Fast schien es, als sei der Hype um skandinavische Regisseure und ihre Stoffe in Hollywood wieder ein wenig abgeklungen. Im Frühjahr 2012 wechselten sich noch Tomas Alfredson, Nicolas Winding Refn und David Finchers „Verblendung“ nach Stieg Larsson auf den Leinwänden und in den Feuilletons des Landes ab. Nach einem Jahr Durststrecke und Lasse Hallströms „Der Hypnotiseur“ legt nun mit Niels Arden Oplev derjenige Regisseur sein US-Debüt – abgesehen von drei Folgen der Krimiserie „Unforgettable“ – vor, der für die erste Verfilmung von „Verblendung“ zuständig war.

Ein annehmbarer Thriller in solider Fernsehspielästhetik war das damals 2009, von dem vor allem die Hauptdarstellerin Noomi Rapace im Gedächtnis geblieben ist – die dann auch lange vor Arden Oplev den Sprung aus Schweden in groß budgetierte Produktionen wie „Sherlock Holmes – Spiel im Schatten“ oder „Prometheus“ geschafft hat. Rapace, der französische Künstlername bedeutet Raubvogel. Und ohne das Bedrohliche, Lauernde wäre kaum eine der Kunstfiguren dieser Darstellerin so faszinierend, wie es ihre Lisbeth Salander nun einmal war.

Abgründe hinter den Charaktermasken

Schnee von gestern? Keineswegs – denn Arden Oplev bezieht sich in „Dead Man Down“ nach dem Drehbuch von J.H. Wyman durchaus offensiv auf all diese Traditionen. Rapace spielt die Kosmetikerin Beatrice, eine französische Einwanderin in zweiter Generation, die ihr Gesicht in gleich mehrfacher Hinsicht hinter einer Maske verbirgt.

Bei einem Autounfall wurde Beatrice entstellt, ein Narbenmuster überzieht eine ihrer Gesichtshälften, die mit ihren spitzen roten Linien eher exzentrisch verziert als wirklich grotesk verunstaltet erscheint. Dennoch wird sie gehänselt und verprügelt, als Monster beschimpft. Ihren Beruf hat sie bis auf weiteres aufgegeben.

Beatrice führt etwas im Schilde. Welche Abgründe könnten sich da auftun, denkt man etwa an die verführerischen Femmes Fatales des Film Noir, etwa Barbara Stanwycks „Frau ohne Gewissen“, die die Männer erst von sich abhängig machten und dann ins Verderben schickten! Zugegeben, eine harmlose Figur ist dieser Victor (Colin Farrell) von gegenüber ohnehin nicht, dem Beatrice eines Tages von ihrem Hochhausfenster aus zuwinkt. Er ist vielmehr Teil der Bande des Gangsterbosses Alphonse (Terrence Howard), und man hat längst gesehen, wie er in einer Schießerei geholfen hat, eine andere Bande weitgehend auszulöschen.

Dead Man Down - Colin Farrell und Noomi Rapace auf Rachefeldzug durch New York

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Victor (Colin Farrell) hat ein finsteres Geheimnis.
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Nichts mehr zu verlieren

Da stehen sich die beiden einsamen Seelen nun gegenüber, er auf seinem Balkon, sie im Wohnzimmer, das sie mit ihrer Mutter (in der Nebenrolle weitgehend verschenkt: Isabelle Huppert) bewohnt, unter ihnen die tiefen Straßenschluchten der klassischen Einwandererstadt New York. Und verabreden sich zum Essen, einer ernsten, schweigsamen Angelegenheit, denn Beatrice hat Schmerzen, wenn sie lächelt und ja, es gibt einige dieser Momente in „Dead Man Down“, wo mit eher groben Pinselstrichen gearbeitet wird – aber dazu später mehr.

Packshot zu Dead Man DownDead Man Down

Von diesen durchaus intensiven emotionalen Momenten an hätte man eine banale Liebesgeschichte weiterspinnen können – oder schildern, wie die beiden sich allmählich immer tiefer in eine tödliche Abhängigkeit verstricken. Doch Beatrice lässt recht schnell die Maske fallen: Sie hat gefilmt, wie Victor einen Eindringling in seiner Wohnung getötet hat. Offenbar ist er ein Mann, der so etwas kann – und deshalb soll Victor auch den Kerl ermorden, der für Beatrices Unfall verantwortlich ist. Aber auch Victor hat eine traurige Vergangenheit, und der gebürtige Ungar hat deshalb auch rein gar nichts mehr zu verlieren.

Großartige Augenblicke und ein verpatzter Showdown
Diese Vorgeschichte gehört zu den wenigen Wendungen des Plots, die behutsam vorbereitet werden – doch weil sie dennoch reichlich vorhersehbar bleibt, enttäuscht sie gerade wegen dieses ausladenden Vorlaufs. Das abrupte Herumreißen des Handlungssteuers hat, etwa bei der Enthüllung von Beatrices wahren Motiven, durchaus etwas Erfrischend-Überraschendes.

Dead Man Down - Colin Farrell und Noomi Rapace auf Rachefeldzug durch New York

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Nach dem eleganten Einstieg wird Dead Man Down leider zum konventionellen Rache-Thriller.
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Auf lange Sicht allerdings ergibt sich die Geschichte der Konvention: Victors Lavieren zwischen seinen unterschiedlichen Aufträgen etwa oder der behutsame Aufbau einer irgendwie vertrauensvollen Beziehung zu diesem französischen Rachegeist wirken in der Plotmechanik wie enervierende Verzögerungen des Unvermeidlichen. Geradezu ärgerlich gerät Arden Oplev dann ein viel zu brachialer Showdown, der in seiner actiongetriebenen Plattheit und Übertreibung überhaupt nicht zum zuvor gesetzten Tonfall des Films passen will.

Was als Fingerübung in Atmosphäre und Emotion beginnt, wird bald zum ordentlich inszenierten, aber vorhersehbaren Rachethriller. Schade eigentlich.Fazit lesen

Gerade die präzis gesetzte Atmosphäre ist dabei grundsätzlich eine der größten Stärken von „Dead Man Down“. Irgendwo zwischen einer Milieustudie von Immigrantenschicksalen in New York, einem existenzialistischen Rachethriller und einem symbolhaft auf-, vielleicht auch überladenen Melodram hätte Niels Arden Oplev einen richtig guten Film machen können.

So bleiben einzelne, großartige Augenblicke in Erinnerung: zwischen Rapace und Farrell, aber auch zwischen diesem und Terrence Howards Mobster Alphonse, die in einer leeren dunklen Büroetage vor einer Glasfensterfront in scheinbarer Seelenruhe ein Fastfood-Häppchen futtern, während man sich zitternd fragt, ob dies nun Victors Henkersmahlzeit sein wird.