„Gone Girl – Das perfekte Opfer“ war der schwarzhumorige Versuch, die Lebensgeschichte einer kaputten (oder auch: einer kaputt gemachten) Frau als pervertiertes Medienereignis nachzuempfinden. „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“ ist nun die in die Intimität einer solchen Frau verlagerte Gegenerzählung. Auch in der neuen Romanverfilmung nach einer Vorlage der Bestsellerautorin Gillian Flynn geht es um dysfunktionale Beziehungen, ein familiäres Verbrechen und die tragende Rolle der Medien – jetzt aber weitgehend aus Sicht der Protagonistin erzählt.

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Dark Places - Gefährliche Erinnerung - Wo ist David Fincher, wenn man ihn braucht?

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Über jeden Zweifel erhaben (wenn auch leider nicht über jeden misslungenen Film): Charlize Theron als Opfer eines Familienverbrechens.
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Serienkiller-Obsessionen

Diese Protagonistin heißt nicht „Amazing Amy“, sondern Libby Day (Charlize Theron). Sie wurde nicht als hochbegabtes Mädchen, aber dafür als trauriges Waisenkind vermarktet: Unfreiwillig erlangte Libby im Alter von acht Jahren landesweit Bekanntheit, weil sie ein Familiendrama überlebte, bei dem ihre Mutter und Schwestern ums Leben kamen. Man schrieb ein Buch über sie und überhäufte das Mädchen mit Spenden, während Libbys älterer Bruder Ben (in jung von Tye Sheridan, in alt von Corey Stoll gespielt) als Satanist gegeißelt und für den Mord an seinen Familienmitgliedern verurteilt wurde.

Knapp 30 Jahre ist das her, mittlerweile lebt Libby einsam und verschuldet in einem zugestellten Apartment. Aus ihrer finanziellen Not heraus kontaktiert sie den True-Crime-Fan Lyle Wirth (Nicholas Hoult, an dessen Seite sich Charlize Theron gerade auch in „Mad Max: Fury Road“ durchs Leben kämpfte) und besucht den von ihm organisierten „Kill Club“ – eine Vereinigung hobbydetektivischer Menschen, die berühmte und ihrer Meinung nach ungeklärte Mordfälle in Rollenspielen nachstellen oder auf leicht verschwörungstheoretische Art zu lösen versuchen.

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Verschenkte Besetzung: Chloë Grace Moretz bleibt in ihrer kleinen Nebenrolle unterfordert.
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Diese absurde Obsession mit Serienkillern ist ein sehr amerikanisches Phänomen, der Film hat aber kein Interesse, sich darüber angemessen zu belustigen. Stattdessen lässt Regisseur und Drehbuchautor Gilles Paquet-Brenner seine emotional abgehärtete Hauptfigur in recht unwahrscheinlicher Weise vom traumatisierten Opfer zur kämpferischen Ermittlerin werden. Anfangs noch gegen Bezahlung, bald aber aus eigener Neugier beginnt Libby, das Verbrechen ihrer Kindheit aufzuarbeiten. Denn obwohl der noch immer inhaftierte Ben nie in Berufung gegangen ist, beteuert er seine Unschuld.

„Dark Places – Gefährliche Erinnerung“ (der Untertitel entspricht der deutschen Übersetzung des Romans) verschaltet diese detektivische Gegenwartshandlung dabei sowohl mit subjektiven als auch übergeordneten Rückblenden. Libbys diffuse Flashbacks inszeniert er in verrauschtem Schwarzweiß, was kein sehr origineller Einfall ist. Die anderen im Jahr 1985 spielenden Szenen scheinen hingegen einer objektiven Wahrheit entsprungen und entfernen sich damit von der persönlichen Perspektive der zwar toll gespielten, aber seitens der Erzählung immer wieder im Stich gelassenen Figur.

Dröger Thriller, der seine mutmaßlich tolle Vorlage gegen alles versichert, was an ihr spannend sein könnte.Fazit lesen

Kein David Fincher

Ich habe Gillian Flynns Vorlage nicht gelesen, könnte mir aber vorstellen, dass es in ihr wie schon bei „Gone Girl“ nicht allein um den reinen Krimiplot geht (oder anders: dass alles, was sich rundherum abspielt, eigentlich interessanter ist). David Fincher warf, vom viel spannenderen ästhetischen Zugriff mal ganz abgesehen, einen hochamüsanten Blick auf seine Geschichte. Gilles Paquet-Brenner („Sarahs Schlüssel“) besitzt für Flynns hier wieder einmal sehr deutlich auf Klassenunterschiede und Medienwahnsinn abzielenden Humor allerdings überhaupt kein Gespür.

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Tye Sheridan muss man als Schauspieler im Auge behalten, auch wenn er hier wie die meisten seiner Co-Stars kaum etwas zu tun bekommt.
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Ein interessanterer Filmemacher jedenfalls hätte mit einem der offenbar zentralen Themen des Romans, der gesellschaftlichen Hysterie (beziehungsweise „moralischen Panik“) um angebliche rituelle Missbräuche satanischer Sekten in den 1980er-Jahren, gewiss irgendetwas angestellt. Bei Gilles Paquet-Brenner wiederum bleibt das schlicht ein Plotdetail von vielen, er geht darüber hinweg wie über eigentlich alles, was der Stoff an medienpolitisch-historischen oder auch nur atmosphärischen (die ländliche Agrarkultur-Tristesse seines Handlungsortes Kansas) Eigenheiten zu bieten hat.

Folglich ist „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“ sehr darum bemüht, die Fülle der Romanfiguren abzuarbeiten, und gibt den in Nebenrollen auftretenden Schauspielerinnen wie Chloë Grace Moretz oder Christina Hendricks deshalb kaum etwas zu tun. Er verwendet viel redselige Zeit darauf, seine Protagonistin die Rätsel der Vergangenheit lösen zu lassen: Charlize Theron stolpert erst von Figur A nach Figur B und schließlich durch ein entsprechend maues Finale, das die pflichtschuldig vorangetriebene Handlung auf recht langweilige Weise unbedingt aufgeklärt wissen will.