Remakes gibt es wie Sand am Meer und erfreuen sich gerade in der heutigen Zeit - in der Filme am Fließband produziert werden - größter Beliebtheit. Es fehlt ein spannendes Drehbuch? Nehmen wir doch ein bereits existierendes. Ein Film hat Erfolg? Das können wir auch, aber besser! Und so kramt man gerne alte Schätze noch einmal frisch poliert hervor. Doch ein neuer Trend in Hollywood: Ausländische Filme blitzschnell kopieren... Wie es nun auch bei „Der Lieferheld“ geschehen ist.

Der Lieferheld - Unverhofft kommt oft - Deutscher Trailer

Hollywood im Remake-Wahn

Als 2011 „Verblendung“ mit Daniel Craig und Rooney Mara in die Kinos kam, wunderte man sich, denn das schwedische Original von Regisseur Niels Arden Oplev war erst 2 Jahre alt und eigentlich sehr erfolgreich gewesen. Von diesem Ruhm wollte Hollywood natürlich eine Scheibe abhaben.

Remakes sind sicherlich keine neue Erfindung, aber ihre Zahl steigert sich in den letzten Jahren erheblich, wie zum Beispiel „Dinner für Spinner“ im Jahr 2010 (das Original stammt aus Frankreich, 1998), „Let Me In“ ebenfalls im Jahr 2010 (schwedisches Original: „So finster die Nacht“, 2008) oder demnächst auch der französische Überraschungserfolg „Ziemlich beste Freunde“ aus dem Jahr 2011, zu dem prompt ein US-amerikanisches Remake angekündigt wurde. Oder jetzt ganz aktuell eben „Carrie“ und „Der Lieferheld“.

Der Lieferheld - Unverhofft kommt oft - Vince Vaughn spielt 'Fünf gegen Willy'

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Da freuen sich alle: Juhuu! Ein neues Remake!
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693 Mal Handbetrieb

Letzterer ist ein Remake des frankokanadischen Films „Starbuck“, der erst letztes Jahr bei uns im Kino lief. Nein, Remake wäre zu schwammig, zu gnädig ausgedrückt. Es handelt sich hierbei eigentlich um eine nahezu Eins-zu-eins-Kopie. Nur dass man eben den charismatischen kanadischen Schauspieler und Komiker Patrick Huard durch den US-amerikanischen „Verwandlungskünstler par excellence“ Vince Vaughn ersetzte.

Mal ehrlich: Vince Vaughns Mimik könnte auch in Botox gegossen sein, viel Veränderung zeigt sie nicht. Doch das ist bei seiner Filmauswahl auch nicht notwendig, spielt er doch meist den verliebten, liebenswürdigen Versager in (romantischen) Komödien, bei denen das spritzige Drehbuch wichtiger ist, als die schauspielerische Leistung.

Packshot zu Der Lieferheld - Unverhofft kommt oftDer Lieferheld - Unverhofft kommt oft

So blickt er auch als David Wozniak (ja, sogar der Name blieb gleich!) mit seinen großen leidenden Augen relativ ausdruckslos durch die Szenerie. Und ob ich jetzt den Inhalt von „Starbuck“ oder von „Der Lieferheld“ zusammenfasse, das macht wahrlich keinen Unterschied: David Wozniak ist – wer hätte es gedacht – ein verliebter, liebenswürdiger Versager. Er baut Hanf an, um sein Monatsgehalt aufzubessern und kommt so mit zwielichtigen Gestalten in Berührung. Seinen Unterhalt verdient er sich eigentlich als Ausfahrer im wozniak’schen Familienunternehmen: Einer Metzgerei.

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Gestatten: die Wozniaks.
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Doch er ist, laut seiner Familie, der schlechteste Ausfahrer, den man sich nur vorstellen kann. Sein vorheriger Job ging ihm wesentlich leichter von der Hand: mit Samenspenden verdiente er sich unter dem Synonym „Starbuck“ (Hey, den Namen kennen wir doch?) einen fünfstelligen Betrag. Und ja, ihr denkt richtig: Dafür muss man schon einige Male die Palme wedeln. 693 Mal, um genau zu sein. Und aus diesen 693 Samenspenden sind, weil sich Davids Sperma als besonders fruchtbar erwies, in kürzester Zeit 533 Kinder entstanden. 142 davon wollen nun ihren biologischen Vater kennenlernen und klagen deshalb die Bekanntgabe des Spenders ein.

Aber David hat gerade ganz andere Probleme: Seine Freundin Emma (Cobie Smulders alias Robin Scherbatsky) ist schwanger – und ein Kind reicht ihm erst einmal. Doch da wären immer noch Davids chronischer Geldmangel und der damit einhergehende regelmäßige Besuch von zwielichtigen Gestalten, die gewisse Summen von ihm fordern. David Wozniak, der arme Schopf, hat leider ein großes Brett vor dem Kopf.

