Machtspiele und Intrigen im britischen Geheimdienst, komplexe und folgenschwere Verstrickungen im Leben von Agenten und Spionen: In der Welt des englischen Kanonschriftstellers John le Carré verwischen nicht nur moralische Grenzen, seine Protagonisten bleiben auch ungreifbare Figuren, geführt wie Marionetten in einer seltsamen Parallelwirklichkeit. Dutzendfach wurden die Spionagegeschichten des Bestsellerautors bereits adaptiert, nun probiert sich Tomas Alfredson mit „Dame, König, As, Spion“ an einem seiner berühmtesten Stoffe.

Dame, König, As, Spion - Deutscher Trailer

Dame, König, Meisterwerk

Als der schwedische Fernsehregisseur (geboren 1965) vor drei Jahren mit dem geradezu durchkomponierten Horrordrama „So finster die Nacht“ wie aus dem Nichts auf der Bildfläche des europäischen Kinos erschien, musste man sich schon irgendwie fragen: Wo kommt dieser begnadete Filmemacher auf einmal her? Wieso drehte er 20 Jahre lang heimische TV-Serien, die sein Können unter Ausschluss der Öffentlichkeit und vor allem fernab großer Leinwände stattfanden ließen? Und was wird man wohl von diesem Mann nach einem derart herausragenden Kinodebüt noch alles zu sehen bekommen?

Es durften also große Erwartungen in die Prestigeproduktion „Dame, König, As, Spion“ gelegt werden. Dass Alfredson selbst diese noch einmal übersteigt und alle Befürchtungen, sich doch nur als vorschnell gefeierte Eintagsfliege zu erweisen, nachhaltig aus dem Weg räumt, ist hingegen eine ganz wunderbare Überraschung. Gewiss, der Agententhriller spricht ein weitaus weniger breit gefächertes Publikum an, als es der populäre Stoff zunächst vermuten ließe. Alfredson arbeitet gegen Konventionen, leichte Unterhaltung ist dieser Film ebenso wenig wie dem Material naheliegendes Suspense-Kino.

Dame, König, As, Spion - Dame, König, Meisterwerk

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Nicht umdrehen, wenn dir jemand die Waffe vor die Nase hält.
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Ist man jedoch erst einmal bereit, sich von Alfredson in die komplexe Welt le Carrés entführen zu lassen, ziehen Stoff und Umsetzung den Zuschauer vollständig in ihren Bann. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges beschreibt der Film minutiös den Arbeitsalltag einer Gruppe von Geheimdienstlern. Nach einem missglückten Auslandseinsatz vermutet MI6-Oberhaupt Control (John Hurt) einen Maulwurf im Circus, wie der Geheimdienst von den Agenten getauft wurde, und beauftragt den pensionierten Ex-Topspion George Smiley (Gary Oldman) mit einer inoffiziellen internen Ermittlung.

No Nore Mr. Nice Spy

Mit stoischer Ruhe und Besonnenheit macht sich Smiley an präzise Nachforschungen zur gescheiterten Agentenmission in Budapest. Schnell vermutet er den Maulwurf im engsten Kreis der oberen Geheimdienstränge. Bube (David Dencik), Dame (Ciarán Hinds), König (Colin Firth) und As (Toby Jones) heißen die verdächtigen Schachfiguren im Verschwörungsspiel des MI6, und während die Suche nach dem Verräter voranschreitet, offenbaren sich immer mehr Schwächen im von scheinbar makellosen Menschen perfekt organisierten Geheimdienstapparat.

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Alfredson interessiert sich wenig für die oberflächlichen Zusammenhänge der Geschichte. Um die Maulwurfsfrage geht es ihm nur am Rande, des Rätsels Lösung führt über so viele knifflige Umwege, dass selbst aufmerksamste Augen den Überblick verlieren werden. Fast könnte man die verwirrende Handlungskonstruktion als Köder verstehen, so wenig setzt der Film auf vordergründige Spannung und so unbefriedigend bleiben die Auflösungen seiner Plotstränge. Die Erzählführung von „Dame, König, As, Spion“ ist unberechenbar, wie ein Drehbuchspiel verschiebt und lenkt er die Richtung seiner Inhalte.

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Tomas Alfredson erzählt die Geschichte mit starken Bildern und Darstellern.
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Dadurch befreit sich Alfredson nicht nur auf ebenso angenehme wie konsequente Art von den Zwängen der schlüssigen Erzählung im Spionagefilm, von lautstark raschelnden Skriptseiten und Hilfestellungen des Erklärbären, sondern gibt auch den Blick frei für andere faszinierende Schwerpunkte seiner Inszenierung. Kaum ein Film des Genres entwarf bislang ein derart faszinierend zermürbendes Berufsbild, mit der Romantisierung eines James Bond haben die Agenten von le Carré nichts gemein. Sie sind gebrochene Seelen, ohne Identität und soziale Verbindung, auf ewig verloren im endlos trägen Gewerbe des Geheimdienstes.

In der Beobachtung des Milieus erweist sich Alfredson bei seiner Umsetzung als Meister der Zwischentöne. Bis zur Beklemmung verdichtet er die Anordnung der Figuren und komprimiert stückweise ihre Bewegungsräume. In einer ausdauernd von Subtilität und Detailreichtum bestimmten und geradezu analytischen Inszenierungshaltung untersucht er mit breitesten Scope-Bildern grau-brauner Färbung stets, was sich jenseits des Offensichtlichen zuträgt. Die Präzision und Konzentration dieser Romanadaption kann nicht weniger sein als die große begnadete Handschrift eines absoluten Ausnahmefilmemachers.