1986 wurde Noah Gordons Roman „Der Medicus“ in den USA veröffentlicht, zehn Jahre später fand er dann auch den Weg nach Deutschland. Ein Bestseller wurde er zwar nicht nur hierzulande, nach dem Verkauf von sechs Millionen Exemplaren sicherte sich aber eine deutsche Firma die Verfilmungsrechte. Dem Film selbst sieht man die deutsche Entstehung nicht an, unter den Darstellern ist lediglich Elyas M’Barek ein heimischer Star. Er ist leider auch einer der Schwachpunkte des Films. Man wird das Gefühl nicht los, seine „Türkisch für Anfänger“-Figur in Verkleidung vor sich zu haben.

Der Medicus - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Rob Cole (Tom Payne) muss als Junge mitansehen, wie seine Mutter an der Seitenkrankheit stirbt. Allein und auf sich gestellt wird er zum Lehrling eines Baders. Bader sind herumreisende Ärzte – oder Metzger, denn allzu groß ist ihre Heilkunst nicht. Rob möchte jedoch lernen, er möchte ein Arzt werden und Menschen helfen. Als er von einem jüdischen Heiler erfährt, dass im arabischen Isfahan der größte Arzt aller Zeiten lebt, macht er sich auf beschwerliche Reise in den Orient und gibt sich dort als Jude aus.

In Isfahan gelingt es ihm, tatsächlich an Ibn Sinas (Ben Kingsley) Schule angenommen zu werden. Er lernt mehr über die Heilkunst, als er es sich je hätte träumen lassen, aber Isfahan ist ein Pulverfass. Den fundamentalistischen Mullahs ist die Universität ein Dorn im Auge, der Shah muss sich mit den erzreligiösen Seldschuken einen Krieg liefern und Robs große Liebe ist einem Widerling zur Frau versprochen. Als die Pest in Isfahan ausbricht, schlägt Robs große Stunde.

Der Medicus - Der Mediokre; eine bittere Pille

alle Bilderstrecken
Die Romanvorlage stammt aus der Feder des US-amerikanischen Schriftstellers Noah Gordon.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 19/221/22

Ein Fernsehfilm im Kino

Natürlich gab es nie Überlegungen, „Der Medicus“ für das Fernsehen zu adaptieren. Es sollte schon von jeher ein Kinofilm werden. Nichts anderes hat ein Bestseller von Weltrang verdient. Nur leider erscheint die Umsetzung wie ein knapp zu kurz geratener Zweiteiler, der auf der Mattscheibe besser als im Kino aufgehoben wäre.

Das recht ereignislose Plätschern der Geschichte könnte man dort eher tolerieren, weil die in Marokko gedrehten Sequenzen in Isfahan zumindest ausgiebig Lokalkolorit versprühen.

Wirklich langweilig ist „Der Medicus“ nicht, nur unaufgeregt, das ist er auf jeden Fall. Das ist umso erstaunlicher, da durchaus genügend Elemente vorhanden sind, um Spannung zu generieren, zu oft verlässt sich das Drehbuch aber auf standardisierte Konventionen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Liebesgeschichte zwischen Rob und Rebecca, die man mit Hindernissen und Problemen in dieser Form schon dutzendfach gesehen hat.

Der Medicus - Der Mediokre; eine bittere Pille

alle Bilderstrecken
Eigentlich ist die Buchvorlage der erste Band einer dreiteiligen Reihe.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 19/221/22

Es ist ein Klischee, und das nicht umsonst. Klischees funktionieren, sie lassen aber auch jeden Funken Originalität vermissen. Der Vorlage von Noah Gordon kann man hier nicht die Schuld in die Schuhe schieben, die Romanze ist auf dem Mist der Filmemacher gewachsen. Denn Rebecca gibt es im Roman gar nicht, wohl aber Mary Cullen, die hier gar nicht auftaucht. Beide Figuren sind völlig unterschiedlich. Rebecca ersann man wohl, weil es für die Filmemacher undenkbar war, eine Geschichte über Liebende zu erzählen, die sich nicht nahe sind.

Aufwendig gemacht, aber frei von Höhepunkten. Ein dahinplätschernder Film, der im Fernsehen besser aufgehoben wäre.Fazit lesen

Dabei ist „Der Medicus“ eben kein Stoff, der das Hauptaugenmerk auf die Romanze legen sollte. Sie darf ein Teilaspekt sein, mehr aber auch nicht. Praktisch alles andere ist wichtiger – nur eben in diesem Film nicht.

Die Kunst der Adaption

Wenn man einen mehr als 800-seitigen Roman auf einen zweieinhalbstündigen Film verdichten muss, dann ist die größte Kunst, die gefragt ist, die der Vereinfachung. Aber man läuft Gefahr, die Essenz einer Geschichte zu verlieren. Bei „Der Medicus“ wurde einiges vereinfacht, Figuren leben und sterben gänzlich anders als in der Vorlage, mitunter geht sogar jede Ambivalenz verloren. Insbesondere zeigt sich das an der Figur des Shahs, der zwar als hart gegenüber seinen Feinden gezeichnet wird, aber Rob erstaunlich freundlich begegnet.

Der Medicus - Der Mediokre; eine bittere Pille

alle Bilderstrecken
In die Rolle des Meisterarztes Ibn Sina schlüpft der welbekannte Darsteller Ben Kingsley.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 19/221/22

Demgegenüber steht, dass „Der Medicus“ oftmals wirkt, als wollten Autor Jan Berger und Regisseur Philipp Stölzl unbedingt einen Kommentar auf die heutige Zeit abgeben. Möglicherweise sollte dieser elegant sein, tatsächlich ist er jedoch ausgesprochen plump.

Der religiöse Konflikt zwischen den Aufgeklärten und den Fundamentalisten wird derart holzhammerhaft dargeboten, dass es schon an Peinlichkeit grenzt. Subtilität ist dieses Films Sache wahrlich nicht. Im Grunde hätte nur gefehlt, dass die radikalislamischen Schurken sich noch genüsslich den Bart zwirbeln, während sie Ränke schmieden und Mordtaten planen.