Hurra, hurra, die Schule brennt: Drei Mal schon wurde sie für Film und Fernsehen aufbereitet, die Geschichte des unterdrückten Mädchens und ihrer entfesselten telekinetischen Kräfte zum Abschlussball. Und drei Mal schon bekam dabei niemand so recht den großartigen Roman von Stephen King zu fassen. Fast pflichtschuldig also versprach die nunmehr vierte „Carrie“-Adaption, nicht Brian De Palmas erste Version, sondern selbstverständlich das Buch neu zu verfilmen.

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Obwohl De Palmas Interpretation die bislang eindrucksvollste ist (und vermutlich auch bleiben wird), mangelte es ihr doch an der Einfühlsamkeit der Kingschen Coming-of-Age-Fantasie. Seine „Carrie“ war ein handwerklich perfektes, gegenüber der Vorlage aber auch grelles und mit dickem Pinsel gefertigtes Horrorgemälde. Das als Fortsetzung deklarierte Remake „Carrie 2 – Die Rache“ sowie die 2002 produzierte, grauenhafte TV-Adaption mit Angela Bettis bestätigten dann allerdings wiederum die eigentliche Klasse des Films.

Carrie - Des Satans jüngste Neuverfilmung

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Das Remake gibt vor, sich an den Roman zu halten, kopiert aber nur die Verfilmung von De Palma - in schlecht.
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Schlimmer noch als einfallslose Remakes, die ihrer Vorlage nichts hinzuzufügen haben (oder ihr unter Umständen sogar noch etwas zu nehmen versuchen), sind nun wahrlich einfallslose Remakes, die noch nicht einmal Remakes sein wollen. Jene Behauptung der Produzenten, „Carrie“ 2013 würde sich eher an Kings Roman statt der ersten Kinofassung von De Palma orientieren, kann man jedenfalls bedenkenlos unter PR-Schwachsinn verbuchen.

Abgesehen von der Eingangsszene, bei der Margaret White (Julianne Moore) ihre Tochter auf dem Schlafzimmerbett zur Welt bringt, folgt diese vermeintliche Neuverfilmung des Romans mitunter einstellungsgenau der ersten Adaption von 1976. Statt die in der Vorlage angerissene Kindheitsgeschichte mitsamt des (bis dato als nur schwer verfilmbar geltenden) Steinhagels an Carries drittem Geburtstag einzubeziehen, setzt auch das Remake direkt beim Schulalltag der Protagonistin ein.

Carrie (Chloë Moretz) also wird einmal mehr nach Strich und Faden schikaniert, während ihrer ersten Periode im Duschraum mit Tampons beworfen und anschließend auch daheim von ihrer fanatisch-religiösen Mutter gegeißelt. Und weil Sue Snell (Gabriella Wilde) Mitleid für das besonders durch die intrigante Chris Hargensen (Portia Doubleday) gehänselte Mädchen empfindet, bittet sie Freund Tommy Ross (Ansel Elgort), die gehemmte Carrie zum Schulball auszuführen.

Packshot zu CarrieCarrie

Das Warten auf die blutig-berühmte Prom Night indes war nie langweiliger als im neuesten Remake der, zumindest in dieser Form, nunmehr merklich ausgelutschten Geschichte. Kein neuer Dreh, kein eigener Ansatz, alles noch mal genauso, wie man es aus dem Roman, dem ersten, dem zweiten Film, dem dritten Film kennt. Da beschränkt sich die einzige Erneuerung des Stoffes tatsächlich auf den Einsatz von Smartphones, mit denen die garstigen Mädchen Carries Leid zu YouTube tragen (geschenkt).

Carrie - Des Satans jüngste Neuverfilmung

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Chloë Moretz hat mit "Let Me In" schon Erfahrung mit überflüssigen Horror-Remakes gemacht.
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Eine souveräne Stimme von Kimberly Peirce, die mit „Boys Don't Cry“ 1999 ihr mehr als beachtliches Regiedebüt vorlegte, sucht man in diesem Film leider ebenso vergeblich. Dabei schien ja insbesondere die Verpflichtung einer feministischen Filmemacherin wie Peirce im Vorfeld eigentlich noch das interessanteste Argument für einen weiteren „Carrie“-Aufguss, so ihre Perspektive dem um weibliche Adoleszenz herumstrukturierten Stoff vielleicht noch ganz neue Aspekte hinzufügen würde.

Des Satans jüngste Tochter

Zwar kassieren die Mädchen in ihrer Version längst nicht mehr so viele Backpfeifen wie noch unter Brian De Palma (und Carries Lehrerin entschuldigt sich hier auch für ihre Reaktion), sonst aber glänzt Peirces Zugang zur Geschichte vor allem dadurch, überhaupt gar keinen Zugang zu ihr zu finden. Da ist selbst – und das möchte schon wirklich was heißen – De Palmas Film aus Gender-Sicht um einiges reizvoller, nicht zuletzt, weil Sissy Spacek und Piper Laurie ihren Figuren wesentlich mehr Profil verleihen.

Keine Neuinterpretation des King-Romans, sondern ein spektakulär überflüssiges Remake des De-Palma-Films.Fazit lesen

Das Mutter-Tochter-Duell von Chloë Moretz und Julianne Moore steht überdeutlich im Schatten der ersten Verfilmung. Während Moretz in manchen Momenten an ihre darstellerischen Grenzen stößt, wirkt die ambitioniert hysterische Performance der grundsätzlich zweifellos großartigen Moore eher wie ein Fremdkörper in diesem wiederum so gar nicht ambitionierten Film. Statt gemeinsam mit ihren Schauspielerinnen eigene Wege zu beschreiten, forciert Peirce unverständlicherweise auch hier den Vergleich zur 76er-Version.

Im Schlussakt beschränkt „Carrie“ sich dann gänzlich auf eine Nachstellung der ersten Kinoverfilmung und adaptiert frohen Sinnes sämtliche Veränderungen, die De Palma für ebendiese vorgenommen hat: Ein statt zwei Eimer Schweineblut, Carrie in statt außerhalb der Turnhalle, eine gekreuzigte statt per Telekinese zum Herzstillstand gebrachte Margaret White. Selbst den unvermeidlichen Last Scare bemüht diese, haha, Neuverfilmung des Romans in ganz ähnlicher, selbstredend doofer Weise.

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Da hilft auch kein Beten: Die Schauspieler können leider auch nichts mehr retten.
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Das alles ist kaum wirklich ärgerlich, sondern einfach nur ziemlich egal. Oder auch, im blutüberströmten Angesicht der seltsam rachsüchtigen und weniger verzweifelt handelnden Carrie auf dem Abschlussball, ausgesucht peinlich: Der als Affekthandlung beschriebene Kräfteausbruch des unterdrückten Mädchens gerinnt in dieser Version schlussendlich zum mit Jedi-Power bewerkstelligten Selbstjustizinferno, bei dem Carrie sich in gezielt mordlustigen Verrenkungen übt.

Die plumpe Interpretation einer finalen Vendetta entspricht nicht nur im Wesentlichen dem unsinnigen früheren deutschen Untertitel „Des Satans jüngste Tochter“, sondern ist schlicht Zeugnis eines ganz und gar nicht begriffenen Stoffes, über das sowohl Stephen King als auch Brian De Palma hoffentlich zumindest werden lachen können. Ansonsten gilt es natürlich, einfach noch mal den Roman zur Hand nehmen – der wird nämlich auch dann nichts von seiner Faszination verloren haben, wenn über dieses Remake kein Mensch mehr spricht.