Die Zeiten vom Bewegten Mann Sönke Wortmann sind vorbei. Wenn er nicht noch auf ein Wunder von Bern hoffen kann, wird das dieses Jahr kein Sommermärchen für ihn. Da hilft nur eines: Mit der Päpstin beten - die ist ein echtes Superweib. Doch mit seinem neuen Film „Das Hochzeitsvideo“ zieht er nicht einmal mehr Kleine Haie an Land.

Wenn ein Film mit den Worten „brüllend komisch“, „sauwitzig“ und „eine Rock’n’Roll-Achterbahnfahrt“ angepriesen wird, sollte man vorsichtig sein. Meist steckt nichts als übermäßige Übertreibung dahinter. Bei Sönke Wortmanns neuem Film kann man hingegen nicht von Übertreibung sprechen. Absolute Überschätzung wäre besser angebracht. Dabei soll das Hochzeitsvideo doch „die längst überfällige deutsche Antwort auf Hangover und Brautalarm“ sein. Sicher… und ein Tiger steht in meinem Badezimmer…

Eine Hochzeit. Wie lustig.

Pia und Sebastian wollen heiraten, kennen sich aber erst seit vier Monaten. Das macht die Eltern skeptisch. Pias Hippie-Mutter gefällt der reiche Pinkel nicht so recht und auch Familie von Stieglitz ist nicht überzeugt, immerhin möchte Sebastians Herzensdame den Familiennamen nicht fortführen. Die letzten Tage bis zur Hochzeit werden per Kamera von Sebastians Freund Daniel und Pias Halbschwester Isabelle begleitet. Isabelle? Entschuldigung… Despair natürlich. Denn so möchte das wilde Grufti-Girl genannt werden.

Und wie sollte es auch anders sein? Natürlich passieren vor der Hochzeit ganz viele schräge Sachen, wodurch die Trauung in Gefahr gerät…

Authentisch? Niemals!

Die vermeintlich größte Stärke des Films ist gleichzeitig seine größte Schwäche. Denn Wortmanns Konzept einer Hochzeitsdokumentation geht absolut nicht auf. Vielmehr zerstört es den gesamten Film und die letzten Krümel Hoffnung auf erträgliche eineinhalb Stunden werden gnadenlos in Fetzen gerissen.

Alles wird festgehalten. Nichts entgeht der Kamera.

Der Film möchte die gesamte Dauer über authentisch wirken, indem alles im Stil eines Homevideos gedreht wird. Mal wird mit einem Camcorder, mal mit einer Handykamera alles festgehalten, was rund um die Hochzeit geschieht. Denn Hobbyfilmer Daniel hat sich zur Aufgabe gemacht, ein Hochzeitsvideo zu erstellen.

Packshot zu Das HochzeitsvideoDas Hochzeitsvideo

Die Idee ist nett, jedoch stößt sie auf Probleme, die Wortmann wohl anfangs nicht geahnt hat. Denn der Kinozuschauer von heute ist schnelle Schnittwechsel gewohnt. Aber wie soll von Kamera zu Kamera geschaltet werden, wenn nur eine vorhanden ist? Ganz einfach: Der Kameramann teleportiert durch den Raum! Während das Gespräch in der Kirche mit dem Pfarrer beispielsweise weiterläuft, steht Daniel immer an einer anderen Stelle und hält brav mit der Kamera drauf. Und das stört niemanden. Nicht den Pfarrer in der Kirche, nicht den Standesbeamten, der sich zu Hundevideos sexuell befriedigt, und auch nicht die Polizisten auf dem Polizeirevier, die zwar mehrfach streng „Kamera aus!!“ sagen, aber das Verbot nicht durchziehen.

Klischees, Klischees, Kli…

Anfangs sieht man Daniel auch nur, wenn er sich selbst filmt oder zufällig mit seinem Interviewpartner vor einem Spiegel steht. Als Despair als Kamerafrau dazukommt, sind die Möglichkeiten natürlich größer, doch immer noch begrenzt. Weswegen Wortmann schließlich doch eine „unsichtbare Kamera“ einsetzt, um zum einen mehr Schnitte zu ermöglichen und zum anderen Daniel und Despair am Geschehen stärker teilhaben zu lassen.

Könnte das simple Ergebnis eines Schülerprojektes sein. Ist aber Sönke Wortmann. Schade.Fazit lesen

Und dann wären da noch höchst intime Momente, die mit offener Kamera gefilmt werden und stark an der Authentizität des Filmes kratzen. So sagt ein Protagonist nicht selten zum offensichtlich filmenden Daniel: „Ich vertraue dir ein Geheimnis an, aber du darfst es niemandem weitersagen“, manchmal mit dem Zusatz „Und lösch das hinterher vom Band!“ Ja... natürlich löscht Daniel das vom Band!

Vor allem nicht diese grellpinken Shirts.

Doch neben den etlichen technischen Fehlern kann die Handlung leider auch nicht glänzen. Klischee reiht sich an Klischee: die piekfeine, stocksteife adlige Familie, die sich den gesamten Film über ausgrenzt und ausgegrenzt wird. Die Hippie-Mutter, die mit einem Gitarristen verheiratet war und nun das Herz eines stillen Buddhisten für sich gewonnen hat, der nur spricht, wenn es wirklich wichtig ist (wir können uns denken, wie das endet…). Und der gutaussehende Ex-Freund, der im Anblick des unausweichlichen Verlustes seine Ex-Freundin zurückgewinnen möchte. Die paar witzigen Momente, die man an einer Hand abzählen kann, reißen das Ruder leider auch nicht mehr herum.

So schweigt der Kinosaal, unterbrochen von heiseren, verzweifelten Lachern, die das Ende des Filmes herbeisehnen, und laut aufstöhnendem Uhrzeitüberprüfen. Selten haben sich 90 Minuten so sehr in die Länge gezogen. Zwischendurch überlegt man, ob die eigene Jacke über dem Kopf das Schauspiel erträglicher gestalten würde.