So kann’s gehen. Kaum galt es einmal mehr die vergeudeten Chancen deutschen Genrekinos zu bedauern („Gefällt Mir“), erhebt sich mit dem ganz und gar verque(e)ren Horrorthriller „Der Samurai“ ein hochsinnlicher Phönix aus der Asche hiesiger Kinoverrücktheit. Bild- und gewiss auch blutschön erzählt der Film von einem Provinzpolizisten und Katana schwingendem Wahnsinn.

Der Samurai - Offizieller Trailer

Tanz mit dem Tod

Ein brandenburgisches Dorf irgendwo an der deutsch-polnischen Grenze. Vorgärten mit schief stehenden Zäunen und pinken Gummiflamingos. Häuser, deren abbröckelnder Putz höchstens noch von kümmerlichem Charme ist. Ein Fußballplatz mit notdürftig verknoteten Tornetzen. „Mach hinne!“, schreit eine Trainerstimme, „wir sind doch hier nicht bei der Tuntenparade“. Offensichtlich.

Der Samurai - Es lebe der deutsche Horrorfilm!

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Jakob Wolski (Michel Diercks): Polizist, Wolfstänzer, Duckmäuschen. Und blutbesudelt.
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Jakob Wolski (Michel Diercks) ist einer von lediglich zwei Polizisten im Kaff, der andere ist der mit der Trainerstimme. Warum er immer den Wolf im Wald füttern gehe, fragt Horvath (Uwe Preuss) seinen Schützling. Damit halte er ihn von den Häusern fern, sagt Jakob leicht stotternd. Andere spielen Fußball, er schleppt Fleischreste ins Grüne. „Ach, ist das jetzt deine Strategie?“.

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Fernhalten, Strategien haben: Das beschreibt Ödnis und Enge dieses Fleckens wohl schon ganz gut. Alle passten hier auf, dass auch niemand aus der Reihe tanze, beklagt sich eine Frau auf Durchreise. Selbst Jakob kann sich da nur noch zu einem überzeugungsfreien „mir gefällt’s hier“ durchringen. Wohnt er doch in einem Dorf, bei dessen Polizeistation man tatsächlich nicht „außerhalb der Bürozeiten“ anrufen kann.

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Im Würgereiz des Fremden (Pit Bukowski). Der romantische Schein trügt ganz gewaltig.
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Weil Jakob nun von seinem Vorgesetzten augenscheinlich genauso wenig ernst genommen wird wie von der halbtrunken auf Schwalben umherdüsenden Jugendgemeinde, kann er sich den ohnehin erwartungsgemäß tristen Discobesuch auch gleich sparen. Stattdessen verschlägt es ihn, den sensiblen märkischen Lone Wolf, in ein gespenstisches Grimmsches Häuschen im Wald.

Dorthin locken ihn Samuraischwert und Stimme eines mysteriösen Fremden (Pit Bukowski). Ihm wird Jakob seltsam unbestimmt in die Nacht folgen, wenn sich eine Spur der Verwüstung erst unheimlich anziehend, dann explosiv gefährlich mit funkelnden Blutfontänen durch das Dorf zieht. Der blondgelockte Irre im weißen Kleid und sein schüchterner Verfolger – sie jagen und bekämpfen sich, um mit dem Tod zu tanzen.

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Wolfsmetaphern: Die verschiedenen Interpretationsansätze überlässt der Film glücklicherweise seinem Publikum.
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Verführerisch-brutal

Vieles in diesem Film entzieht sich eindeutigen Zuschreibungen, orientierungslos wie sein sanfter Held irren wir durch nächtliches, gerade einmal von orangefarbenem Laternenlicht durchschnittenes Schwarz. Mit surrealen Stimmungsbildern, wortkargen Dialogen, eigentümlicher Schauerlichkeit ködert er, aber Erlösung gibt es keine: „Der Samurai“ widersteht jeder erklärerischen Absicht.

Definitiv aber liebäugelt Till Kleinerts Kinodebüt, zugleich Abschlussarbeit seines Filmstudiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, mit klassischen Erkennungszeichen des Horrorkinos: die junge Frau, nach einer Autopanne dem Schrecken ausgesetzt, der Zweikampf zwischen Maniac on the Loose und Final Boy, das von Gore und Guts nur so strotzende Massaker des rätselhaften Killers.

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Kopflos durch die Nacht oder: rotes Nass ohne Unterlass. „Der Samurai“ lässt den deutschen Horrorfilm durchaus auch blutig hochleben. Gut so.
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Dieses filmische Etwas, irgendwo zwischen brandenburgischem Splatter und sozialrealistischer Milieubeschreibung, nutzt seine Reize für maximal schönen Irrsinn. In der aus vager Erotik und suppendem Blut entfachten Coming-Out-Geschichte liegen verdrängte Begehrlichkeiten und verführerisch-brutale Todessehnsucht dicht beieinander. Er müsse „die Verstopfung beseitigen“, fordert der Samurai von seinem Jakob. Den inneren Wolf endlich freilassen.

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Und schließlich – nach rollenden Köpfen, loderndem Feuer, deutschen Genrebildern, wie man sie nun wirklich kaum mehr für möglich hielt – stellt sich alles Ringen dem Antlitz eines fröhlich in die Luft ragenden Schwanzes. Seit Robert Hiltziks diabolischem Slasher-Bastard „Sleepaway Camp“ hat es im Horrorfilm wohl keine so unverschämt widersinnige Schlusseinstellung mehr gegeben.