Die Kraft der Musik und so. Der eigentlich ziemlich privilegierte Traum von unangepasster Selbstverwirklichung. Und eine Liebeserklärung ans Großstadtleben, das natürlich auch. Aber es nützt ja alles nichts: Irgendwie kriegen sie einen dann doch immer wieder, die Musikgewinnerfilme über Musikverlierertypen. Zuletzt drehten die Coen-Brüder mit „Inside Llewyn Davis“ einen ebensolchen, nun legt „Once“-Regisseur John Carney nach.

Can A Song Save Your Life? - Exklusive Featurette: "Die Musik zum Film"7 weitere Videos

Noch mal von vorn

„Can a Song save your Life?”, fragt Carney hier selbstredend vollkommen rhetorisch, als sei der Film nicht bereits als Antwort darauf gedacht. Sechs Jahre hat sich der Drehbuchautor und Regisseur des sehr kostengünstigen und dann plötzlich auch sehr erfolgreichen irischen Straßen-Musicals „Once“ Zeit gelassen, ehe er an seinen unerwarteten (und schließlich gar oscarprämierten) Publikumsliebling anzuknüpfen wagte.

Can A Song Save Your Life? - Inside Keira Knightley

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 17/211/21
Ein Song, der ihr Leben zumindest stark verändert: Gretta (Keira Knightley) spielt in einer New Yorker Musikkneipe und erregt die Aufmerksamkeit eines Produzenten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wenn auch ein Song vielleicht nicht gleich ihr Leben retten mag, so würde er der betrübten Gretta (singt hier selbst: Keira Knightley) doch zumindest über eine ziemlich schwere Phase hinweghelfen. Die Hobbymusikerin hat sich frisch von ihrem Freund Dave (Adam Levine, Maroon 5) getrennt, dessen aufsteigende (mit unvermeidlichen Egoproblemen einhergehende) Gesangskarriere das Liebesglück nach New York führte – und entzweite.

Ein spontaner Auftritt Grettas in einer der zahllosen Musikkneipen der Stadt erregt die Aufmerksamkeit des ausgebrannten Musikmanagers Dan (mit graumeliertem Zauselhaar: der immer noch viel zu unterschätzte Mark Ruffalo). Eigentlich nur des Frustsaufens über seine privaten und beruflichen Misserfolge wegen in der Bar, sieht er in Grettas unfertiger Ballade sofort Hitpotential („Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, dann hörte ich dein Lied.“).

Can A Song Save Your Life? - Inside Keira Knightley

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 17/211/21
Im Club zum eigenen Sound via MP3-Player tanzen: Gretta und der ausgebrannte A&R-Mann Dan (Mark Ruffalo) sind eine entzückende Paarung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nun hat die britische Singer-Songwriterin zwar endlich einen Grund, New York noch nicht verlassen zu müssen, allerdings auch kein Interesse daran, künstlerisch auf ein bestimmtes Image hin vermarktet zu werden. Und Dan, im Eifer des Gefechts erst einmal kräftig am Hochstapeln, wurde vom Boss seiner Plattenfirma (Mos Def) am Vortag entlassen. Ihm fehlen Studio, Möglichkeiten, Geld – beste Voraussetzungen also für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Die Annäherung der beiden inszeniert John Carney mit jener entzückenden Betulichkeit, die auch seinen musikalisch-romantischen „Once“ schon so einnehmend charmant gestaltete. Formal beweist der Ire, übrigens selbst erfahrener Musiker, sogar ein hochkompetentes Verständnis filmischer Vermittlung: Grettas spartanische Song-Performance, die zugleich erste Begegnung der beiden Protagonisten, verwandelt sich in Dans Vorstellung (und den Bildern des Films) zu einer mit Band arrangierten Bühnenshow.

Can A Song Save Your Life? - Inside Keira Knightley

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 17/211/21
Grammy-Preisträger Cee-Lo Green spielt eine Nebenrolle als Rapper Troublegum, der den beiden Helden bei der Produktion ihres Albums behilflich ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

New York, New York

Obwohl zügig absehbar ist, in welche Richtung sich „Can a Song save your Life?“ entwickelt (Dan und Gretta werden kein Liebes-, aber eben doch sehr erfolgreiches Arbeitspaar), ist hier der beschwingte Weg das gar nicht mehr so relevante Ziel. Dafür braucht es nicht mal eine Schwäche zur recht generischen Musik des Films (Grettas Songs erinnern an wehleidig-fluffige Poprockballaden, wie sie in den 90ern Hochkonjunktur hatten), sondern genügt auch der ansteckende Enthusiasmus der Geschichte.

Deren rühriges Herzstück bildet Dans Idee, aus der Not eine Tugend zu machen und das gemeinsame Album outdoor zu produzieren. Mit einigen unentgeltlich arbeitenden Musikern lässt der einfallsreiche A&R-Mann die Songs an öffentlichen Plätzen einspielen, um klanglich eine Mischung aus Studio- und Live-Sound zu kreieren. Dass ihm das in New York, zumal an prominenten Plätzen wie dem Empire State Building oder Central Park, mühelos gelingt, muss man unter filmischer Fantasie verbuchen.

Can A Song Save Your Life? - Inside Keira Knightley

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 17/211/21
Grettas Ex-Freund Dave, nach dem großen Durchbruch offenbar heillos abgehoben: Maroon-5-Sänger Adam Levine in seiner ersten Kinorolle.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wenn auch die Art der Musik selbst nicht viel mit einem anzustellen vermag (wie gesagt: Radiopop ohne Konturen), und der Film dadurch kaum die emotionale Wucht eines „Once“ aufbringen kann, so findet „Can a Song save your Life?“ über sie dennoch zu sich. Im gemeinsamen Musikmachen liegt hier so viel zwischenmenschliche Kraft, so viel an den einen Moment des Glücks gebundene Hoffnung, dass John Carney sein Publikum emotional doch noch abholt.

Charmanter Musikfilm, wunderbar ungezwungen und eigenwillig. Zyniker müssen draußen bleiben!Fazit lesen

Vor allem sind es viele kleine, ungezwungen wirkende Szenen, mit denen der Film diesen Neuanfang seiner Helden (in den USA kam er unter dem Titel „Begin Again“ in diese Kinos) lebhaft begleitet. Und über seine Nebenfiguren – Catherine Keener als kiffende Exfrau, Hailee Steinfeld als musikalisch heimlich begabte Tochter – gelingen ihm auch sehr schöne Wegstationen, die nicht immer unbedingt irgendwo hinführen müssen.

Der jeder Wahrscheinlichkeit (oder zumindest sozialen Realität des Musikestablishments und seiner nicht individuell sein dürfenden Künstler) enthobene Schluss rückt „Can a Song save your Life?“ dann endgültig in Nähe eines Wohlfühlkinos, gegen das es eigentlich genug vernünftige Argumente gibt. Aber wenn ein Lied ein Leben retten kann, warum sollte dann nicht auch ein Film so einlullend-schön sein dürfen, dass man darüber einfach mal hinweg sieht?