„In diesem Jahr wird alles ein bisschen kleiner - wegen der Wirtschaftskrise“, flachst ein überglücklicher Hugh Jackman zu Beginn des Abends. Der frisch gekürte „Sexiest Man Alive“ darf zum ersten Mal die Oscar-Verleihung moderieren – und schlägt sich mit Bravour. Von Tiefstapelei oder Kostenminderung ist allerdings nicht viel zu spüren an diesem Abend – Prunk, Glanz und Glamour dominieren weh und je das größte Fest der Filmwelt.

Zur Einstimmung etwa singt sich Jackman durch die cineastischen Highlights des vergangenen Kinojahres, parodiert süffisant den rückwärts alternden „Benjamin Button“ und steht nur Minuten danach in „The Wrestler“-Pose auf der Bühne. Nix mit Krise – wo sonst könnte Hollywood so schön auftrumpfen, wie in den heiligen Hallen des Kodac Theatres, der traditionellen Oscar-Ruhmeshalle.

Die Nacht des Durchschnitts

Die Show selbst gab sich also ausladend: Etwa zur Hälfte der Veranstaltung tanzt plötzlich der singende Hugh Jackman durch ein gigantisches Bühnenbild, begleitet von Starlet Beyonce Knowles, im Hintergrund hüpfen dutzende Statisten durchs Bild. Ansonsten: Immer wieder kleine Zusammenschnitte, die das Kinojahr 2008 zusammenfassen – nett, aber unspektakulär. Witzig werden die Anmoderationen ohnehin nur selten.

Mit Musiceinlagen wurde die Preisverleihung mühsam aufgelockert.

Die eigentliche Preisvergabe hielt nur wenige Überraschungen parat: Die hoch gehandelte Romanze „Slumdog Millionär“ triumphierte verdient, „Benjamin Button“ konnte die 14 Nominierungen kaum in Preisgold umsetzen. Auch „The Dark Knight“ bekam seine Ehrungen: Neben dem fast schon selbstverständlichen Oscar für Heath Ledger gab es die goldenen Statuetten zumindest in den technischen Kategorien.

Zwei Vergaben ließen dann aber doch stutzen: Zum einen wurde Mickey Rourke für seine eindringliche Performance als „The Wrestler“ doch noch übergangen und musste das Feld für Sean Penn räumen, zum anderen siegten in der Kategorie „Fremdsprachiger Film“ weder der haushohe Favorit „Waltz with Bashir“ noch der deutsche Hoffnungsträger „Der Baader Meinhof Komplex“.

Die stolzen Gewinner des Abends: Winslet, Penn, Cruz.

Die deutsche Quote erfüllt dafür Jochen Alexander Freydank der für seinen Kurzfilm „Spielzeugland“ geehrt wird. Dabei wird die Vergabe für die Präsentatoren Seth Rogen und James Franco (spielten zusammen in „Ananas Express“) zum Testlauf für die eigene Zunge – am deutschen Namen haben beide stark zu knabbern und kündigen den Sieger mal als „Spühlzügland“ oder. „Spizziklähnd“ an. Jaja, die deutsche Sprache…

Ansonsten präsentierte sich die Oscar-Nacht eher bar jeglicher Aufreger: Keine Skandale, keine Pannen, keine Zickereien. Nur die Gewinner der „Milk“-Oscars, Sean Penn und Drehbuchautor Dustin Lance Black nutzten ihr Podium für politische Kommentare: „Ihr seid nicht anders“, ermutigt letzterer die Homosexuellen. Penn formuliert es drastischer: „Mögen alle Schwulenhasser, die heute mit Plakaten vor dem Eingang dieses Gebäudes standen, auf ewig in Scham vergehen.“

Trotz 14 Nominierungen wurde Benjamin Button fleißig übergangen.

Und durch noch ein Merkmal bestechen die Oscars ein ums andere Mal – wenn auch eher negativ: Beinahe im Minutentakt wirft man dem geneigten Zuschauer kurze Clips von wichtigen Dingen um die Ohren, die man dringend braucht und kaufen sollte und überhaupt. Stellenweise reichen drei Sätze und die laufende Preisvergabe wird von Commercials unterbrochen – so werden die Oscars zur Show der Werbeunterbrechungen.

