Oren Peli ist ein Experte für Found-Footage-Formate. Er entwickelte nicht nur „Paranormal Activity“, sondern hatte jüngst mit „The River“ auch eine kurzlebige Fernsehserie, die den Reality-Look dieses Formats nutzt. So stand zu erwarten, dass der von ihm mitgeschriebene „Chernobyl Diaries“ auch ein weiterer Found-Footage-Film werden würde. Tatsächlich ist er das nicht, auch wenn er die formale Seite imitiert.

Man ist den Look mittlerweile gewöhnt. Darum hält man „Chernobyl Diaries“ auch für einen Vertreter des Found-Footage-Genres. Es dauert ein paar Minuten, bis einem klar wird, dass dies hier nicht der Fall ist, denn der Kameramann, der mit Handkamera arbeitet, ist nicht Teil der Handlung. Das hilft dem Film ungemein – zumindest in der ersten Hälfte. Dann entgleist er.

Sechs junge Urlauber sind auf Europa-Tour und kommen schließlich auch in die Ukraine, wo einer von ihnen auf den Veranstalter Uri trifft. Der bietet etwas ganz besonderes für abenteuerlustige Touristen an: Eine Tour durch die Stadt Pripyat, die neben dem 1986 havarierten Atomreaktor Tschernobyl liegt und seit jener Zeit verlassen ist.

Nicht alle sind von diesem Trip begeistert, lassen sich aber schließlich überzeugen, dass es cool ist. So geht die mehrstündige Fahrt los. Am Ziel führt Uri die sechs Amerikaner durch die Stadt und zeigt ihnen die „Sehenswürdigkeiten“.

Als sie wieder zurückfahren wollen, stellt Uri fest, dass der Wagen sabotiert wurde. Es wird Nacht, außerhalb des Vans sind Geräusche zu hören und Uri geht hinaus. Er verschwindet, einer der Jungen folgt ihm nach und wird attackiert. Er kann sich zurück ins Auto retten, hat aber eine klaffende Wunde am Bein.

Shadow of Chernobyl: Computerspieler kennen die Gegend aus STALKER.

Auch am nächsten Tag bleibt Uri verschwunden. Da der Verletzte nicht gehen kann, beschließen die anderen, zu viert loszuziehen und Hilfe zu holen. Doch in der Stadt der Toten lauert eine Gefahr, die noch weit größer ist als die wilden Hunde, die Pripyat unsicher machen…

Packshot zu Chernobyl DiariesChernobyl Diaries

Eine wahre Katastrophe als Hintergrund

Man kann darüber streiten, ob es respektlos ist, ein Unglück wie das von Tschernobyl als Background für eine letzten Endes doch altbekannte und oft gesehene Horrorgeschichte zu verwenden. Interessanterweise stärkt es den Film in seiner ersten Hälfte, ist in der zweiten aber praktisch gänzlich irrelevant.

Man hätte sich gewünscht, dass sich ein homogeneres Gesamtbild ergeben hätte. In den ersten 40 Minuten werden die Figuren recht glaubwürdig gestaltet, die Interaktion ist interessant, und die Tour durch die verlassene Stadt kann mit einer durchaus beunruhigenden Atmosphäre aufwarten.

Unheimliche Schatten: In der zweiten Hälfte geht leider die Übersicht flöten.

Die geht jedoch flöten, als die überlebenden Protagonisten in den stockdunklen Untergrund fliehen. Die Taschenlampe, die hier zur Lichterzeugung zum Einsatz kommt, ist wirklich schäbig. Zusammen mit der in diesen Sequenzen unruhigen Kamera ist im letzten Drittel von „Chernobyl Diaries“ praktisch nichts mehr zu erkennen. Das Geschehen ertrinkt in Schwärze, was in der Theorie gruselig sein könnte, in der Praxis aber nur Langeweile erzeugt, da die Mühe zu versuchen, im Dunkel etwas zu erkennen, niemals belohnt wird.

Gruselige Atmosphäre in einer radioaktiven Geisterstadt. Das bringt der Film in der ersten Hälfte packend rüber, in der zweiten Hälfte säuft die Geschichte jedoch in Schwärze ab.Fazit lesen

In der Beziehung bleibt der Film bis zum Ende konsequent. So wenig wie er zeigt, so wenig erklärt er auch. Wem oder was die Touristen begegnen, ist unklar, darüber kann man nur spekulieren, worauf die Macher wohl setzen, da man Dank des realen Hintergrunds das Szenario vom radioaktiven Mutanten schon vor Augen hat. Die letzte Szene ist dann vollkommen abstrus und entbehrt jeder Logik.

Fast wie von Asylum?

So sehr sich die Macher am Anfang des Films Mühe geben, so enttäuschend gestaltet sich die zweite Hälfte. Mitunter hat man fast das Gefühl, einen höher budgetierten Asylum-Trash-Film zu sehen. Überraschend ist das nicht, denn Oren Pelis Ko-Autoren sind die Brüder Shane und Carey van Dyke, die als Autor und/oder Regisseur für „Paranormal Investigations 3“, „Der Tag, an dem die Erde stillstand 2“, „Transmorphers 3“ und „Titanic II“ verantwortlich zeichnen.

Der Fairness halber sei aber auch gesagt, dass „Chernobyl Diaries“ trotz aller Defizite immer noch besser ist als jeder der genannten Asylum-Filme.

Auf den Hund gekommen

Lange hat man bei „Chernobyl Diaries“ das Gefühl, dass hier ein realer Horror präsentiert werden soll. Natürlich stellt man sich bei einer radioaktiv verseuchten Stadt Mensch-Mutanten vor, aber eben solche hat man im Horror-Genre nun wirklich schon zuhauf gesehen. Umso erfrischender erscheint es darum, dass hier die Gefahr von einer Rotte wilder Hunde ausgeht, die hungrig ist und auch nicht davor zurückschreckt, Menschen zu attackieren.

Das Grauen nimmt seinen Lauf.

Eigentlich hätte das schon gereicht, um dem Genre gerecht zu werden, aber dann können es sich die Macher einfach nicht verkneifen. Der tote Uri wird aufgehängt gefunden – und Hunde waren das bestimmt nicht!