Nachdem der ironische Märchenmischmasch „Into the Woods“ das beliebte Aschenputtel kürzlich noch leicht dusselig durch finstere Wälder irren ließ, kehrt die Figur nun wieder zu ihren Ursprüngen zurück. Bei dieser werkgetreuen Disney-Adaption des Stoffes darf „Cinderella“ so gütig und selbstlos auftreten wie in der hauseigenen Animationsvorlage von 1950 – und sich gegen alle Widerstände ihrer Stiefmütter in einen edelmütigen Prinzen verlieben.

Cinderella - Deutscher Trailer #37 weitere Videos

Die mit den Tieren spricht

Überraschend ist demnach vor allem, dass an dieser Neuauflage eigentlich gar nichts überrascht. Erwies sich Disneys „Maleficent“ im letzten Jahr als unerwartet spielerische und zuletzt auch reichlich abwegige Variation auf den eigenen Zeichentrickklassiker „Dornröschen“ (dem ebenfalls ein Märchen von Charles Perrault zugrunde liegt), ist die „Cinderella“-Realversion dem Ausgangsmaterial beinahe sklavisch verpflichtet. Oder geht zumindest sehr respektvoll mit ihm um.

Cinderella - Ein weiterer Disney-Klassiker erwacht zu neuem Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 51/541/54
Familienverhältnisse wider Willen: Die wunderbar garstige Lady Tremaine (Cate Blanchett) und ihr ewig gutgläubiges Stieftöchterchen Cinderella (Lily James).
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das hat Vor- und Nachteile. Mehr denn je bewegt sich die Geschichte zwischen erzählerisch altbacken und ideologisch überkommen, wird zugleich aber auch von einer offenbar ungebrochenen Faszination an ihrer Klar- und Einfachheit bestimmt. Vermutlich ist es gerade dieser Widerspruch, der einen wahrhaftigen Klassiker vom bloßen Modephänomen trennt, und der die Sehnsucht nach tradiertem Erzählen immer wieder aufs Neue bestätigt.

Packshot zu CinderellaCinderella kaufen: ab 5,44€

Cinderella also putzt ihr Heim jetzt auf der Leinwand so aufopfernd und rastlos wie seit 65 Jahren nicht mehr. Ständig ertüchtigt sie sich selbst, singt und spricht zu Tieren, teilt ihr Leid im stillen Dachkämmerchen nur mit kleinen haarigen Untermietern. Sie ist so hilfsbereit wie duckmäuserisch, so liebreizend wie naiv. Und als Prinzesschen, das keines sein darf, gewinnt Cinderella einmal mehr alle Sympathien. Ein Alltime Favourite eben, einfach nicht totzukriegen.

Cinderella - Ein weiterer Disney-Klassiker erwacht zu neuem Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Prince Charming (Richard Madden), hin und weg von seiner Cinderella. Als Robb Stark feierte er zuletzt eine Hochzeit, die man eher weniger romantisch nennen muss.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Downton Abbey“-Star Lily James spielt die Titelheldin dabei so, wie man sich eine Disneyprinzessin aus Fleisch und Blut wahrscheinlich auch vorzustellen hat: Dauerbeschwipst von einer allgegenwärtigen (und zunächst lediglich eingebildeten) Magie um sie herum, wandelt Cinderella als gute Seele durch einen Film, der kein überkandideltes Detail scheut. „Hab Mut, sei gut“, lautet ihr Motto, das sie so oft vor sich her spricht, als könne sie es selbst kaum glauben.

Kitschbesudelung

Im Unterschied zu Anna Kendrick, die jüngst eine angemessen entrückte, sich wunderbar selbst im Weg stehende Cinderella gab, muss Lily James die Figur zurück ins klassische Korsett schnüren. Das beschränkt ihre Performance ein wenig – vor allem aber ist der unwidersprochen vertrauensselige Gehorsam der Prinzessin in spe, die letztlich ja nur vom stiefmütterlichen zum ehelichen Besitz wird, schon auch etwas langweilig.

Cinderella - Ein weiterer Disney-Klassiker erwacht zu neuem Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 51/541/54
Erwartbares Typecasting und doch völlig in Ordnung: Helena Bonham-Carter hat als munter umherzaubernde und herzensgute Fee einen kurzen, entzückenden Auftritt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auf dem von Prince Charming organisierten Ball (bzw. Frauenbasar) findet der Film trotzdem zu einer romantischen Schönheit. Am königlichen Hof wird hemmungslos getanzt und geschmachtet, ehe der Uhrzeiger Mitternacht und damit ein Ende der zauberhaften Verwandlung anzeigt. Die Besetzung mit Richard „Robb Stark“ Madden lässt allenfalls makabere Gemüter auf eine neue Red Wedding hoffen, der Rest ergibt sich den ganz großen Gefühlen. Disney verspricht, Disney liefert ab.

Die massive Kitschbesudelung hat natürlich System, besonders zu Beginn. Sie soll genüsslich zukleistern, was schon mit dem ersten Auftritt der neidvollen Stiefmutter furios in Stücke gerissen wird. Cate Blanchett ist zum Niederknien gut als prächtig kostümierte Lady Tremaine. Scheint ihre Interpretation der gemeinen Witwe zunächst auch an purem Camp geschult, schlägt sie im weiteren Verlauf deutlich weniger schrille Töne an.

Disney

- Wählt den besten Disney-Klassiker
Voting startenKlicken, um Voting zu starten (54 Bilder)

Ihr gehören die besten Punchlines („You mustn’t call me mother. Madam will do.“), die schiefsten Gesten – und sogar ein emotionaler Finalmoment, der die Ambivalenzen der Figur einigermaßen herausarbeitet. Mit Blanchett hätte man aus dem „Cinderella“-Stoff mühelos einen Film wie „Maleficent“ machen können, der den alten Disney-Topos der vermeintlich bösen Stiefmutter noch einmal von hinten aufrollt.

Schöne Kleider, schöner Schmalz. Disney-Fans wissen Bescheid, alle anderen ergreifen schon mal vorsorglich die Flucht.Fazit lesen

Das mag sicherlich aus gutem Grund nicht im Interesse des Studios gewesen sein, weil es den eigentlichen Star der Geschichte – die ikonische Prinzessin – vielleicht zur bloßen Nebenfigur degradieren würde. Aber zumindest in Teilen ist dies nun eine „Cinderella“-Adaption, die sich von ihrer erfrischend zweidimensionalen Antagonistin ziemlich grandios die Show stehlen lassen muss. Oder anders: Cate Blanchett schultert diesen Film nicht nur, sie rettet ihn auch.