Wie die Gewinner dieser an Spannung und Higlights eher armen Veranstaltung aussahen, verraten wir auf den folgenden Seiten.

Bester Film und Regie

Bester Film

Letztlich war es dann nur noch eine Formalität: Schon der Gewinn des Regie-Oscars ist meist ein großer Indikator für den Hauptpreis des Abends, aber auch sonst verwandelte „Slumdog Millionär“ fast jede einzelne der insgesamt zehn Nominierungen in pures Gold. Dazu passt, dass Danny Boyles großartige Liebeserklärung an das Leben und die Liebe so ziemlich jeden Preis der vergangenen Monate absahnte.

Der Große Gewinner des Abends hieß Slumdog Millionär mit neun Statuetten.

Auf der Bühne wurde trotzdem ausgiebig gefeiert, das halbe Filmteam (von denen ein Großteil indischstämmig ist) versammelte sich neben Produzent Christian Colson, der sich bei den „vielen leidenschaftlichen Händen, die an diesem wunderbaren Film mitgearbeitet haben“ bedankte. Die Geschichte eines Außenseiters, der es ganz nach oben schafft – sie hat sich auch für die Macher dahinter bewahrheitet.

Die Nominierten:

- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- Frost/Nixon
- Milk
- Der Vorleser
- Slumdog Millionär

Beste Regie

„Ich habe für meine Kinder immer den Tiger aus Winnie Poo gespielt und bin dann genauso umher gehüpft“, sagt der kleine Engländer und springt fröhlich auf dem Oscar-Podium herum. Danny Boyle, der Mann mit dem herzlichsten Lächeln an diesem Abend, setzt die Erfolgsgeschichte seines „Slumdog Millionärs“ fort und sichert sich die goldene Statuette als bester Regisseur des Jahres 2008.

Natürlich kann man auch hier kaum von einer großen Überraschung sprechen – Boyle gewann schließlich sogar den Preis der Regisseursgilde. Dass auch Sieger nicht frei von Fehlern sind, gesteht er kurz darauf selbst: „Ich bin ein Idiot – ich habe vergessen, den Typen im Abspann zu erwähnen, der den großen Tanz am Ende des Films choreografiert hat. Und das ist mir gerade erst vor zwei Wochen aufgefallen. Daher widme ich diesen Preis jetzt ihm.“

Die Nominierten:

- David Fincher - Der seltsame Fall des Benjamin Button
- Ron Howard - Frost/Nixon
- Gus Van Sant - Milk
- Stephen Daldry - Der Vorleser
- Danny Boyle - Slumdog Millionär

Die Hauptdarsteller

Bester Hauptdarsteller

Die einzige Kategorie in der die Entscheidung zwischen zwei Personen völlig offen war, geriet gleichzeitig zum wohl spannendsten Moment des Oscar-Abends. Sean Penn und Mickey Rourke wurden beide gleichermaßen von der Kritik gefeiert, Rourke behielt als Underdog samt Raketencomeback bei anderen Verleihungen aber meist die Oberhand – bis zur heutigen Nacht.

Milk bescheert Sean Penn seinen zweiten Oscar nach "Mystic River".

Von den früheren Preisträgern Robert DeNiro, Anthony Hopkins und Michael Douglas bekam schließlich Penn den Oscar für sein eindringliches Portrait des schwulen Bürgerrechtlers Harvey „Milk“ überreicht. Der bedankte sich wiederum auf sehr – nunja – spitzbübige Art: “You Homo-loving Sons ’O Guns”, pfeffert er ins Mikrofon, richtet seine Glückwünsche aber kurz darauf an Kollege Rourke – das ist Sportsgeist.

Die Nominierten:

- Richard Jenkins - The Visitor
- Frank Langella - Frost/Nixon
- Sean Penn - Milk
- Brad Pitt - Der seltsame Fall des Benjamin Button
- Mickey Rourke - The Wrestler

Beste Hauptdarstellerin

„Na endlich“, möchte man bald meinen, als Kate Winslets Name von den Gewinnerinnen der letzten Jahre (unter anderem Halle Berry und Nicole Kidman) letztlich doch aufgerufen wird. Insgesamt fünf Mal wurde sie bereits für den Oscar nominiert, nach Hause durfte sie den goldigen Filmpreis aber nie nehmen. Als KZ-Aufseherin in der Romanadaption „Der Vorleser“ hat es nun - wie erwartet – geklappt.

