Der letzte große Hollywoodfilm über AIDS ist mehr als 20 Jahre her. Selbst Skeptikern wäre 1993 dabei wohl nicht in den Sinn gekommen, dass „Philadelphia“ zwei Dekaden lang zumindest quantitativ ein Alleinstellungsmerkmal einnehmen würde. Ist „Dallas Buyers Club“ nun also schon deshalb ein wichtiger Film, weil er das Thema im US-amerikanischen Mainstream-Kino aus der Unsichtbarkeit löst?

Dallas Buyers Club - Deutscher Trailer Ein weiteres Video

Verschwiegen- und Feigheit

Ja, vielleicht ist er das tatsächlich. Zumindest insofern, als ein gut gemeinter, aber nicht wirklich guter Film immer noch besser ist als gar kein Film. Oder der Versuch einer künstlerischen, einer filmischen Bearbeitung per se ehrenwerter ist als Verschwiegen- und Feigheit. Obgleich man sich von einem Hollywood-Film über AIDS wohl weder zufrieden stellende Repräsentation noch wagemutige Komplexität erwarten darf.

Dallas Buyers Club - Der große Oscar-Kandidat - Doch was kann der Film wirklich?

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Mit Method Acting Auf Oscar-Kurs: Über 20 Kilo soll Matthew McConaughey für die Rolle eines HIV-infizierten Texaners abgenommen haben.
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Der sich daraus ergebende Widerspruch, einen Film über das Thema nur dann drehen zu können, wenn er möglichst unterhaltsam, rührig und unkompliziert ist, mag einer der Gründe für die Abwesenheit entsprechender Produktionen sein. Ein anderer Grund ist zweifellos die systematische Homophobie der Traumfabrik – und eine in Amerika verortete Geschichte über den Ausbruch von AIDS wäre zwangsläufig auch immer eine über schwule Lebenswirklichkeit oder wenigstens deren Abbildung.

Es ist der Independent-Major-Gesellschaft Focus Features daher hoch anzurechnen, dass sie mit Filmen wie „Brokeback Mountain“ und „Milk“ als überhaupt einzige Hollywood-Institution der jüngeren Vergangenheit ein queeres Mainstream-Kino geschaffen hat. Und dass sie mit dem Drama „Dallas Buyers Club“ nun einen (diskutablen) Film über AIDS produzierte, der sich nicht nur an eine Minderheit richtet.

Ein Kampf gegen das System

USA, 1985: In Atlanta findet die erste Welt-AIDS-Konferenz statt und mit Rock Hudson stirbt der erste Hollywood-Star an den Folgen der Immunschwäche. Ins kollektive Bewusstsein aber ist die Krankheit noch nicht vorgedrungen, zumindest glaubt der texanische Elektriker und Rodeo-Reiter Ron Woodroof (auf klarem Oscar-Kurs: Matthew McConaughey), bei AIDS handele es sich um eine „faggot disease" – die Mär von der „Schwulenseuche“, auch er glaubt fest an sie.

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Jennifer Garner hat sich im Kino ja leider rar gemacht. Umso schöner, wenn sie nun zumindest in einer Nebenrolle in einem viel beachteten Film zu sehen ist.
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Als bei Ron nach einem Arbeitsunfall das HI-Virus nachgewiesen wird, hält der homophobe Frauenheld die Diagnose für einen entsprechenden Irrtum. Erst im Zuge eigener Recherchen über die möglichen Ursachen einer Infektion erinnert er sich des ungeschützten Geschlechtsverkehrs mit einer heroinabhängigen Frau. Nur 30 Tage Lebenszeit würden Ron noch bleiben, teilen ihm die Ärztin Eve (Jennifer Garner) und ihr Kollege Dr. Sevard (Denis O'Hare) mit.

Hervorragend gespieltes und gut gemeintes biographisches Drama, das als Hollywoodfilm über AIDS jedoch wieder nur eine Fußnote zum Thema bildet.Fazit lesen

Nachdem die Behandlung mit dem noch in der Testphase befindlichen Medikament AZT nicht anschlägt, nutzt Ron in den USA nicht zugelassene Vitamincocktails und Proteine für eine Selbsttherapie. Er beginnt die eingeschleusten Kombinationspräparate an andere HIV-infizierte Menschen zu verkaufen und gründet schließlich mit dem transsexuellen Rayon (aufopferungsvoll: Jared Leto) den Dallas Buyers Club – in den Betroffene sich einkaufen und ungleich wirksamere Behandlungsmethoden nutzen können.

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Ein ungleiches Geschäftspaar: Rayon (Jared Leto) und Ron (Matthew McConaughey).
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Irgendwie also doch eine Erfolgsgeschichte, mindestens jedoch eine konventionelle Kämpferstory. Mit Geschick, Durchsetzungskraft und ungeahntem Lebenswillen stellt sich der White-Trash-Abgesandte Ron Woodroof den Schranken des Systems. Seinen Kampf gegen die FDA, der behördlichen Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde der Vereinigten Staaten, inszeniert der Film auch als patriotisch-amerikanischen Kampf des Einzelnen gegen institutionalisiertes Unrecht.

Stigmatisierung und Diskriminierung

Darin ähnelt er stark „Philadelphia“, dem anderen von nun gerade einmal zwei großen Hollywoodfilmen über AIDS, in dem Tom Hanks juristisch gegen die sexuelle Diskriminierung seiner Arbeitgeber vorgeht. Beide Filme nehmen die Krankheit zum Anlass, um letztlich über gesellschaftliche Missstände, vor allem aber individuelle Rechte zu erzählen. Und beide flüchten sich dabei in Versachlichung, um möglichst nicht allzu konkret über AIDS oder etwa schwulen Sex erzählen zu müssen.

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Jared Leto darf sich ebenfalls erstmals Chancen auf einen Oscar ausrechnen. Seine Besetzung in einer Transgender-Rolle wurde allerdings auch kritisch diskutiert.
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Natürlich basiert die Geschichte vom Dallas Buyers Club sicherheitshalber auf „wahren Begebenheiten“, als ein Kino vom „echten Leben“. Unter anderem auch deshalb, weil es sich so gegen Kritik versichern lässt. Den zum Teil nämlich bereits erhobenen Vorwurf, der Film wähle ausgerechnet die Perspektive eines weißen heterosexuellen Mannes, um über die Stigmatisierung und Diskriminierung AIDS-kranker Menschen zu berichten, wiegelt er dadurch schon einmal ab.

Um die Krankheit selbst, ihre politische und gesellschaftliche Bedeutung und Auswirkung, geht es „Dallas Buyers Club“ dabei immer nur am Rande. Woodroof ist, trotz seines Engagements und der zunehmend freundschaftlichen Fürsorge um Rayon, ein Alleinkämpfer. Und seine Geschichte verbleibt als ein Einzelschicksal, das erst vom Zuschauer als Teil einer Bewegung gedeutet werden muss. Größere Zusammenhänge stellt der Film ebenso wenig her wie einen Link zum Act-Up-Interessenverband.

Neben der zweifellos eindrucksvollen Darstellung des endlich zu einem Schauspieler gereiften (und für die Rolle teils unansehbar herunter gehungerten) Matthew McConaughey zählt zu den besonderen Stärken des Films dessen Verzicht auf eine übermäßige Idealisierung der Hauptfigur: Gleichwohl Woodroof im Zuge seiner Heldwerdung schwulenfeindliche Ressentiments allmählich hinter sich lässt, treten Selbstnutzen und Geschäftsinteresse des AIDS-kranken Mannes nie in den Hintergrund.