Nach dem viel gescholtenen „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ folgt nun binnen kurzer Zeit eine weitere im Studio Babelsberg gedrehte Hollywoodproduktion über das Dritte Reich. Genau wie George Clooneys Geschichtslustspiel ist auch „Die Bücherdiebin“ eine Romanadaption. Und ähnlich wie der Berlinale-Flop 2014 leistet auch das WW2-Drama über ein kleines Adoptivmädchen der diesjährigen Oscar-Resterampe ordentlich Vorschub.

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Der Tod aus dem Off

Die vergleichsweise deutlich empfehlenswertere Romanvorlage von Markus Zusak avancierte nach ihrem Erscheinen 2005 zu einem internationalen Beststeller. Zusaks Buch, das sich gezielt an eine jugendliche Leserschaft richtete, wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und insbesondere seiner ungewöhnlichen, zweigeteilten Perspektive wegen hochgeschätzt: Es erzählte die Geschichte nicht nur aus Sicht der heranwachsenden Protagonistin, sondern ebenso aus der des Todes selbst.

Die Bücherdiebin - Was für ein belangloser Mist

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Die gemeinsamen Szenen zwischen Liesel (Sophie Nélisse) und Rudi (Nico Liersch) gehören noch zu den interessanteren des Films.
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Dieser fungiert auch in der US-Verfilmung als Ich-Erzähler. Er ist sowohl omnipräsenter Teil der Ereignisse, die er konkret kommentiert, als auch eine abstrakte Kraft, die über der Handlung liegt (während der Voice-Over geht die Kamera sogar stets in Vogelperspektive). Seine in der Vorlage nicht selten zynischen, manchmal gar geschmacklosen Beschreibungen mildert die Kinoversion indes ab – hier tritt der Tod eher als gutmütige Stimme auf, die im Märchenonkel-Habitus um Verständnis wirbt

Ob man das bei Markus Zusak als künstlerischen Ausdruck wahrnehmen oder es schlicht banal finden mag, bleibt natürlich jedem Leser selbst überlassen. Im Film aber wirkt diese Erzählstimme vollkommen deplatziert, wenn nicht geradezu peinlich. So ertönen die Spruchkalenderkommentare aus dem Off gleich zu Beginn über erhabenen Wolkenbildern. Und wenn dann ein Zug durch schneebedeckte Landschaften düst, wähnt man sich eher im neusten ZDF-Weihnachtsmehrteiler denn einem Film über Kriegsleiden.

Ein solcher ist „Die Bücherdiebin“ allerdings durchaus, wenn auch wahrlich erkenntnisfrei. Der Film – respektive der Tod – erzählt die Geschichte von Liesel Meminger (Sophie Nélisse), einem zwangsadoptierten Mädchen, das im Nazideutschland des Jahres 1938 bei Hans Hubermann (Geoffrey Rush) und seiner mürrischen Ehefrau Rosa (Emily Watson) unterkommt. Sozialen Anschluss findet Liesel nur schwerlich, einzig der gleichaltrige Rudi Steiner (Nico Liersch) wird ihr ein treuer Freund.

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Bücher gegen die Angst: Dem jüdischen Flüchtling Max (Ben Schnetzer) steht Liesel Tag und Nacht bei.
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Um der Deportation zu entfliehen, sucht der jüdische Flüchtling Max (Ben Schnetzer) Unterschlupf bei Familie Hubermann. Mit ihm teilt Liesel eine Leidenschaft für Bücher, die sie nach und nach heimlich aus der Privatbibliothek des örtlichen Bürgermeisters stiehlt, und liest ihm während seiner schweren Krankheit im Kellerversteck aus ihnen vor. In einem Klima allgegenwärtiger Angst vor Judenverfolgung, Zwangsrekrutierung und Bombenterror bilden Liesels Bücher eine Fluchtmöglichkeit in wenigstens gedanklich freie Welten.

Als Buchverfilmung bestenfalls enttäuschend, als Geschichtsdrama hohl und gefühlsblind. Ein Film ohne Intelligenz oder Erkenntnisgewinn. Und langweilig ist er noch dazu.Fazit lesen

Mangelnde Sensibilität

Zumindest die Romanvorlage legt ihr Hauptaugenmerk auf diesen geistigen Eskapismus, der die Kraft von Geschichten und die Kunst des geschriebenen Wortes zelebriert. Im Film selbst scheint die Literaturbegeisterung der Titel gebenden Bücherdiebin hingegen nur behauptet: Ihre Leseabenteuer werden lediglich angerissen, die ihren Alltag bestimmende Faszination für Sprache zu wenigen Momenten verkürzt. Das Herz der Vorlage ist dem Film komplett entrissen, er hätte genauso gut „Das Tagebuch der Liesel Meminger“ heißen können.

Stattdessen spinnt er eine Familiengeschichte vor historischem Hintergrund, die so dicht an ihren Minischauplätzen klebt, so sehr nur ihren überschaubaren Handlungsort im Blick haben mag, dass der eigentliche Kontext aus Naziherrschaft und Holocaust beinahe unsichtbar bleibt. Unterkomplexe Figuren werden – wie üblich in Filmen über das Dritte Reich, die es sich gern besonders einfach machen – schablonenhaft gegeneinander ausgespielt. Und das finale Schreckensszenario müssen ausgerechnet die Bombenagriffe der Alliierten entfachen.

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Zu ihrem Adoptivvater Hans (Geoffrey Rush) hat Liesel ein ungleich besseres Verhältnis als zu ihrer Mutter. Doch auch er wird zum Kriegsdienst eingezogen.
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In einigen Momenten gerinnt die mangelnde Sensibilität des Films dann auch zum richtigen Ärgernis. Wenn etwa die Bücherverbrennung zur kollektiv angestimmten ersten Strophe des Deutschlandliedes ästhetisch seltsam schön aufbereitet wird (mitsamt üblichem Colorgrading aus dem Zweifarbentopf). Oder wenn die Frage, ob der im Keller versteckte Max während einer Hausdurchsuchung der Nazis entdeckt werden kann, zum ausgespielten Spannungsmoment hochstilisiert wird.

Schaut man „Die Bücherdiebin“ zudem in der Originalfassung, also in jener Version, in der er weltweit vertrieben wird, so offenbart sich zusätzlich ein Bauerntheater auf schlimmstem Fremdschamniveau. Nicht nur sprechen alle Schauspieler (unabhängig ihrer Herkunft) Englisch mit deutschem Akzent, sondern sind die Dialoge auch fortlaufend mit teutonischen Worteinsprengseln auf authentisch gebürstet. Kostproben: „What are you Saukerle doing here?“ oder auch „Hey Dummkopf, can’t you even read yet?“. Hilfe!