Wir leben im Zeitalter der Adaption. Bücher waren und sind häufig die Quelle für Filme, für die großen Blockbuster stehen in den letzten Jahren aber vor allem Comics Pate. Hier stellt sich vor allem immer wieder die Frage der Vorlagentreue, die man differenziert sehen muss. Einerseits werden für sich stehende Graphic Novels mit abgeschlossenen Geschichten adaptiert, was es deutlich erleichtert, dem Vorbild nahezukommen, andererseits greift man auf Heldenfiguren zurück, die Hunderte, manchmal sogar Tausende Comic-Abenteuer erlebt haben.

Angesichts der wild wuchernden Gerüchte rund um den neuen „Fantastic Four“-Film fragt man sich, was der goldene Mittelweg sein mag. Oder anders gefragt: Wie weit darf man sich von der Vorlage entfernen, wie nah muss man ihr sein?

Comicverfilmungen - Wie weit entfernt ist nah genug?

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Einen weiblichen Dr. Doom hätten wir uns vielleicht - so rein optisch - gefallen lassen.
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Geschlechtsumwandlung?

Wie „Fantastic Four“ nun wirklich aussehen wird, muss sich erst noch zeigen, die Aussagen von Produzent Matthew Vaughn deuten aber an, dass man einen Film haben könnte, der dem Namen nach eine Adaption ist, aber sowohl die Figuren, als auch ihre Kräfte verändern könnte. Und nicht nur das, die Gerüchteküche wollte gar wissen, dass aus Dr. Doom diesmal eine Frau werden wird, die dann in einer Art Ménage á trois mit Reed Richards verbandelt sein könnte, der wiederum an Sue Storm interessiert ist.

Mittlerweile hört man, dass Fox schon männliche Kandidaten für Dr. Doom sucht. Aber dass die Überlegung bestand, Doom zur Frau zu machen, ist wohl nicht von der Hand zu weißen. Der Hintergedanke dabei ist klar: Der neue Film soll sich von den beiden alten von Tim Story abheben.

Mit der Vorlage hat das aber nicht mehr viel zu tun. Schon bei den früheren Filmen ist man deutlich abgewichen. Da wurde aus Galactus eine amorphe Wolke und das Ding ist ein winzigkleiner Typ. Aber war das akzeptabel, während es eine Frau Doom nicht wäre?

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Na, ja. Einen schwarzen Johnny Storm wird es definitiv geben.
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Im Grunde sind beide Ideen schlecht. Im ersteren Fall fehlte eine echte Schurkenfigur. Helden, die gegen eine Art Naturkatastrophe kämpfen, können sich an nichts reiben. Eine Frau Dr. Doom, die sich nach Reed verzehrt, ist wiederum ein Klischee und weckt eher Erinnerungen an die Dreiecksbeziehung aus „Twilight“, denn an die Fantastischen Vier, wie sie von Stan Lee und Jack Kirby ersonnen worden sind.

Wenn es nicht kaputt ist …

Die Konzepte, die hinter den einzelnen Superheldenfiguren stecken, haben sich über Jahrzehnte hinweg bewährt. Ein Transfer von einem Medium zum anderen ist immer auch mit Veränderungen verbunden, weil manches nicht in allen Medien funktioniert, der Kern sollte aber bewahrt bleiben.

Während man sich also Freiheiten nehmen kann, was die Geschichte betrifft, sollten die Figuren in ihrer Essenz gewahrt bleiben. Eine ethnische Veränderung ist dabei nicht wirklich von Relevanz, eine geschlechtliche aber schon, da die Beziehungsdynamik damit eine gänzlich andere wird.

