das den Film in der Kategorie „Bester Film“, aber bei der Regie kann das anders aussehen. Es ist eine Leistung, seine Schauspieler zur starken Improvisation zu ermutigen und dennoch solche Leistungen aus ihnen herauszuholen. Gut möglich, dass die Academy dem Rechnung trägt.

Alexander Paynes Film ist eine emotionale Angelegenheit. Er ist ein Spezialist für echte Gefühle, für authentisches Kino, in diesem Jahr dürfte das aber mit „Nebraska“ nicht ausreichen. Alfonso Cuaron wiederum hat klassisches Arthaus-Kino mit einem Multi-Millionen-Dollar-Budget umgesetzt und einen weitestgehend realistisch anmutenden Katastrophenfilm, der im All angesiedelt ist, inszeniert.

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"Nebraska" hat wahrscheinlich keine Chancen auf einen Sieg. Schade eigentlich.
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Die technische Leistung ist immens, die narrative Struktur und die Führung der Schauspieler auch. Cuaron ist mein persönlicher Favorit, aber Steve McQueen dürfte auch gute Karten haben. Allerdings ist „12 Years a Slave“ „nur“ ein normales Drama, das realistisch aufbereitet ist, uns aber letzten Endes nichts sagt, das man nicht schon wissen würde. Dennoch glaube ich, dass die Academy sich hier nicht den Golden Globes anschließt. Man wird McQueen auszeichnen, weil sein Film eine solch emotionale Wucht entfaltet, die nachwirkt und für Erfolge in mehreren nominierten Kategorien sorgen wird.

Mein persönlicher Favorit: Alfonso Cuaron

Mein erwarteter Gewinner: Steve McQueen