Ein altes Haus, eine nicht mehr vollständige Familie und dann, wenn es ganz still wird, „things that go bump in the night“. „The Babadook“ ist klassischer „haunted house“-Horror, der ganz sicher vom Erfolg von „Conjuring“ profitiert, doch darüber hinaus auch eine eigene Linie sucht. Die größte Aufmerksamkeit des Films gehört hier nicht dem Kampf gegen den Boogeyman, sondern einem beklemmenden Mutter-Sohn-Drama, das den übernatürlich erscheinenden Ereignissen eine durchaus rationale psychologische Deutungsmöglichkeit offenlässt.

Der Babadook - Deutscher Trailer #1Ein weiteres Video

Zwischen Wahn und tatsächlicher Bedrohung

Genauer gesagt: Dieser Babadook, diese schwarze Gestalt, mit seinem Zylinderhut und den spitzen Krallen, die Amelia (Essie Davis) und ihren Sohn Samuel (Noah Wiseman) heimsucht, könnte auch einfach nur eine „physische“ Manifestation der angespannten Familiensituation sein – die Samuel zunehmend freidrehen lässt und seine Mutter immer mehr in eine isolierte Ecke drängt.

Der Babadook - Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

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Abendessen in grauer Kälte - Amelia (Essie Davis) und ihr Sohn Samuel (Noah Wiseman).
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Der Junge liest das „Babadook“-Buch und meint nun, dass das titelgebende Monster sie bedroht. Ohne Freunde, aber gesegnet mit einer gesunden Fantasie erzeugt der Junge immer wieder Situationen, die andere Eltern und Kinder abweichen lassen.

Die Schilderung der daraus resultierenden Verzweiflung der Mutter ist eine der stärksten Seiten des Films. Amelia leidet an Schlaflosigkeit und wird immer bleicher und schwächer. Sie kann nur hilflos ihrem Sohn beistehen, immer mit dem Rücken zur Wand, wartend auf den nächsten Ausraster. Irgendwann erscheint auch ihr der Babadook und fährt in ihren Körper, was dann das angesprochene Setting bereitet – die Balance zwischen Einbildung und Realität, zwischen Wahn und tatsächlicher Bedrohung. Der Babadook steht für das sich einfressende Trauma einer Familie, die immer weiter abdriftet, und ist gleichzeitig auch ein Bote übernatürlicher Ereignisse. „If it’s in a word or it’s in a look, you can’t get rid of the Babadook.

Old-School-Horror, gepaart mit totaler Erschöpfung

Das „Babadook“-Buch taucht einfach auf und lässt sich nicht so einfach wieder loswerden. Schritte ertönen im Haus, Türen bewegen sich und immer wieder sieht man auch den Dämon – eine wirklich imposante Erscheinung, ungefähr so wie Nosferatu, gesehen durch die Augen von Tim Burton.

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Aufrüstung gegen den Boogeyman - für Samuel ist der Babadook real.
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Regisseurin und Drehbuchautorin Jennifer Kent hat ihre Horror-Hausaufgaben definitiv gemacht, vor allem was den Aufbau von Spannung und die folgende Entladung in Schocks angeht. Schön ist hier auf jeden Fall, dass die Inszenierung auf „old schooliges“ Handwerk setzt und tatsächlich ganz ähnlich wie „Conjuring“- die Szenerie nur dezent unterstützt, nicht marktschreierisch um die Ohren haut.

Bezeichnend hierfür ist die gruseligste Szene des Films, die nur ganz kurz dauert und Samuel zeigt, wie er auf einer Schaukel steht – also auf dem Gerüst einer Schaukel. Für Jennifer Kent ist das lediglich ein Augenblick, eingefangen durch die Augen der entsetzten Mutter, die immer stärker zum Zentrum des Films wird und das ich-kann-nicht-mehr-Gefühl totaler Erschöpfung eine Zeit lang ungemein intensiv vermitteln kann.

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der Ursprung des Babadooks – ein expressionistisch anmutendes Kinderbuch.
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Bis dann aber eine Art Bruch entsteht, die die Empathie des Zuschauers überstrapaziert, weil Essie Davis, die eigentlich phänomenal eindringlich spielt, das mit der passiven Bleichheit einfach zu oft zeigt. Und dazu dann das Fragezeichen zwischen Horror- und psychologischer Ebene mindestens aufweicht und sich zu deutlich in eine Richtung neigt.

Spätestens wenn dann das Bett und die Bilder an der Wand dahinter zu wackeln anfangen, verliert „The Babadook“ einen Teil seines Reizes. Jennifer Kent hat sich nicht getraut, die Ambiguität ihrer Geschichte bis zum Ende aufrecht zu erhalten, auch wenn ein letzter Rest Ungewissheit noch bleibt. Die finale Konfrontation mit dem schwarzen Mann, Kotzen im Keller (eines der größten modernen Klischees im Horrorfilm) und nächtliche TV-Bilder alter Horrorfilme – so richtig die letzte Kurve bekommt der Film leider nicht, doch trotzdem bleibt ein intelligenter und gut inszenierter Genrebeitrag.

Schon erstaunlich, dass das „haunted house“-Genre immer noch im Saft steht...und ebenso erstaunlich, dass dieser Saft zu einem guten Teil auf eine -hier nach wie vor dramatisch unterrepräsentierte- weibliche Sichtweise zurückzuführen ist.