Ari Folman ließ sich Zeit, ein Nachfolgeprojekt zu „Waltz with Bashir“ zu präsentieren. Er brauchte diese Zeit auch, um aus Stanislaw Lems Roman „Der futurologische Kongress – Aus Ijon Tichys Erinnerungen“ einen Film zu destillieren. Sein Werk „The Congress“ ist von Lem inspiriert, es greift dessen Ideen und Themen auf, transportiert sie aber auf eine neue Ebene. Warnte Lem mit seinem Roman vor dem Kommunismus, so suchte Folman nach einer anderen Allegorie, einer moderneren, die einem zeitgenössischen Publikum etwas zu sagen hat.

Der Kongress - Deutscher Trailer

Er hat sie gefunden und einen Film erschaffen, der wie die Reise ins Wunderland ist. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, auch wenn der Film leicht überfordern kann, da er einerseits über extremen Detailreichtum verfügt, andererseits intuitives Verstehen erwartet und voraussetzt. „The Congress“ ist einer der bemerkenswertesten Science-Fiction-Filme des Jahres, der zum wiederholten Ansehen einlädt.

Der Kongress - Nach Stanislaw Lem: einer der bemerkenswertesten Science-Fiction-Filme des Jahres

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Einscannen für die Ewigkeit: Robin Wright.
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Robin Wright war mal ein Star, damals, als sie mit „Die Braut des Prinzen“ einen großen Hit hatte, aber dann kamen die falschen Entscheidungen, die Allüren und der Wunsch, sich lieber um ihre Kinder zu kümmern. Ihre Karriere dümpelt seitdem vor sich hin, aber eine junge Robin Wright wäre immer noch eine Menge Geld wert.

Darum bietet das Studio Miramount der alternden Schauspielerin einen Kontrakt an. Man erwirbt alle Rechte an ihrer Figur, lässt sie einscannen und produziert dann Filme mit Robin Wright, aber Robin Wright hat damit nichts mehr zu tun. Sie bekommt Geld und die Auflage, dass sie nie wieder als Schauspielerin arbeiten darf.

Robin lässt sich auf den Deal ein, die Jahre vergehen, die Zukunft wird immer kurioser und sie findet sich in einer animierten Zone wieder, einer Art Zeichentrickwunderland, in dem jeder sein kann, was er will. Von hier aus wird die nächste Revolution der Unterhaltungstechnik geplant, doch Robin Wright will nicht länger Teil dieser pervertierten Form von Showbusiness sein.

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Realfilm und Zeichentrick

Den Stoff wollte Folman schon lange verfilmen, erst die Beschäftigung mit „Waltz with Bashir“ verschaffte ihm die Erkenntnis, wie „The Congress“ umgesetzt werden musste – als Mixtur aus Real- und Zeichentrickfilm.

Polarisierender Science-Fiction-Film, der die literarische Macht des Genres in bewegte und bewegende Bilder einfängt.Fazit lesen

In der ersten Hälfte ist „The Congress“ ganz Realfilm. Er spielt mit der Idee einer möglichen Zukunft, die so entfernt nicht mehr scheint. Vielmehr denkt er den nächsten logischen Schritt Hollywoods durch, der kommen mag, wenn die Technik den Punkt erreicht hat, dass Stars von früher auch heute wieder jung und knackig auf der Leinwand agieren können.

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Robin im Wunderland: Sieht so die Zukunft aus?
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Die zwei sehr unterschiedlichen Teile des Films ergeben kurioserweise ein sehr homogenes Ganzes. Wilder, kühner, gewagter und überraschender gestaltet sich natürlich der Zeichentrickteil, der klassisch animiert ist und wie eine Mixtur aus dem Beatles-Film „Yellow Submarine“ und den Werken von Tex Avery erscheint. Die Realität hat hier nichts mehr zu suchen, sie ist, was jeder hinter sich zu lassen versucht.

Das ist eine der großen Stärken von „The Congress“, der postuliert, dass heutiges Kino auch nicht mehr als das ist. Es erlaubt dem Zuschauer, in eine Welt einzudringen, in der alles besser ist, in der man sich wohler fühlt, in der man all das vergessen kann, was die Realität zu einer solch hässlichen Angelegenheit macht.

Kritik an und Parodie auf Hollywood

Folman ist sich der eigenen Schizophrenie dabei durchaus bewusst. Er stellt die Frage danach, ob es gut ist, zu sehr im Medium Film zu versinken in eben dem, einem Film. Aber „The Congress“ ist kein Eskapismus, er ist ein an Metaphern reich geschmückter Weihnachtsbaum, vor dessen geballter Pracht man nur in Ehrfurcht erstarren kann.

„The Congress“ ist ein vielschichtiger Film, der verschiedene Interpretationsebenen eröffnet. Er reflektiert im Grunde das, was man selbst in den dunklen Kinosaal mitbringt. Das macht ihn zu einem sehr ambivalenten Erlebnis, die einen werden ob der großen Science-Fiction-Vision höchst angetan sein, die anderen nach dem Sinn des Films suchen.

Folman kritisiert das System Hollywood, das immer mehr Geld in immer seelenlosere Blockbuster pumpt. Zugleich parodiert er, wie Hollywood tickt, wie es denkt, wie es agiert, wie die Menschen, die in diesem System leben, handeln und sich benehmen. Folman kann sich das leisten, mit seinen Werken stand er stets außerhalb des Systems. Schwer vorstellbar, dass er einen Film mit hunderten Millionen Dollar drehen und dafür kreative Freiheit aufgeben würde.

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Regisseur Ari Folman inszenierte zuletzt den viel beachteten Waltz with Bashir.
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Die ist in „The Congress“ überbordend, die Vision, die der Filmemacher hier offenbart, ist schlichtweg erschlagend. Nach zwei Stunden verlässt man das Kino verwirrt, aber auch zufrieden – und mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf. Denn nicht alles ergibt auf den ersten Blick Sinn, aber das Gesehene setzt Denkprozesse in Kraft. Darüber, was Realität und Fiktion verbindet und unterscheidet und wie beides im Kopf des Rezipienten bzw. des Erlebenden zu ein und demselben wird. Wenn es um uns herum schwarz wird, dann, weil unser Verstand das so will.