Bis in die 70er-Jahre hinein feierte die legendäre Hammer-Filmschmiede unter anderem mit stilistischen Neuinterpretationen des Frankenstein- oder Dracula-Mythos Erfolge, während hauseigene Stars wie Christopher Lee oder Peter Cushing zu Genre-Ikonen aufstiegen. Lange wurde versucht, das britische Unternehmen wiederzubeleben, 2008 dann gelang schließlich die Erneuerung. Nach einigen kleineren Partnerprojekten soll mit der Prestigeproduktion „Die Frau in Schwarz“ nun die große Rückkehr zum bewährten Hammer-Gothic-Horror eingeläutet werden.

Die Frau in Schwarz - Kino Trailer

Auf Nummer sicher

Der rund 15 Millionen Pfund teure Gruselfilm muss nicht nur die Wirtschaftlichkeit der einst wegweisenden Produktionsfirma unter Beweis stellen, sondern Hammer Films auch endlich wieder als verlässlichen Quell innovativen Horrors etablieren – bei gleichzeitigem Traditionsbewusstsein. Mit Daniel Radcliffe, der hier in seiner ersten Hauptrolle nach dem Ende der Harry-Potter-Phase zu sehen ist, hat man dafür sogleich erfolgsträchtig den Top-Nachwuchs verpflichten können. Und die (noch gar nicht so alte) Romanvorlage von Susan Hill wiederum gehört in England schon zu den Klassikern schauriger Erwachsenenliteratur.

Radcliffe spielt einen blutjungen verwitweten Anwalt aus London, der in ein ländliches Provinzstädtchen geschickt wird, um den Nachlass einer verstorbenen Gutsherrin zu verwalten. Im verlassenen Örtchen angekommen, wird er nicht nur mit dessen eigenwilligen Bewohnern konfrontiert, sondern auch über die hohe Kindersterberate der Gegend unterrichtet. Und als wäre das nicht genug, spukt es im alten Anwesen der verschiedenen Dame auch noch gehörig. Statt nur ihr Erbe aufzulösen, muss der überforderte Anwalt bald das Geheimnis der ihm erscheinenden Frau in Schwarz lüften.

Die Frau in Schwarz

- Harry Potter im Spukschloss
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Düstere Bilder hat der Film zu bieten, und ja, einige Szenen sind auch ganz nett.
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Hills Schauergeschichte wurde 1989 schon einmal verfilmt, damals für das englische Fernsehen. Im Gegensatz zur bildästhetisch wie inhaltlich eher spröden TV-Adaption orientiert sich die Kinoverarbeitung des Stoffes motivisch deutlicher an klassischen Gruselgeschichten. Nachdem der Fernsehfilm die Handlung ins Zeitalter der Elektrizität verlegte, spukt die Frau in Schwarz nun wieder durch ein Gemäuer der Viktorianischen Ära, das im flimmernden Kerzenschein seine Schatten zieht.

Repertoire der Gruselhausrequisiten

Regisseur James Watkins, dessen Debütarbeit „Eden Lake“ das Publikum des Fantasy Filmfests 2008 spaltete, beherrscht sein Haunted-House-Sujet souverän und verlässt sich auf die effektive Einfachheit der unwägbaren Horrorbilder: dunkle Ausleuchtung, am Protagonisten klebende Einstellungen und die großzügige Platzierung unverzichtbarer Schockmomente. Diese verfehlen ihre Wirkung nicht, im Mittelteil überzeugt „Die Frau in Schwarz“ durch eine rundum stimmige Unheimlichkeit, wegen der der sonst eher harmlose Film in England wohl auch für eine niedrigere Freigabe leicht gekürzt werden musste.

Watkins bedient sich aber nicht nur im Repertoire üblicher Gruselhausrequisiten (fratzenhafte Puppen, selbst auslösende Spieluhren, ölungsbedürftige Türangeln), sondern bezieht den Horror vergangener Schrecken und deren ruheloser Seelen auch traditionsgemäß in die emotionale Wirklichkeit seiner Figuren ein. Der von Radcliffe gespielte Spukhausverwalter ist natürlich nicht zufällig Witwer und Familienvater. Um die Geschichte motivieren und ausbauen zu können, wird der Fluch der alten Frau in den Kontext seiner persönlichen leidvollen Erfahrung gesetzt.

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Gestern noch süßer Zaubererlehrling, heute löscht er ganze Familien aus. Oder so.
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Das ist natürlich alles nicht neu, erst recht nicht im Hause Hammer, aber es scheint wohl immer wieder zu funktionieren. Glücklicherweise verzichtet „Die Frau in Schwarz“, wenn er schon weitgehend frei von Originalität oder Genre.Reflexion ist (anders als beispielsweise Ti Wests aktuelle Geisterhausmeditation „The Innkeepers“), auf allzu zeitgemäßen Schnickschnack, auf lärmende Soundeffekte etwa oder die längst schon abgehangenen Motive des J-Horrors (die er allerdings anklingen lässt). So empfiehlt sich Watkins’ Film zumindest für Neueinsteiger, Genre-Allesgucker oder minderjährige Harry-Potter-Fans.