Die subjektive Kamera musste in den vergangenen Jahren meist dafür herhalten, im Getümmel einstürzender Hochhäuser, rasender Zombies oder der Dunkelheit um unsichtbare Hexen unterzugehen. Ja, diese Momente gibt es in „Chronicle“ auch – aber um sie herum noch ein anrührendes Drama, einen packenden Thriller und eine witzige High-School-Komödie.

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In seinem Klassiker „Carrie“ nach dem Roman von Stephen King hat Brian De Palma alle Register der hohen Filmkunst aufgefahren, vom Split-Screen über den traumwandlerisch-fiesen Einsatz der Zeitlupe bis hin zur kunstvoll arrangierten Musik von Pino Donaggio. Doch so wie De Palma sich einen Namen als Hitchcock-Adept gemacht hat, so sieht man auch Josh Tranks Debüt „Chronicle“ die mediale Sozialisation seines Regisseurs deutlich an.

Ursprünglich hatte Trank vor, seine Geschichte von einer Clique mehr oder weniger durchschnittlicher amerikanischer High-School-Burschen in Form einer Serie von Kurzfilmen umzusetzen, scheinbar amateurhafter Mitschnitte der YouTube-Generation von Jungs, die dumme Dinge tun. Und ach so, ja… diese Jungs können verdammt dumme Dinge tun, denn sie haben Superkräfte. Doch dann kam Autor Max Landis an Bord, der Sohn von Regisseur John Landis („American Werewolf“), und strickte um diesen unterhaltsamen Nonsens eine schlichte, aber durchaus anrührende und sehr effektive Erzählung um Freundschaft, Außenseitertum und „empowerment“.

Die Kamera als Barriere zur Außenwelt

Andrew (Dane DeHaan) leidet – unter der Todkrankheit seiner Mutter, unter dem saufenden, prügelnden Vater und unter den Hänseleien seiner Mitschüler und der Möchtegern-Gangster-Kids in seiner Straße. Dieses traurige Leben möchte er von nun an dokumentieren – und eines der ersten Dinge, die ihm vor die Linse kommen, ist eine Entdeckung seines Cousins Matt (Alex Russell) und des Schulsport-Überfliegers Steve (Michael B. Jordan). Ein seltsames Pulsieren und Glühen kommt aus einem Erdloch, das Steve und Matt ein paar Meter abseits einer Party ausfindig gemacht haben. Dort unter der Erde liegt ein Meteor, der dem Trio von nun an faszinierende telekinetische Kräfte verleiht.

Von nun an wird alles dokumentiert.

Josh Trank hat seinen Film mit der Handkamera, also dem subjektiven Blick Andrews gedreht. Und tatsächlich sieht man „Chronicle“ zunächst an, dass der Regisseur mit dieser sehr spezifischen ästhetischen Herangehensweise nicht immer etwas anzufangen wusste. Als starkes Symbol für die Distanzierung Andrews zu seiner Umwelt funktioniert sie allerdings durchaus: „Vielleicht möchte ich diese Barriere ja haben“, antwortet er Steve einmal, als der ihn fragt, ob er denn wirklich alles filmen müsse.

Streiche im Supermarkt

Während die drei mit ihren neuen Fähigkeiten experimentieren, Autos vor dem Supermarkt in eine andere Parklücke verschieben oder kleine Mädchen mit schwebenden Teddybären verschrecken, herrscht der äußerst spaßige Geist von „Jackass“ mit Superhelden. Doch spätestens als Andrew einen nervig hupenden Jeep-Fahrer mal so eben mit einer Handbewegung die Böschung hinab befördert, schleicht sich ein nachdenklicher Ton ein. Wozu bist du fähig, lautet der Untertitel des deutschen Verleihs, oder anders gesagt: Mit Macht kommt Verantwortung.

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Doch erst einmal gewinnt Andrew, noch ein wenig begabter als seine Kumpels, einen Talentwettbewerb der Schule und zum ersten Mal wird aus dem ehemaligen Außenseiter der Hahn im Korb. Da hat er längst gelernt, auch seine Kamera schweben zu lassen, telekinetisch zu kontrollieren – eine filmische Allmachtsphantasie, die auch den Zuschauer scheinbar Andrews Launen ausliefert.

Egal ob draußen, drinnen, oben oder unten.

Der Showdown als wilde Materialschlacht

Doch es kommt die Wende, die sich schon lange vorher andeutete: Einer der drei wird durchdrehen, und mit ihm der Film. Alle laufen in eine wilde Katastrophe, eine Materialschlacht, die nach dem intimen Beginn der Geschichte umso mehr verblüfft. Und es wird deutlich, wie viele Referenzen in dem Film tatsächlich stecken – von der erzählerischen Struktur von „Carrie“ und der Ästhetik von „Blair Witch Project“ über „X-Men“ und „Unbreakable“ bis hin zu Matt Reeves Spektakel „Cloverfield“ und darüber hinaus.

Die große Leistung von Trank und Landis besteht darin, dass ihnen tatsächlich einmal das gelingt, was jeder geleckte Mainstream-Schleimbeutel von seiner Arbeit behauptet: Sie verlieren niemals die Konflikte ihrer Figuren aus den Augen. Noch im größten Chaos, in dem der subjektive filmische Blick sehr angemessen jegliche Orientierung verliert, finden sie immer wieder zu den Gesichtern ihrer Protagonisten zurück.