In diesem Film stecken viele Geschichten: Es ist ein Coming-of-Age-Stoff ebenso wie ein Außenseiterdrama, eine ungewöhnliche Lovestory mindestens so sehr wie ein faktischer Gerichtsthriller, und im Besonderen ist „Der Vorleser“ heikles Geschichtsmaterial, das Fragen nach Verantwortung und Schuld, Opfer- und Täterrollen verhandelt. Zunächst in den 50er Jahren, später in der Gegenwart verortet, untersucht der Film den zeitgemäßen Generationskonflikt – an einem brisanten Beispiel: Es geht um die Aufarbeitung der Naziverbrechen.
Doch erst einmal erzählt „Der Vorleser“ eine reine Liebesgeschichte: Der an Gelbsucht erkrankte 15jährige Michael Berg (David Kross) erleidet auf dem Nachhauseweg von der Schule eine Panikattacke und muss sich übergeben. Eine schroffe Frau (Kate Winslet) kommt dem Jungen zu Hilfe und nimmt ihn mit zu sich in die Wohnung. Es ist der Beginn einer intimen Beziehung. Nach anfänglicher Scheu sehen sich der Schüler und die so viel ältere Schaffnerin jeden Tag. Er liest ihr dann aus Büchern vor, und anschließend schlafen sie miteinander.
Hanna ist Analphabetin, also liest Michael ihr aus seinen Büchern vor.Plötzlich steht eines Nachmittags die Wohnung der Frau leer, Michaels heimliche Geliebte ist verschwunden, weggezogen, geflüchtet. Acht Jahre und einen – im Vergleich zur Vorlage weniger radikalen – zeitlichen Schnitt später besucht Michael, nunmehr Jurastudent, eine Gerichtsverhandlung. Auf den Anklagebänken sitzen damalige KZ-Aufseherinnen eines ehemaligen Außenlagers von Auschwitz. Es ist das erste Mal, dass der junge Mann jene Frau wieder sieht, in die er sich als 15jähriger verliebte.
Hanna Schmitz, so ihr Name, ist in diesem Prozess die Hauptangeklagte, sie wird für ihre Kriegsverbrechen zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Doch niemand außer Michael kennt ihr unausgesprochenes Geheimnis: Hanna ist Analphabetin. Über Jahre hinweg liest er auf Tonbändern aus Büchern vor, die er ihr ins Gefängnis schickt. Bis er, nun schon im reiferen Alter und gespielt von Ralph Fiennes, eines Tages eine Briefantwort erhält.
Regie: Stephen DaldryGenre:DramaFilmstart: Darsteller:Hannah Herzsprung, Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes
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Die Schuldfrage wird in diesem Buch aus einer anderen Sicht angegangen. Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Blick aus der Perspektive von Menschen die nach dem Krieg geboren oder aufgewachsen sind aber noch von den 'Tätern' umgeben waren.
Dies ist ein Aspket unserer Geschichte und man muss auch dieses Kapitel bearbeiten dürfen um die späteren Geschehnisse (Stichwort 68er) verstehen zu können.
So hart es klingen mag, aber die Ofer spielten in diesem Prozess keine direkte Rolle und es wäre verlogen ihnen zwanghaft eine aufzudrängen.
Kontrovers: ja, unerträglich, verlogen: nein und @prozac: verdammtnochmal vorbei? : wohl kaum
Im allgemneinein geht mir das buch sowieso auf den sack. es ist eine interessante sichtweise auf die dinge, eine wertvolle perspektive.aber eben nur ein weiteres verdammtes buch über diese verdammte zeit.verdammtnochnmal langweilig,verdammtnochmal vorbei.
Natürlich ist Schlink kein "dahergelaufener Schnulzenautor", und sein Buch ist ja auch ungemein clever geschrieben - nicht zuletzt würde ich es immer als exemplarischen Roman anführen, der hoch- und massenkulturelle Literatur verbindet.
Ich finde den Umgang des Buches mit der Schuldfrage eben bedenklich. Das hat nichts damit zu tun, dass es nicht notwendig sei, die Täter aus einer überhöhten dämonischen Rolle herauszuholen, sondern eben Entschuldigungen für ihre Taten zu suchen, Verständnis zu evozieren und sogar Identifikationsangebote zu machen (die Scham wird gegen die Schuld ausgespielt). Das Buch und auch der Film geben fast ausschließlich nur dem Täter eine Stimme, die Opfer spielen keine Rolle, die eigentliche (!)Thematik geht in hübscher Holocaustästhetik unter (der Besuch Michaels im KZ ist wahrlich an formaler Geschmacklosigkeit schwer zu überbieten). Das Buch windet sich doch völlig um die von dir beschriebene Auseinandersetzung und Konfrontation. Im Film sogar noch stärker, da Hannas Taten nicht einmal erläuert werden, während das Buch ja immerhin noch die sachlichen Gerichtsgutachten berücksichtigt (und sich damit in Fakten und emotionale Distanz flüchtet). Nein, der Stoff ist problematisch, nicht zuletzt weil dieser schrecklich altherrenmäßige Liebesdunst der Geschichte die bittere Thematik verhüllt.
Dennoch würde ich nie bestreiten, dass das Buch auch Qualitäten in sich trägt. Wie gesagt, es ist ein Diskurs, es gibt zwei Seiten der Medaille. Ich hatte das Glück, dass das Buch in der Schule auch entsprechend kritisch rezipiert wurde.
Schlink ist kein dahergelaufener Schnulzenautor, sondern einer der angesehensten Juristen Deutschlands. Den Vorleser als Stoff fürs 'gute Gewissen' abzustempeln verkennt die Tiefe dieses Werkes (als Buch).
Es geht gerade nicht um das 'Reinwaschen', was schon ein kleiner Blick auf das Ende des Buches hätte verraten können. Es wird keine Absolution angestrebt und auch nicht erteilt.
Vielmehr stellt Schlink -stellvertretend für eine ganze Generation- die Verwirrungen des Michael dar, indem er die (unbestrittene) Schuld der Hanna Schmitz auf Michaels Zuneigung und das Unverständnis der Nachkriegsgeneration für das Geschehene treffen lässt.
Es mag aus der Sicht der Kinder der 80er schwer sein sich das vorzustellen, aber es gab eine Zeit in der ein jeder damit konfrontiert war, was die Menschen die sie liebten getan haben. Die Suche nach Entschuldigungen und Ausflüchten klingt nicht mehr ganz so absurd oder verharmlosend, sondern menschlich.