Die Traumfabrik und der Eskapismus sind wie zweieiige Zwillinge, die sich seit der Geburt entweder in produktivem Zank aneinander abreagieren oder in inniger Harmonie versinken. „Der Zauberer von Oz“ nach der Erzählung von L. Frank Baum, an dem sich 1939 fünf Regisseure abarbeiteten, bis Victor Fleming es schließlich in die Credits schaffte, steht wie kaum ein anderer Film für diese unstete Wechselbeziehung.

Ein quietschbunter Traum in Technicolor, „Somewhere Over the Rainbow“, eine „Feier der Flucht“, wie Salman Rushdie es beschrieb – aber auch eine Reflexion über Phantasie und Wirklichkeit, über Kindheit und Verantwortung und über die Frage, ob das Gras drüben auf der anderen Seite wirklich so viel grüner ist als daheim.

Die fantastische Welt von Oz - Spider-Man ist weit weg von Kansas

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 11/141/14
Visuell berauschend, doch inhaltlich bleibt Raimis Vision von Oz auffallend blass.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Diese Zwischentöne ebnet Sam Raimi in „Die fantastische Welt von Oz“ nun mit verblüffender Konsequenz ein. Er erzählt die Vorgeschichte des Klassikers, in der es den Zauberer, dem das Mädchen Dorothy einmal begegnen wird, in das sagenhafte Land Oz verschlägt.

Wiederum beginnt es in Kansas, wo Oscar Diggs (James Franco), genannt „Oz“, sich als Jahrmarktzauberer durchschlägt. Doch dieses Kansas besteht nur aus dem Zirkus, die ökonomische, kulturelle, soziale Wirklichkeit der USA um die Jahrhundertwende findet sich allerhöchstens als leiser Nachhall in den Gesprächen der Menschen.

Die Geburt des Kinos aus dem Geiste des Jahrmarkts

Ihre Welt hat Raimi in schwarz-weiß gedreht und im alten 4:3-Format des klassischen Hollywood. Der Inszenierung in 3D kommt das durchaus entgegen: Da, wo Weite beschränkt wird, richtet sich der Blick eben automatisch stärker in die Tiefe. Gerade der Vorspann ist ein lustvolles Zelebrieren der Guckkastentechnik, tiefe Tunnels, drehende Räder, Münzen, Tricks, Mechanik auf allen Ebenen – eine Hommage an die Geburt des Kinos aus dem Geiste des Jahrmarkts.

Packshot zu Die fantastische Welt von Oz Die fantastische Welt von Oz

In der Folge allerdings spielt Raimi die dritte Dimension vor allem in Bedrohungsszenarien am eindrucksvollsten – und gleichzeitig am konventionellsten – aus: in einem Sturm, in den Oscar mit seinem Fesselballon gerät und der ihn ins farbensatte breitwandausgewalzte Zauberland von Oz bringt. In den Blättern, die ein fliegendes Raubtier auf der Suche nach zwei Flüchtigen niedertritt. Oder in Feuerbällen, Lanzen, langnasigen finsteren Hexengesichtern.

Die fantastische Welt von Oz - Spider-Man ist weit weg von Kansas

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Viele Szenen zitieren einfach nur den Vorgänger.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Sache mit den Hexen wird Oscar sowieso gewaltig den Kopf verdrehen. Zunächst begrüßt ihn Theodora (Mila Kunis) in Oz und erkennt ihn als den Zauberer aus einer Prophezeiung, der das Land von der bösen Hexe befreien wird. Sie führt ihn in die Hauptstadt mit ihren Schwindel erregenden zackigen Türmen aus Smaragd, wo die skeptische Schwester Evanora (Rachel Weisz) Zweifel anmeldet an Oscars Erlöserpotenzial.

Um diese auszuräumen, immerhin warten auf den Befreier der Thron und obszön riesige Berge von Gold, macht er sich sogleich auf: Mit einem fliegenden Affen (im Original gesprochen von Zach Braff) und einem traumatisierten Porzellanmädchen als Gefährten geht es in den Dunkelwald, wo sich die böse Hexe Glinda (Michelle Williams) verbergen soll.

Selbst die Menschen werden zu Objekten

In dem Oz, das Set Designer Robert Stromberg für Raimi entworfen hat, gehen Computertechnik und erstaunlich viel Handarbeit eine perfekte Symbiose ein. Vieles von den riesigen Blütenblättern, den weiten roten Blumenfeldern, der gelben Ziegelsteinstraße, über die schon Dorothy wanderte oder wandern wird, soll physisch gebastelt worden sein. So ist ein Film der visuellen Kontraste entstanden, voll von enormen signalfarbigen Flächen und größenwahnsinnigen Bergen und Türmen, von tiefer Finsternis und prallem Licht.

Farbexplosion, Ausstattungsorgie und Klischeemaschine – Raimis Oz verwöhnt die Augen und beleidigt das Hirn.Fazit lesen

„Die fantastische Welt von Oz“ gibt sich der Ausstattung, dem unbelebten Objekt, in einer Weise hin, die selbst die Menschen zu solchen degradiert: Kunis, Williams, vor allem Franco spielen die stets eindeutig definierten Emotionen ihrer Figuren mit einer Palette an mimischen Klischees – stets an, aber selten über der Grenze zum Overacting. Ihre Sätze sind deklamatorische Statements. Aus heißer Liebe etwa wird kalter Hass, dazwischen scheint es nichts zu geben – schon gar keine Konversation, die Ausdruck irgendeiner individuellen Regung wäre und nicht im Dienst von Plot oder Moral stünde.

Lediglich Rachel Weisz gönnt sich ein wenig ironische Distanz zu ihrer Rolle. Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer allumfassenden Künstlichkeit, die aber gerade nicht weit genug getrieben wird, um sich selbst zu entlarven. So sind etwa die gezeichneten Hintergründe, ob in Kansas oder Oz, stets eindeutig als solche zu erkennen – aber in Raimis geschlossenem erzählerischen Kosmos ist dies kein Widerhaken, der über die Macht und Grenze von Illusion reflektieren würde, sondern nur ein weiteres Gewürz in einer zähen, ausweglosen Nostalgiesoße.

Die fantastische Welt von Oz - Spider-Man ist weit weg von Kansas

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 11/141/14
Was Phantasie sein möchte, bleibt oftmals nur Klischee.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das totalitäre Reich der Phantasie

Keine Frage, eigentlich wollen wir genau das vom Kino: Es soll uns in eine andere Welt entführen mit anderer Textur, anderen Individuen, anderen Bewährungsproben, die es zu bestehen gilt. Aber genau das tut Raimi nur scheinbar. Sein Oz ist voll von dramaturgischen Konventionen, platten Gegenüberstellungen und simplen Botschaften – als Beispiel sei nur die Art und Weise genannt, wie in den Kostümen der Hexen Schwarz und Weiß voneinander getrennt sind. Raimis Blick geht nicht nach vorne, sondern nur in eine neu zu verklärende Vergangenheit.

Man konnte die Entlarvung des Zauberers als Trickster in Victor Flemings Film noch als eine Art Desillusionierung verstehen, bevor Dorothy den Weg nach Hause antrat. Aus Raimis totalitärem Reich der Phantasie will niemand mehr entkommen. Und der Meister der Illusion, von der längst kein Zweifel mehr besteht, dass mit ihr das Kino gemeint ist, wird am Ende den Sieg davontragen.