Lasst die Finger von „Der Lieferheld“ und greift lieber zu „Starbuck“! Das Original ist eine wunderschöne, herzerwärmende Komödie – das Remake nur ein schlechter Abklatsch.Fazit lesen

Entfernt wird dieses von Chris Pratt, der spielt nämlich Wozniaks Freund Brett. Und der ist fast nur namentlich ein Holzkopf. Immerhin hat er die Idee, das Krankenhaus wegen des Medienrummels, der nun um den Fall „Starbuck“ entstanden ist, auf Schmerzensgeld zu verklagen. Allerdings hat Brett die Rechnung ohne seinen Freund David gemacht. Denn der beginnt sich für seine 142 Kinder zu interessieren…

Vince Vaughn ringt mit sich selbst

Das klingt jetzt natürlich alles ziemlich albern und übertrieben, ist es aber - zumindest im Original – nicht wirklich. Während Patrick Huard charmant den absoluten Versager verkörpert, wirkt Vince Vaughn meist sehr fehl am Platz. Als hätte er den Regisseur und Drehbuchautor (Ken Scott) durchweg nicht richtig verstanden.

So bleibt die Rolle des Protagonisten sehr oberflächlich und stumpf; man entwickelt kaum Sympathie für ihn, wobei gerade das bei „Starbuck“ das tragende Gefühl des Zuschauers ist: Absolute Sympathie für diesen schusseligen Kerl, der es doch eigentlich nur gut meint.

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Was? wer soll das sein - Patrick Huard?
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Aber nicht nur Vince Vaughn erscheint total fehlbesetzt, sondern auch der gesamte restliche Cast. Der wirkt nämlich wild zusammengewürfelt, als hätte man möglichst schnell den Film besetzen wollen: In der Familie Wozniak gibt es keine äußerlichen Ähnlichkeiten, David ist z.B. im Vergleich zu seinen Geschwistern und seinem Vater ein Riese, und auch Davids Kinder ähneln sich und ihrem biologischen Vater kein bisschen. Das hat das kanadische Original viel besser hingekriegt.

Zudem hatten die 142 Kinder unvergleichlichen Wiedererkennungswert. Man wusste sofort, welches von ihnen der Bademeister war, welches der Musiker und welcher Sohn der angehende Schauspieler. In „Der Lieferheld“ rätselt man immer wieder erneut, wer nun noch einmal wer war. Und das liegt nicht an einer möglichen, schier verwechslungsgefährdeten, äußerlichen Ähnlichkeit, sondern einfach an der blassen und faden Spielweise der Schauspieler.

Einzig den total überzeichneten Emojungen Viggo (Adam Chanler-Berat) und den behinderten Jungen Ryan (Sébastien René) erkennt man wieder. Bei letzterem hatte ich beim ersten Blick vor allem das Gefühl, dass dieser Schauspieler die ideale Besetzung für die Rolle des Raphaél (wie er im Original heißt) sei. Das liegt aber daran, dass es eben ein und derselbe Schauspieler ist, der in „Der Lieferheld“ wiederverwertet wurde. Scheinbar war es zu schwierig, einen amerikanischen Jungschauspieler zu finden, der den behinderten Sohn ebenso gut mimt – oder es war so einfach bequemer.

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Sooooo viele Fehlbesetzungen bietet "Der Lieferheld".
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Großer Scott!

Denn Bequemlichkeit scheint das Markenzeichen von Regisseur Ken Scott zu sein. Er übernahm lange Dialogabfolgen, die meisten Witze, Szeneneinstellungen und sogar die Bewegungen der Schauspieler teilweise eins zu eins aus dem Original. Sicherlich würde sich der Regisseur und Drehbuchautor von „Starbuck“ darüber schwarz ärgern – wenn es nicht derselbe wäre!

Richtig gelesen: Ken Scott schrieb das Drehbuch für „Starbuck“ und übernahm ebendieses auch für „Der Lieferheld“ (bis auf wenige kleine Amerikanisierungen) und führte bei beiden Filmen auch Regie. Der Mann kennt sich mit dem Stoff eben aus, immerhin hat er ihn schon einmal erfolgreich produziert. Wozu also jemand anderen erst einmal monatelang darin einweisen?

So kommt es dann auch, dass sich der Film wie eine identische Kopie anfühlt, zum Beispiel wenn David im Krankenhaus zwischen der besorgten Krankenschwester und seiner drogensüchtigen Tochter auf und ab geht... Oder wenn er auf den rechtlichen Vertreter des Krankenhauses trifft und „Yo no soy David Wozniak“ erwidert. Das geschieht im Original sehr charmant, im Remake wirkt es jedoch übertrieben, vor allem, da Vince Vaughn diesen einen Satz mehrfach schreit, scheinbar ohne dabei seine Bedeutung zu verstehen, und selbst dann sein Gesicht-für-alle-Lebenslagen nicht verliert.

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Ein Hauch Romantik, ein bisschen Cobie Smulders und fertig ist das Remake.
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Als Fehlgriff erweist sich zudem Chris Pratt, alias Brett, der nicht nur sehr hölzern spielt, sondern auch so gar nicht in die Rolle des überforderten Familienvaters und erfolglosen Anwalts passt, der seiner Familie endlich beweisen will, dass auch in ihm ein Gewinner steckt. Ebenso liefert Colbie Smulders zwar eine solide, aber kaum beeindruckende Performance ab, die sicherlich niemandem im Gedächtnis bleiben wird.

Wer an der Geschichte als solche interessiert ist: Finger weg von „Der Lieferheld“ und greift bei „Starbuck“ zu! Denn das Original ist eine herzliche und charmante Komödie; das Remake hingegen trivialer Müll, unter dem, tief vergraben und bedeckt von flachen Witzen, fehlbesetzten Schauspielern und deren oberflächlichen Charakteren, eigentlich eine liebenswürdige Geschichte steckt.