Die beiden schwedischen Regisseure Johan Lundborg und Johan Storm wollten mit „Corridor“ einen Film erschaffen, der in der Tradition des amerikanischen Kinos der 70er Jahre steht. Inspiration waren Werke wie „Rosemarys Baby“ – nicht der Geschichte wegen, sondern weil sich diese Filme Zeit nehmen.

Corridor - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Sie etablieren die Figuren, arbeiten mit Atmosphäre und lassen den Schrecken ganz langsam in die Normalität einfließen. Diesem Ansatz folgt auch „Corridor“, der sich mehr über die Bilder als über die Dialoge erzählt.

Frank (Emil Johnsen) ist Medizinstudent. Er ist ein sehr ruhiger, zurückgezogen lebender Typ. Ein Einzelgänger, der mit anderen nicht gut zurechtkommt. Kurz vor Weihnachten stehen wichtige Examen an, aber sein Leben gerät schneller aus den Fugen, als er sich das jemals gedacht hätte.

Alles beginnt damit, dass er der direkt über ihm lebenden Lotte (Yiva Gallon) hilft, ein Möbelstück in ihre Wohnung zu bringen. Lotte ist irgendwie an ihm interessiert. Immer wieder sucht sie ihn auf, um ihn um Hilfe zu bitten oder sich für erbrachte Hilfe zu bedanken.

Aber Lotte hat ein Problem: ihren jähzornigen, gewalttätigen Freund Micke (Peter Stormare). Als es zum Streit zwischen Lotte und Micke kommt, flieht die Frau zu Frank, der aber in Panik gerät und die Tür nicht öffnet. Tags darauf ist Lotte verschwunden.

Frank ist überzeugt, dass Micke die Frau ermordet hat. Schlimmer noch: Micke ist offenbar jetzt hinter ihm her, so dass er in seiner eigenen Wohnung belagert wird. Selbst ein Anruf bei der Polizei bringt keine Hilfe, da Frank nichts beweisen kann. Frank gerät immer mehr in Panik – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Corridor - War es Mord, wenn nichts passiert ist?

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War es Mord? Oder ist alles nur Einbildung?
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Ein ungewöhnlicher Held

Die Hauptfigur in „Corridor“ ist eigentlich nicht sympathisch. Frank ist ein Feigling, ein Eigenbrötler und sozial fast autistisch. Die Herausforderung für die Autoren und den Schauspieler war, die Figur dennoch nicht kippen zu lassen. Als Zuschauer muss man auf Franks Seite stehen – sonst funktioniert die Geschichte nicht. Erstaunlicherweise ist man das auch. Man möchte sich nicht mit Frank identifizieren, aber irgendwie versteht man ihn.

Er ist ein wortkarger Typ. Generell ist „Corridor“ ein Film, der auf Bilder, nicht auf Worte setzt. Er illustriert das auch durch die extrem leeren Gespräche zwischen Frank und Lotte. Beide haben sich nichts zu sagen. Die eine sucht Kontakt, der andere reagiert auf diesen fast allergisch. Das Ergebnis ist Schweigen, das weit weniger drückend ist als jedes bedeutungslos gesprochene Wort.

Packshot zu CorridorCorridor

Die Enge

Der Film baut eine klaustrophobische Stimmung auf, die besonders in der zweiten Hälfte immer präsenter wird. Je kleiner Franks Welt wird, desto bedrohlicher erscheint alles um ihn herum. Das gilt auch für den Psychopathen, dargestellt von Peter Stormare, an dem man schätzen muss, dass er nicht nur in großen Hollywood-Produktionen, sondern auch in interessanten heimischen Projekten mitwirkt.

Ein psychologisch interessanter Thriller darüber, wie trügerisch es sein kann, wenn Ereignislücken von der eigenen Fantasie aufgefüllt werden.Fazit lesen

Das Drehbuch ist so gestaltet, dass man als Zuschauer zusammen mit Frank Angst vor diesem Mann bekommen soll. Frank wird immer weiterer Einzelheiten gewahr, die ihn zu der Überzeugung bringen, dass Micke die arme Lotte ermordet hat. Er ist im Grunde der Jimmy Stewart dieses Films, nur dass er nicht durchs „Fenster zum Hof“ hinausguckt, sondern durch den Spion. Und er lauscht, was sich in der Wohnung über ihm tut.

Daraus ziehen die Filmemacher ein Höchstmaß an Spannung, die auf psychologischer Ebene stattfindet. Das Angstgefühl ist internalisiert, nicht extern manifestiert. Denn obschon Frank sich seiner Sache sicher ist, hegt man als Zuschauer zumindest Zweifel. Ein Mord, den man nicht sieht, muss nicht zwangsläufig stattgefunden haben.

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Lotte in Not - kurz darauf ist sie verschwunden.
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Ein kurzes Vergnügen

Mit einer Laufzeit von nur gut 75 Minuten ist „Corridor“ recht kurz geraten. Mehr muss aber auch nicht sein, da der sich in Simplizität ergehende Film kein unnötiges Fleisch auf den Knochen benötigt. Im Verlauf der Geschichte hat man natürlich das Gefühl, dass man erahnen kann, wie das alles enden wird.

Es kommt auch genauso, wie erwartet. Und dann auch wieder nicht. Denn Lundborg und Storm bieten eine maliziöse Nachklappe, die diesen Film, der auch gut in die Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ passen würde, grimmig abschließt. Nicht jedes Verbrechen wird gesühnt – da spiegelt der Film das echte Leben wider.