Ein bisschen unfair gegenüber „Chappie“ ist es ja schon, dass Regisseur Neill Blomkamp vor einigen Tagen mit „Alien 5“ in Verbindung gebracht wurde. Keine Kritik dürfte umhin kommen, von der Qualität seines aktuellen Films Prognosen für „Ripley's final game“ abzuleiten. Weil die „Alien“-Reihe eine DER Science-Fiction-Hausnummern überhaupt ist. Und „Chappie“ dagegen so weit abfällt, dass man tatsächlich berechtigte Fragezeichen anmelden darf, ob der Regisseur vielleicht eine Liga zu weit oben pokert.

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Day of the Robocop

Seit drei Filmen positioniert sich Neill Blomkamp als frische Stimme im Science-Fiction-Genre und seit drei Filmen schafft er es, spannende Grundideen mit simplen bis fast schon primitiven Methoden in Grund und Boden zu reiten. Bei „Elysium“ hat er ja inzwischen selber zugegeben, dass der Film Schrott ist, „District 9“ lebt eigentlich nur von seiner ersten Hälfte und „Chappie“ nun beruft sich zuerst auf „Robocop“ (und diverse Cyberpunk-Standards), um dann urplötzlich in „skurrile“ Familienunterhaltung à la „Nummer 5 lebt!“ abzugleiten.

Chappie - Robocop auf süß – vor seinem Alien-Gig serviert Neill Blomkamp Schappi

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Roboteraction. Eigentlich immer gut.
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Wohlgemerkt: Das Problem des Films ist gar nicht die streckenweise durchaus putzige Vermenschlichung des Roboters Chappie, sondern eher der krude Genre-Clash mit dystopischer Metall-Überwachung. Wie schon bei „District 9“ und „Elysium“ wird auch hier eine zukünftige Zwei-Klassen-Gesellschaft thematisiert, die ausschließlich von Stereotypen lebt: Es gibt da die „Robocop“-mäßige Polizeigewalt, einen dazugehörigen riesigen Konzern, eine profitorientierte, eisige Konzernchefin (Sigourney Weaver), einen verschrobenen Entwickler, der einfach nur die Menschheit weiterbringen will (Dev Patel), und einen militärisch angehauchten Kollegen (Hugh Jackman), der Dollars über die Wissenschaft stellt.

Schon gleich zu Beginn präsentiert sich „Chappie“ als Genre-Zweitverwerter, inklusive übrigens einem weiteren Fake-Doku-Intro, und wenn da nicht eine beeindruckende Actionszene wäre, könnte man bereits den Rotstift zücken. Neill Blomkamp ist keineswegs ein einfallsreicher Visionär, sondern geht vor allem auf Nummer sicher – um dann mit dem Genreschwenk Richtung süß und witzig tatsächlich kurzfristig zu überraschen. Chappie, ein vermenschlichter Roboter mit plakativer „Nummer 5 lebt!“-Aura, wird von zwei Gangstern (Yolandi Visser und Watkin Tudor Jones - Die Antwoord) entführt und soll sie ans große Geld führen. Gleich nach der Erziehung der quasi jungfräulichen Menschmaschine.

Chappie - Robocop auf süß – vor seinem Alien-Gig serviert Neill Blomkamp Schappi

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Völlig verschenkt (und wahrscheinlich schon in Betstellung für „Alien 5“: Sigourney Weaver als eisige Konzernchefin.
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Süßliches Blinken

Und schon geht es los, das Herzstück des Films, das Aufeinanderprallen von Gegensätzen, das „fish out of water“-Szenario und das gar erstaunliche Wunder menschlicher Regungen bei einem doch künstlichen „Objekt“. Wenn „Chappie“ erstmal den Genresprung vollzogen hat, steht erneut Zweitverwertung auf dem Speiseplan, die nachdrücklich beweist, dass Neill Blomkamp sein dramaturgisches Feingefühl mit der Kettensäge ins frühmorgendliche Müsli schreddert. Der Film wird „süß“, der Film wird „witzig“ und der Film wird vor allem albern. Die Antwoord und Chappie ergeben eine mehr als unkonventionelle „Familie“, was schon auch wirklich drollige Momente hervorbringt, aber über weite Strecken vor allem offensichtliche Schenkelklopfer absondert.

Bezeichend hierfür ist die Gangsterwerdung des Roboters, komplett mit Goldkette und Ghetto-Slang, die wahrscheinlich voll ironisch gemeint war. Tatsächlich aber reitet Blomkamp hier auf kindischem Humor herum, der nach wie vor auf dem Reiz der Vermenschlichung eines Roboters fußt und dabei einfach nicht wahrhaben möchte, dass die Geschichte eigentlich schon viel weiter sein sollte. Chappie wird langsam ein Mensch, und zwar in immer neuen Variationen des Grundthemas, das dann auch irgendwann mächtig Probleme bekommt, die endlich aufkeimenden Emotionen von sentimentalen Moralkeulen zu trennen.

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Was also tun? Natürlich, es geht wieder zurück an den Anfang und vorwärts zu einem lauten Finale, das duellierende Roboter aufeinander loslässt. Fast schon pflichtbewusst attackiert eine umfassende Actionsequenz, die den großen Mittelteil ein bisschen Lügen straft und ansonsten einfach nur noch mit dem Abhaken von Klischees beschäftigt ist. Jeder kriegt bei „Chappie“ sein Fett weg, die Bösen sowie die Guten, und am Ende bleibt dann vor allem ein über Gebühr zerfranster Mainstreamfilm.

Der irgendwo mal etwas Neues probieren wollte, aber dazu weder genügend Mut noch Intelligenz aufbringen kann. Schon ernüchternd, wenn ein hochgeschriebener Hoffnungsträger auf den Boden kracht. Wie nochmal soll das gehen, dass ausgerechnet dieser Mann der japsenden „Alien“-Reihe einen entscheidenden Kreativitätsschub verpasst?