Beinahe allen Regiearbeiten und Produktionen von Guillermo del Toro ist eine große Liebe zum Gothic-Horror eingeschrieben. Von der traurigen Geistergeschichte „The Devil's Backbone“ über die beiden „Hellboy“-Kinoadaptionen bis hin zur Vampir-Serie „The Strain“ gestatten sich die Arbeiten des mexikanischen Filmemachers einen schauerromantischen Zugriff auf Übernatürliches und Groteskes. Mit „Crimson Peak“ erweist Guillermo del Toro dem literarisch geprägten Genre nun allerdings seine bislang deutlichste Referenz.

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Bis das Blut gefriert

Der hauptsächlich in den dunklen Gemäuern des Titel gebenden Anwesens spielende Film vereint zahlreiche narrative Motive klassischen Gothic-Horrors. Es geht um ein gewaltsam behütetes Familiengeheimnis, das gespenstischer Hinweise und eines Einbruchs des Phantastischen ins Wirkliche bedarf, um gelüftet werden zu können. Es geht um sinistre Antagonisten, die ebenso in subjektive Realitäten verstrickt sind wie die einigermaßen unschuldigen Protagonisten. Und es geht ganz konkret: Um ein Ehebündnis, das dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet.

Crimson Peak - Guillermo del Toros blutroter Gipfel

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Der Film startet am 15.10.2015 in den deutschen Kinos.
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Expliziten Bezug nimmt Guillermo del Toro dabei auf die sogenannte „female gothic“, zu seinen literarischen Vorbildern gehören Charlotte Brontë und Emily Brontë, an filmischen Inspirationen muss man vor allem „Rebecca“ (1939) und „Schloss des Schreckens“ (1961) nennen. Das spiegelt sich auch in der Wahl seiner (fast schon zu nahe liegenden) Hauptdarstellerin wider: Die australische Schauspielerin Mia Wasikowska hat sich bereits in „Stoker“ und „Jane Eyre“ als sexuell unerfahrene, aber emanzipatorische und somit optimale Gothic-Heldin profiliert.

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Jungfräuliche Hauptfigur des Films ist also eine junge Frau, die angehende Schriftstellerin Edith Cushing (Wasikowska). In einem schnippischen Gespräch mit vergnügungssüchtigen Gesellschaftsdamen macht sie gleich zu Beginn ihre Einflüsse kenntlich: Nicht Jane Austen (Autorin der Gothic-Parodie „Die Abtei von Northanger“), sondern natürlich Mary Shelley („Frankenstein“) sei ihr Idol, sagt sie. Ja, diese Edith ist eine ziemlich interessante, weil bis zuletzt unergründliche (und manche würden vielleicht meinen: unzureichend entwickelte) Figur.

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Liebe und Wahn: Mia Wasikowska auf den Spuren von Deborah Kerr („Schloss des Schreckens“).
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Sie ist einerseits entschlossen und überlegt, glaubt aber andererseits ein bisschen zu naiv an romantische Ideale und vor allen Dingen an Geister. Letzteres hat indes einen guten Grund: So lange sie denken kann schleicht nämlich der Geist ihrer verstorbenen Mutter durchs Haus und warnt die Tochter vor einem gefährlichen Ort namens Crimson Peak – was Edith zwar zu neuen Ideen für ihren Gruselroman, aber leider nicht zu besonderer Vorsicht bei der Wahl ihres Bräutigams inspiriert. Denn selbstverständlich wird es Edith sehr bald an ebendiesen Ort verschlagen.

Ästhetische Liebe

Auftritt Thomas Sharpe (großartig: Tom Hiddleston), der als charmanter Baronet die New Yorker Anstandsgesellschaft in Entzücken versetzt, Ediths Vater aufgrund seiner dubiosen Vergangenheit aber ein Dorn im Auge ist. Die junge Schriftstellerin entscheidet sich, den erfolglosen Unternehmer zu heiraten und ihm mit seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain, genreerprobt durch den von del Toro produzierten „Mama“) nach England zu folgen – wo sie im Schloss der Sharpes nicht mehr nur länger Warnungen aus dem Jenseits empfängt.

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Hüter eines Familiengeheimnisses: Tom Hiddleston ist als charmanter Gothic Villain.
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Die visuelle Ausgestaltung von „Crimson Peak“ ist unübersehbar eine Liebeserklärung an frühe Universal- und Hammerfilme. Del Toros gigantische Studiosets vereinen Kreuzrippengewölbe und Spitzbögen, der allmählich unter Tonerde versinkende Schauplatz Crimson Peak („blutroter Gipfel“) sorgt für eine angemessen unheilvolle Atmosphäre. Wenn durch das marode Dach der Eingangshalle Herbstblätter und schließlich große Schneeflocken ins Haus dringen, trifft der Film sogar vollends den poetischen Kern des Gothic-Horrors.

Leider scheint Guillermo del Toros ästhetische Liebe zum Material ihm ein wenig die Sicht auf alles andere zu verstellen. In der Geschichte des Films steckt der alte Konflikt zwischen Romantik und Aufklärung, doch del Toro möchte ihn nicht einmal implizit verhandeln (anders als es etwa Tim Burton im Gothic-Meisterwek „Sleepy Hollow“ oder Kenneth Branagh mit seiner unterschätzten 94er-Version von „Frankenstein“ taten). Und für eine rein affektive Schauergeschichte ist sie wiederum sehr schlicht, um nicht zu sagen: auf gepflegte Art langweilig erzählt.

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Das prächtige Anwesen Crimson Peak: Ein verwinkeltes Schloss mit doppeltem Boden.
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„Crimson Peak“ handelt zwar von einem mysteriösen Untergeschoss, das die an der Nase herumgeführte Protagonistin auf Anraten ihrer Schwägerin nicht betreten soll, doch der Film selbst besitzt keinen doppelten Boden und auch keine Geheimnisse. Er nutzt die erzählfreien Räume jenseits der sicherlich schon aus klassizistischen Gründen einfach gehaltenen Geschichte weder für delirierende Absonderlichkeiten (wie zum Beispiel eines seiner Vorbilder Mario Bava) noch für schön-unheimlichen Grusel oder düster-melancholischen Herzschmerz.