Nach fünf Anläufen endlich auch Preisträgerin: Kate Winslet.

Kate bedankte sich artig und scherzte: „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht schon als kleines 8-jähriges Mädchen im Bad vor dem Spiegel stand und mit einer Shampoo-Flasche diese Rede geübt hätte“ Dabei standen die Chancen auch für Meryl Streep durchaus gut: Ganze 15 Mal wurde die Grand Dame des US-Kino schon nominiert. Ein Extragruß ging dann auch von der frisch gebackenen Siegerin an sie: „Wer würde schon erwarten, gegen eine Meryl Streep zu gewinnen.“

Die Nominierten:

- Anne Hathaway - Rachels Hochzeit
- Angelina Jolie - Der fremde Sohn
- Melissa Leo - Frozen River
- Meryl Streep - Glaubensfrage
- Kate Winslet - Der Vorleser

Die Nebendarsteller

Bester Nebendarsteller

Die Nebendarsteller werden ebenfalls von fünf ehemaligen Gewinnern diese Kategorie bekannt gegeben, darunter so schillernde Namen wie der grandiose Christopher Walken, Cuba Gooding Jr. und Kevin Kline. Als verdienter Gewinner war hier natürlich niemand anderes vorstellbar, als der großartige Heath Ledger, der als zweiter Darsteller überhaupt posthum den Oscar erhält.

Heaths Preis nahm dessen Familie entgegen.

Den Preis nehmen Ledgers Vater und seine Schwestern entgegen, die sich in dessen Namen bedanken. Emotional und doch ohne auf die Tränendrüse zu drücken, wird die kurze Rede zum bewegendsten Moment des Abends, der jedoch weit weniger andächtig verläuft als es zur erwarten gewesen wäre. Standing Ovations oder ein Videorückblick auf Ledgers Karriere bleiben aus – hätte ja womöglich zusätzliche Werbezeit kosten können...

Die Nominierten:

- Josh Brolin - Milk
- Robert Downey Jr. - Tropic Thunder
- Philip Seymour Hoffman - Glaubensfrage
- Heath Ledger - The Dark Knight
- Michael Shannon - Zeiten des Aufruhrs

Beste Nebendarstellerin

Präsentiert von fünf ehemaligen Gewinnerinnen dieser Kategorie wie Tilda Swinton, Goldie Hawn oder Whoppie Goldberg, geht der erste Oscar des Abends wenig überraschend an Penelope Cruz. Die rassige Schönheit wurde bei den Golden Globes zwar übergangen, ihre damalige Konkurrentin Kate Winslet wurde jedoch schon für die Königskategorie „Hauptdarstellerin“ nominiert.

Nachdem sie bei den Globes übergangen wurde, darf sie sich jetzt einen Goldjungen in die Vitrine stellen.

Überraschungsarmut hin oder her, Fräulein Cruz betritt sichtlich gerührt die Bühne und schluchzt sich anschließend charmant durch ihre Rede. „Ist hier eigentlich jemals einer in Ohnmacht gefallen?“, scherzt sie, „sonst könnte ich wahrscheinlich die Erste sein“. Zum Schluss gibt sie einige Sätze in Spanisch von sich. Um was es genau geht, können wir zwar nichts sagen, aber wir vermuten, dass es irgendetwas mit „gamona ist super“ zu tun hat. Oder so….

Die Nominierten:

- Amy Adams - Glaubensfrage
- Penelope Cruz - Vicky Cristina Barcelona
- Viola Davis - Glaubensfrage
- Taraji P. Henson - Der seltsame Fall des Benjamin Button
- Marisa Tomei - The Wrestler

Auslands-Oscar und animierter Film

Bester nicht-englischsprachiger Film

Es gibt sie also doch an diesem Abend, die kleinen Überraschungen. Nicht etwa die hoch gehandelten Favoriten „Waltz with Bashir“ aus Israel oder „Die Klasse“ aus Frankreich machen das Rennen als „Bester nicht-englischsprachiger Film“, sondern Japan. Das Drama „Okuribito“ (englisch: Departures) hatte wohl niemand wirklich auf dem Tippzettel für den goldenen Jungen.

