Mehr als 15 Jahre hat die Fortsetzung zu „Tiger and Dragon“ auf sich warten lassen, doch von einem lang erwarteten Film dürfte bei „Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword Of Destiny“ trotzdem kaum die Rede sein. Mit der einsamen Rückkehr von Hauptdarstellerin Michelle Yeoh und einer spürbar ausgewechselten Crew wirkt die in Kooperation mit den Weinstein-Brüdern entstandene Netflix-Produktion eher wie ein ungefragter Nachklapp zu Ang Lees intimem Wuxia-Epos – dessen Romantik, Sinnlichkeit und vor allem inszenatorische Brillanz das Sequel leider vermissen lässt.

Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword of Destiny - Deutscher Trailer zur Fortsetzung von Tiger and DragonEin weiteres Video

Gut vermarktbarer Kultureintopf

Ang Lees Liebeserklärung an das Wuxia-Kino im Allgemeinen und King Hus „Ein Hauch von Zen“ (1971) im Besonderen machte 2000 erstmals ein breites westliches Publikum mit dem in Taiwan und Hongkong entstandenen Genre vertraut. Es war der erste fremdsprachige Film, der in den USA über 100 Millionen Dollar umsetzen konnte. Und er ebnete nicht nur kostspieligen Produktionen wie „Hero“ (2002) oder „House of Flying Daggers“ (2004) den Weg, sondern legte als amerikanisch-chinesische Koproduktion einen Grundstein für die heute selbstverständliche Verschränkung zweier sehr unterschiedlicher Filmindustrien.

Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword of Destiny - Die gar nicht mal so gute Fortsetzung zu Tiger & Dragon

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Michelle Yeoh ist alles, was noch an die Größe des ersten Teils erinnert.
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„Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword Of Destiny“ sieht nun – 15 Jahre nach dem maßgeblichen Original – wie eine der vielen gegenwärtigen chinesischen Großproduktionen aus, die vertrauten Genre-Klassizismus und fremde US-Blockbuster-Ästhetik zu einem international vermarktbaren Kultureintopf vermengen. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde die Fortsetzung komplett auf Englisch gedreht und erzählt eine leicht verständliche Geschichte, in der sich kaum noch jene Geheimnisse zu verbergen scheinen, die bei Ang Lee über interessante Uneindeutigkeiten in Bild und Ton gelüftet werden mussten.

Packshot zu Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword of DestinyCrouching Tiger, Hidden Dragon: Sword of Destiny

Als Adaption des fünften Teils der „Kranich und Eisen“-Pentalogie von Wang Dulu setzt „Sword Of Destiny“ beinahe nahtlos dort an, wo „Tiger and Dragon“ einst dramatisch aufhörte. Yu Shu Lien (Michelle Yeoh) kehrt zurück an den Ort, der das „Grüne Schwert der Unterwelt“ beherbergt und vor seinen Feinden schützt, und wird von Erinnerungen an ihren Geliebten Meister Li Mu Bai eingeholt. Kurz nach ihrer Ankunft muss sie erneut einen Versuch abwehren, das Schwert zu stehlen, und dabei abermals eine jüngere Rivalin (Natasha Liu Bordizzo als Quasi-Nachfolgerin von Ziyi Zhang) im Zaum halten.

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Neuzugang Donnie Yen spielt eine konturenlose Figur, die kein würdiger Ersatz für Chow Yun-Fat ist.
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Bedroht wird das Haus Tie diesmal von Hades Dai (Jason Scott Lee), einem Tyrannen, der mithilfe des Schwertes die „Macht über die Welt der Krieger“ erlangen möchte. Ihm werden sich Yu Shu Lien und ihr einstiger Verlobter, der tot geglaubte und jetzt plötzlich zur Hilfe eilende Meng Sizhao (Donnie Yen), entgegenstellen müssen – wobei das eigentliche Drama (die aufgrund des vermeintlichen Todes von Meng Sizhao stets unerfüllte Liebe zwischen Yu Shu Lien und Li Mu Bai) seltsam unverhandelt bleibt: Nicht auszudenken, welche Facetten Regisseur Ang Lee diesem im Kern natürlich hochsentimentalen Stoff wohl abgerungen hätte.

CGI-geschwängerte Bildsprache

Ang Lee allerdings stand für das Sequel nicht mehr zu Verfügung. An seine Stelle tritt mit Yuen Woo-Ping zwar ein Altmeister des Hongkong-Films (unvergessen ist dessen Jackie-Chan-Klassiker „Sie nannten ihn Knochenbrecher“), doch hat er in den letzten 20 Jahren mit „True Legend“ lediglich einen einzigen – und zudem sehr enttäuschenden – Film gedreht. Auch „Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword Of Destiny“ markiert nun keine Rückkehr zu alter Form: Auffallend lustlos filmt Yuen Woo-Ping an allem vorbei, was die sehr überschaubare Geschichte Reizvolles zu bieten hätte, und setzt sogar nicht einmal in den Actionmomenten nennenswerte Akzente.

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Studio-Schauwerte: Ein kaum erinnerungswürdiger Kampf auf zugefrorenem See.
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Eintönig reiht der Film Rückblenden, die die Figuren zu erklären versuchen, und Trainings- bzw. Kampfszenen aneinander, denen die im Vorgänger evidenten Konflikte von Verstand und Gefühl, zumindest aber ein angemessenes Pathos fehlen. Auch die CGI-geschwängerte Bildsprache mit ihren artifiziellen Landschaftspanoramen bleibt weit hinter der natürlichen, ein haptisches Gespür für Natur und Kampfkunst vermittelnden Ästhetik des ersten Films zurück – besonders während eines nächtlichen Schwertduells auf zugefrorenem See, das visuell höchst uninteressant geraten, weil komplett im Studio und vor Green-Screen inszeniert ist.

Solchen Bildern, die nicht fürs Kino, sondern eben – via Netflix – für heimische Bildschirme konzipiert scheinen, fügt sich der Rest: Schwache neue Figuren wie der eindimensional bleibende Bösewicht Hades Dai, Kalenderspruchdialoge („Wahres Können ist keine lodernde Flamme“, „Vorhersehbare Angriffe haben vorhersehbare Resultate“…) und ein trotz mutmaßlich höheren Budgets insgesamt deutlich heruntergeschraubt wirkendes Produktionsniveau. „Crouching Tiger, Hidden Dragon: Sword Of Destiny“ ist, polemisch formuliert, ein Film fürs Video-on-Demand-Publikum: Gut zu gucken, zu skippen und schnell wieder zu vergessen.