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Ohne seinen gelben Strampler sieht Wolverine eh viel besser aus.
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Dass man nicht beliebte Geschichten aus teilweise fünf und mehr Jahrzehnten Comic-Historie 1:1 umsetzen kann, ist vollkommen klar. Man kann aber Elemente herauspicken und neu anmischen, so wie es Bryan Singer mit seinen „X-Men“-Filmen getan hat. Sie referenzieren einzelne Comic-Geschichten, sind aber in ihrer Erzählung weitestgehend autark. Die Figuren wiederum, das Kernstück, bleiben unangetastet.

„Ich habe Watchmen vor den Terry Gilliams dieser Welt gerettet“

Ein sehr gutes Beispiel für eine gelungene Adaption einer Graphic Novel ist „Watchmen“. Der Film, den Joel Silver als „sklavisch“ bezeichnete, weil er die von ihm entwickelte Version, die Terry Gilliam vor Jahren inszenieren sollte, präferiert, bleibt nah an der Vorlage, hat aber auch den Mumm, dort abzuweichen, wo es notwendig ist: beim Finale.

Das riesige, pseudoaußerirdische Monster, das der Welt einen Schock verpasst und sie eint, mag im Comic funktionieren, im Film hätte es albern gewirkt. Hier einen eigenen Weg zu beschreiten und Dr. Manhattan zur Bedrohung zu machen, war die richtige Entscheidung. Denn in der Essenz ist das Finale gleich geblieben, nur die Umstände haben sich geändert. Kern war, dass die Welt eine Bedrohung erkennen muss, die die einzelnen Länder ihre kleinlichen Konflikte vergessen lässt.

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Die Watchmen waren schon eine Klasse für sich.
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Genau so muss eine Graphic Novel umgesetzt werden. Anders als etwa David Cronenbergs „A History of Violence“, der die Ausgangslage nutzt, aber die eigentliche Geschichte vergisst und sich darüber der denkwürdigsten Szene beraubt, die der Comic zu bieten hat. Einen solchen Weg hätte auch Terry Gilliam beschritten, der im Finale seiner Version von „Watchmen“ allen Ernstes Dr. Manhattan in die Vergangenheit zurückkehren und seine eigene Existenz ungeschehen machen lassen wollte.

Was das daran ändern würde, dass der Kalte Krieg heiß zu werden droht, wäre ungeklärt geblieben. Stattdessen hätte er ein Schlussbild gezeigt, das Nite Owl und die anderen Helden in ihren Kostümen zeigt, die nun aber für Cosplayer gehalten werden, da es Comic-Geschichten mit ihnen gibt, obwohl diese Helden in der veränderten Realität nie existiert haben.

Dass das alles logisch keinerlei Sinn ergibt, ist noch das geringste Übel. Das Herausreißen des Herzens der Geschichte ist, was diese Version von „Watchmen“ zum Ärgernis gemacht hätte.

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Wie gefiel euch die Verfilmung von "300"?
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Mehr als nur Oberfläche

Der Reiz einer Comic-Adaption ist nicht nur, die gezeichneten Figuren real in Bewegung zu sehen. Das ist der oberflächliche Effekt, der reicht für Initialinteresse aus. Man kann dabei so extrem an der Vorlage bleiben, dass Filmbilder direkt mit denen des Comics korrelieren wie bei „300“, man kann aber auch wie die „Batman“-Filme von Christopher Nolan ganz eigene Wege beschreiten.

Essenziell ist dabei, dass die Veränderungen nicht nur mit Vorsicht, sondern auch mit Respekt geschehen. Dass der Geist der Vorlage erhalten wird, dass die Spielerei mit den Variablen lustvoll, aber nicht abstrus ist, dass der Film das einfängt, was den Comic oftmals über Dekaden hinweg so erfolgreich gemacht hat.

Das ist eine schwierige Gratwanderung, die nicht immer glückt. Erfreulicherweise halten sich die Ausreißer in Sachen Comic-zu-Film-Transfer in Grenzen, aber es gibt sie, und es kann einem davor grauen. Spätestens dann, wenn wirklich irgendwann Frau Doom mit Reed Richards Doktorspiele betreibt …