Für 50 Dollar kann man sich ruhig schon mal eine Ohrfeige geben lassen. Doch wie viel Geld ist einem der kleine Finger wert? Der eigene Stolz? Die Würde des Menschen? In der bitterbösen Komödie „Cheap Thrills“ gerinnt ein scheinbar harmloses Wettspiel unter Saufkumpanen zum existenzialistischen Horrortrip. In einem weiteren originellen Genrefilm, der die herausragende Stellung des gegenwärtigen Independentkinos der USA bestätigt.

Cheap Thrills - Official Trailer #1

Eine neue Generation der Genrefilmemacher

Seit einigen Jahren schon ist ebendieses Indie-Kino im Wandel begriffen, zumindest im Bereich des phantastischen Films. Es sind junge und talentierte Regisseure wie Ti West („The Sacrament“) oder Adam Wingard („You’re next“), die mit aufregenden, aus Mumblecore-Produktionsverhältnissen hervorgegangenen Low-Budget-Genrefilmen ein Kino gestalten, das sich zwischen leidenschaftlicher Nostalgie und künstlerischer Souveränität bewegt. Und nicht folgenlos bleibt.

Cheap Thrills - Was kostet die Würde?

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Die gönnerhaften Wettvorschläge des steinreichen Colin (US-Comedian David Koechner) stoßen zunächst auf wenig Begeisterung. Zunächst.
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Ein hervorragendes Beispiel für den Einfluss (oder auch die Wechselwirkungen) jener Horror-Autorenfilmer auf den Mainstream sind etwa die Grusel-Blockbuster von James Wan, der Ti Wests Inszenierungsstrategien sowohl in „Conjuring – Die Heimsuchung“ als auch „Insidious Chapter 2“ zumindest ansatzweise nachahmte. Unlängst erregte West auch die Aufmerksamkeit von Moneymaker Eli Roth („Hostel“), der dessen jüngste Regiearbeit mit seinem zugkräftigen Produzentennamen pushte.

„Cheap Thrills“-Regisseur E.L. Katz engagierte sich zunächst als Drehbuchautor und Produzent für seinen Freund Adam Wingard. Wie die meisten dieser neuen jungen Genrefilmemacher ist auch Katz Teil eines Kollektivs, das zwar stilistisch und thematisch unterschiedliche Produktionen auf den Weg bringt, aber dennoch eng miteinander verzahnt ist. Obgleich jeder von ihnen seine ganz eigenen Horror-, Sci-Fi- oder Mystery-Filme dreht, stecken diese voller gegenseitiger Verweise.

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Colins Freundin Violet (gespielt von der famosen Sara Paxton) nimmt in dem pervertierten Spektakel eine Schlüsselrolle ein.
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Das reicht von kollegialer Arbeitsteilung bis hin zu Auftritten in den Filmen des jeweils anderen – und führt zu gemeinschaftlichen Anthologie-Produktionen wie „V/H/S - Eine mörderische Sammlung“ oder „22 Ways To Die - The ABCs of Death“, an denen sie allesamt als Regisseure beteiligt sind. Und wenn Pat Healy und Sara Paxton, die beiden Hauptdarsteller von „Cheap Thrills“, gerade erst gemeinsam in Ti Wests „The Innkeepers - Hotel des Schreckens“ zu sehen waren, ist das natürlich auch kein Zufall.

Ihre Rollen in E.L. Katz’ buchstäblich pechschwarzer Komödie könnten sich allerdings kaum größer von denen ihrer ersten Zusammenarbeit unterscheiden. Sympathieträger Healy, hier einmal konsequent gegen den Strich besetzt, spielt Craig, einen gescheiterten Schriftsteller und frischgebackenen Vater. Ihm und seiner Familie droht nach einem Haufen unbezahlter Rechnungen die Wohnungsräumung – und ausgerechnet jetzt verliert der Kfz-Mechaniker auch noch seinen Job.

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Craig (Pat Healy) und Vince (Ethan Embry): Schulfreunde, Rivalen, Todfeinde.
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Was würdest du tun?

Während Craig sich kümmerlich in eine Bar flüchtet, begegnet er dem alten Schulfreund Vince (Ethan Embry), der ebenso mittellos ist wie er. Beide erregen zufällig die Aufmerksamkeit des mit Geld nur so um sich schmeißenden Colin (David Koechner) und seiner augenscheinlich stark gelangweilten Freundin Violet (Sara Paxton). Das Pärchen verwickelt die Jungs in eine scheinbar zufällige Wettsituation, die ihnen viel Geld einbringen und – man ahnt es schnell – im Laufe des Abends grandios ausarten wird.

Die sehr einfache Ausgangssituation mündet in ein Kammerspiel hoch oben über den Hollywood Hills. Colins Villa, ein Paradies ausgestellten Neo-Prunks, bildet den Handlungsort des im weiteren Verlauf sagenhaft garstigen Psychoduells, das den Zuschauer geschickt in die „Was würdest du tun?“-Prämisse einbezieht. Pervertierter Reichtum versus lebensmüde Notdürftigkeit, gelangweilte Bourgeoisie gegen verzweifelte Männer vor der Selbstaufgabe. Und die Frage, was man für Geld bereit wäre zu tun.

Ein ebenso böser wie hintersinniger Film, der als Regiedebüt von erstaunlicher formaler Sicherheit bestimmt ist. Geheimtipp!Fazit lesen

Unter den zahllosen Produktionen, die von der Filmkritik in den letzten Jahren als metaphorische Echos auf Wirtschafts- und Finanzkrise gelesen wurden, eignet sich „Cheap Thrills“ noch am ehesten für entsprechende Abgleiche. In der Offenheit seines Konzepts, das den „kleinen Mann“ nicht nur sinnbildlich, sondern tatsächlich ungehemmt bluten lässt, wirkt er geradezu wie eine bewusst triviale, aber umso unmittelbarer gestaltete Variation auf soziale Ungleichheit. So sardonisch wie eben möglich.

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Finger ab und Kotzen im Strahl – ein Bild äußerst trügerischer Freude.
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E.L. Katz, der diesen Debütfilm mit bemerkenswert sicherer Hand inszeniert, findet einprägsame Motive, um den gebrochenen Willen seines von Pat Healy umwerfend gespielten Antihelden ins Bild zu setzen. Und er ist klug genug, um etwa vor Craigs unweigerlichem Griff zum im Urinal schwimmenden Geldschein gleich wieder zur nächsten Einstellung zu schneiden. Bevor die verheerende Begegnung mit einem Hollywoodpärchen ihn zu einem anderen Menschen machen wird.

Dass Colin und Violet, die aus ihrem gemeinen Unterdrückungsspiel natürlich auch ein starkes Lustempfinden ableiten, dabei völlig uncharakteririsch bleiben (als Figuren ohne individuelle Eigenschaften), ist selbstredend eine Stärke des Films. In ihren bildhaften Ausdruck der Gewissenlosigkeit mischt sich kein simpler Anhaltspunkt von Erklärung und Plausibilität, der das finstere, so bizarr-komische wie zuletzt auch bestürzende Szenario von „Cheap Thrills“ neutralisieren könnte.