Tjaja, wie oft haben wir in den letzten Jahrzehnten bereits die Geschichte vom unbeugsamen Gesetzeshüter aufgetischt bekommen, der sich im Alleingang mit einer Übermacht an bösen Buben anlegt und im Laufe seines Kampfes auch allerhand private Tiefschläge einstecken muss, da Recht und Ordnung einfach wichtiger sind als Heim, Herd und Familie?

Der Unbestechliche - Offcial Trailer (englische Untertitel)

Die 1970er senden ihre Grüße

Mit Sicherheit schon viel zu oft. Solange man aber Wiedergekautes dieser Geschichte mit soviel Style und schauspielerischem Großgewicht präsentiert, können gerne noch weitere Varianten kommen, zumal in diesem Fall auch wahre Ereignisse verarbeitet werden.

Der Unbestechliche - In Frankreich stirbt sich’s einfach schöner!

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Der Film erscheint am 24.09.2015 auf Blu-ray und DVD.
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Wir schreiben das Jahr 1975 und befinden uns in Marseille: Jugendrichter Pierre Michel (Jean Dujardin - hierzulande wohl vor allem bekannt aus dem trilliardenfach ausgezeichneten Bildungsbürger-Konsenshit „The Artist“ bekannt) hat die Folgen des florierenden Drogenhandels schon mehrmals an seinen jungen Klienten miterleben dürfen. Da kommt eine Beförderung zum Polizeichef gerade Recht, und so macht sich der smarte Cop auf die jahrelange Jagd nach dem Hauptverursacher allen Übels, Gaëtan „Tany“ Zampa (Gille Lelouche, bekannt aus „Point Blank“).

Zampa ist die Schlüsselfigur der weit verzweigten Organisation „La French“ (so auch der Originaltitel des Films), die die Stadt fest in ihren eisernen Klauen hält und dank fleißigem Export auch für den größten Teil der Heroin-Welle in den USA verantwortlich ist. Doch Pierre Michel muss mit den Jahren erkennen, dass der Einfluss von „La French“ bis ganz nach oben reicht.

Die Verbrecherorganisation „La French“ war in den USA als „French Connection“ bekannt, bei diesem Namen werden Filmfans aber erstmal an William Friedkins gleichnamigen Evergreen denken, der ebenso auf den realen Geschehnissen der damaligen Zeit basiert. Und auf dem diesjährigen Filmfest lief „Der Unbestechliche“ auch tatsächlich noch unter „The Connection“, allerdings gibt es, auch wenn der deutsche Verleih das mit einem flotten Trailer suggeriert, bis auf die gleiche Ausgangsbasis, keine Gemeinsamkeiten.

Der Unbestechliche - In Frankreich stirbt sich’s einfach schöner!

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Ein guter Film für alle, die gerne in einem Krimi mitfiebern.
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„Der Unbestechliche“ ist deutlich ruhiger und epischer angelegt als sein amerikanischer Bruder im Geiste. Man hält sich zudem wesentlich enger an die Realität - die vorkommenden Personen gab es tatsächlich und die Kernereignisse haben sich mehr oder weniger (Wahrheit ist im Film ja immer ein extrem dehnbares Feld) so zugetragen.

Style-Fans kriegen glänzende Augen: Klassischer Cop-Thriller im überirdischen Edel-Look!Fazit lesen

Folgerichtig werden allzu große Schauwerte ausgespart: Es gibt keine ausufernden Autoverfolgungsjagden und die Polizeieinsätze sind keine großformatigen Ballereien sondern kurz und effektiv, was auch auf die Auseinandersetzungen der Gangster zutrifft: kurz, effektiv und auf dieser Seite der Medaille ziemlich brutal.

Der französische Polizeikrimi konzentriert sich in allererster Linie auf seine beiden Hauptprotagonisten, die angenehm geerdet gezeichnet werden. Pierre Michael ist trotz verbissenem Jagdeifer und manch nicht ganz so legaler Methode kein einzelgängerischer Rüpel à la Jimmy Doyle, sondern ein ausgesprochener Familienmensch, der in seiner schwächsten Stunde den Frust nicht genregemäß in der Schnapspulle ersäuft, sondern Halt bei seinen Liebsten sucht. Und auch sein Gegenüber, Verbrecherfürst Zampa, ist alles andere als lediglich Abschaum.

Der Unbestechliche - In Frankreich stirbt sich’s einfach schöner!

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Lasst euch von diesem Film überraschen, erwartet aber keine große Action.
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Allerdings kommen die Ambivalenzen der beiden Hauptprotagonisten recht spät zum Tragen, denn größtenteils schwebt Regisseur Cédric Jimenez offenbar etwas anderes vor...

Ein Zusammentreffen der beiden Kontrahenten hoch oben auf einem Berg erinnert zwar - auch dank der charismatischen Schauspiel-Superstars - ein wenig an „Heat“, allerdings orientiert sich „Der Unbeugsame“ in seiner Gesamtheit dann doch eher am Polizeifilm der 1970er. Besonders „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ winkt aus der Ferne - der Film ist eher an der nachvollziehbaren Aufarbeitung einer historisch unterfütterten Geschichte anhand seiner beiden Hauptcharaktere interessiert (in den Plot werden auch immer wieder Bilder aus der Realität in Form von TV-Sendungen eingewoben), als am reinen Männerkino, weswegen die Geschehnisse in der ersten Hälfte des Films den Zuschauer auch etwas draußen lassen. Der emotionale Unterbau wird erst nach einer Weile nachgereicht, ob zu spät, ist wohl abhängig von den individuellen Präferenzen.

Vorsicht: Spoiler!

Wie sehr der Film sich der realistischen Aufarbeitung verschrieben hat, merkt man übrigens auch am obskuren Ende. Dass ein Polizeichef, der praktisch die ganze Unterwelt gegen sich aufgebracht hat, einfach so, völlig ungeschützt, mit dem Motorrad-Roller durch die Straße fährt und dann - natürlich - einem Attentat zum Opfer fällt, mutet fast schon komödiantisch an, aber so steht es nun mal geschrieben und genauso wie die Hinterbliebenen keine Erklärung wussten, reicht auch die filmische Aufbereitung keine nach. Sehr schön.

Nicht nur sehr schön, sondern wirklich atemberaubend ist auch der Style des Films: Jimenez schafft es ganz ohne „Grindhouse“-Quatsch oder aufdringlichen „Guck mal!“-Ausstattungsoverkill das Marseille der 70er-Jahre auferstehen zu lassen. Es ist alles so wahnsinnig liebevoll ausgestattet, wimmelt nur vor schönen Motiven und ist zudem in diesen typischen, so herrlichen, leicht gedämpften Farben dieses Jahrzehnts gefilmt, dass man sich mit den ganzen Bildern am liebsten das Wohnzimmer tapezieren möchte und sich fragt, ob Jimenez wohl schon seine Bewerbung als nächster Bond-Regisseur ausgefüllt hat.