Seit der Western nicht mehr ist, bemühen sich gelegentliche Wiederbelebungsversuche und neue Spielarten um eine angemessene Erbschaft des ältesten aller Kinogenres. Nach langer Zeit verhalf „True Grit“, der Gebrüder Coen unerwarteter Blockbuster, dem Western im vergangenen Jahr zu einem Überraschungserfolg, der ein neues Interesse am Mythos zu generieren schien. Welch findiger Einfall, genau jenes nun auch noch mit dem aktuellen Alien-Boom zu verkleben. „Cowboys & Aliens“, ein Science-Fiction-Western.

High Noon from Outer Space

Solcherlei Genre-Mash-ups haben Hochkonjunktur. Allein in diesem Jahr starteten in deutschen Kinos Westernvariationen jedweder Couleur, kombiniert mit den Befindlichkeiten des Melodrams („Winter’s Bone“), dem ruppigen Wesen des Roadmovies („Drive Angry“) oder der kindgerechten Ästhetik einer Animationskomödie („Rango“). Auch vage Fusionen der Science-Fiction mit dem Western hat es bereits gegeben, nie aber kreuzte man so konkret zwei ihrer absoluten Archetypen, den Cowboy und die außerirdische Lebensform, um daraus einen Blockbuster zu generieren.

Den Grundstein für diese durchaus reizvolle Prämisse legte Scott Mitchell Rosenbergs gleichnamiger Comic von 1997, der bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Eine ganze Riege prominenter dicker Produzentenfische – unter anderem Steven Spielberg, Ron Howard und Brian Grazer – witterte in der Vorlage ein veritables Geschäft. Jon Favreau, bekannt als einer der umgänglichsten Auftragsfilmer Hollywoods, empfahl sich mit seinen soliden Iron-Man-Adaptionen für die Regie. Und so macht man dann Sommerhits.

Indiana Jones und James Bond gegen Aliens. Im Wilden Westen.

Daniel Craig spielt in „Cowboys & Aliens“ einen namenlosen Fremden, der ohne jede Erinnerung in das kleine Wüstenkaff Absolution gelangt. Dort wandert er erst einmal zügig ins Gefängnis, nachdem man ihn für einen gesuchten Goldräuber hält. Nicht nur seine unbekannte Identität, sondern auch eine seltsame Metallmanschette am Unterarm machen die geheimnisvolle Ella (ätzend: Olivia Wilde) auf den rüden Cowboy aufmerksam. Ehe Colonel Dolarhyde (Harrison Ford) sich jedoch der Sache annehmen kann, wird das Städtchen plötzlich von Raumschiffen attackiert.

Das Western-typisch urige Set-up und die rasch ins Spiel gebrachten Figuren des überdurchschnittlichen Star-Ensembles (in weiteren Rollen sind beispielsweise Paul Dano, Sam Rockwell und Clancy Brown zu sehen) verheißen gleich zu Beginn einen nicht uninteressanten Film. Inklusive des ersten Alien-Angriffs, bei dem die ahnungslosen Bewohner von langen Raumschifftentakeln in die Luft gezogen werden, ist das ein solides und sogar aufregendes Vergnügen, das sein Versprechen vom Genre-Mix vollends einzuhalten scheint.

Unheimliche Begegnung der bunten Art.

Nach einer knappen halben Stunde allerdings zeigt sich, dass man im Vorspann zu Recht über insgesamt fünf Drehbuchautoren stolperte. Vollends planlos stolpert der Film nach seiner hübschen Exposition von einem dramaturgischen Loch ins nächste, nicht wissend, was er nun eigentlich Gescheites mit der Western-Sci-Fi-Prämisse anstellen soll. Das ausnahmslos auf belanglose Konfrontationen zwischen eben Cowboys und Aliens ausgerichtete Skript schlendert von Standard A zu Standard B und wieder zurück, ehe sich im betulichen Finale alle noch mal eins auf den Hut geben dürfen.

Prima Prämisse, anständig verschenkt. So haben Cowboys UND Aliens keine Zukunft im Kino.Fazit lesen

Zwar arbeitet der Film teils gekonnt mit klassischen Western-Versatzstücken (Craig als Fremder ohne Namen), um diese gemäß seiner Genremischung zu variieren (die Erinnerungslücken des Fremden als Folge einer Entführung durch Außerirdische), dennoch bleibt die Kombination bloße Behauptung. Aus ihr entsteht nicht wirklich etwas Neues, und die doch eigentlich so frische Genrefusion läuft nur auf bewährte Konventionen hinaus, was sich vor allem in einfallslos konzipierten Kämpfen und einem altbackenen Creature-Design niederschlägt.

Cowboys & Aliens - Exklusiver Filmclip: "Ich brauche diese Waffe"4 weitere Videos

Fehlende Akzente gehen freudlos Hand in Hand mit überraschenden unterinszenierten Actionszenen, in denen Harrison Fords verlebte Gesten wie ein unfreiwilliger Kommentar zum kraftlosen Dahinsiechen des Films erscheinen. „Cowboys & Aliens“ würden Ecken und Kanten weitaus besser stehen als seine spröde Gradlinigkeit, die sich in unspektakulären Pistolenduellen erschöpft. Wenn eine so unbenutzte Idee innerhalb von nur zwei Stunden zum ausgedienten Bierdeckeleinfall verkommt, haben die Sommerhittüftler irgendetwas gewaltig falsch gemacht.