Departures sorgte für die einzige handfeste Überraschung des Abends.

Besonders witzig: Regisseur Yojiro Takita, des Englischen hörbar nicht mächtig, brüllt enthusiastisch seine Danksagungen ins Publikum und klingt dabei eher, als würde er sich beschweren. „Der Baader Meinhof Komplex“ wird beinahe erwartungsgemäß übergangen – auch wenn Produzent Uli Edel im Vorfeld gerne von „großen und mindestens gleichwertigen Chancen“ redete.

Die Nominierten:

- Der Baader Meinhof Komplex
- Die Klasse
- Departures
- Revanche
- Waltz with Bashir

Bester animierter Film

Da hatte gamona-Kritiker David einen guten Riecher, als er das Animations-Spektakel „Wall-E“ vergangenen September als einen der besten Filme 2008 ausrief. Für eine Nominierung in der Königskategorie „Bester Film“ hat es zwar leider nicht gereicht (was aber wohl eher an der konservativen Jury liegt), dafür durfte sich Pixars Andrew Stanton völlig verdient die goldene Statuette für das Roboter-Liebesdrama abholen.

Leider "nur" bester Animationsfilm: Geniestreich Wall-E.

Der bedankt sich gewohnt lässig – schließlich steht das Pixar-Team mit schöner Regelmäßigkeit auf der edlen Bühne des Kodac Theatres. Nur in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“ hat es dieses Jahr nicht geklappt: Der „Wall-E“-Vorfilm „Presto“ war ebenfalls nominiert, ging jedoch leer aus. Kuriosität am Rande: Den renommierten Annie Award, ein Preis speziell für animierte Filme, gewann vor kurzem „Kung Fu Panda“.

Die Nominierten:

- Bolt
- Kung Fu Panda
- Wall-E

Die weiteren Gewinner auf einen Blick

Bestes adaptiertes Drehbuch

- Eric Roth / Robin Swicord - Der seltsame Fall des Benjamin Button
- John Patrick Shanley - Glaubensfrage
- Peter Morgan - Frost/Nixon
- David Hare - Der Vorleser
- Simon Beaufoy - Slumdog Millionär

Bestes Originaldrehbuch

- Courtney Hunt - Frozen River
- Mike Leigh - Happy-Go-Lucky
- Martin McDonagh - Brügge sehen... und sterben?
- Dustin Lance Black - Milk
- Andrew Stanton - Wall-E

Beste Ausstattung

- Der fremde Sohn
- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- The Dark Knight
- Die Herzogin
- Zeiten des Aufruhrs

Beste Kamera

- Der fremde Sohn
- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- The Dark Knight
- Der Vorleser
- Slumdog Millionär

Beste Kostüme

- Australia
- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- Die Herzogin
- Milk
- Zeiten des Aufruhrs

Bester Dokumentarfilm

- The Betrayal
- Encounters at he End of the World
- The Garden
- Man on Wire
- Trouble the Water

Beste Kurzdokumentation

- The Conscience of Nhem En
- The Final Inch
- Smile Pinki
- The Witness - From the Balcony of Room 306

Bester Schnitt

- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- The Dark Knight
- Frost/Nixon
- Milk
- Slumdog Millionär

Bestes Make-Up

- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- The Dark Knight
- Hellboy II - Die goldene Armee

Beste Musik

- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- Defiance
- Milk
- Slumdog Millionär
- Wall-E

Bester Song

- "Down to Earth" - Wall-E
- "Jai Ho" - Slumdog Millionär
- "O Saya" - Slumdog Millionär

Bester animierter Kurzfilm

- La Maison en Petits Cubes
- Lavatory - Lovestory
- Oktapodi
- Presto
- This Way Up

Bester Kurzfilm

- Auf der Strecke
- Manon on the Asphalt
- New Boy
- The Pig
- Spielzeugland

Bester Toneffektschnitt

- The Dark Knight
- Iron Man
- Slumdog Millionär
- Wall-E
- Wanted

Bester Ton

- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- The Dark Knight
- Slumdog Millionär
- Wall-E
- Wanted

Beste Spezialeffekte

- Der seltsame Fall des Benjamin Button
- The Dark Knight
- Iron Man