Fast 20 Jahre sind vergangen, seit sich Neil Jordan zuletzt mit Vampiren beschäftigt hat. Dem „Interview mit einem Vampir“ folgt nun „Byzantium“ nach, jener Film mit dem geheimnisvollen Titel, der in der nicht folkloristischen Darstellung der Blutsauger nicht weiter von der Anne-Rice-Verfilmung entfernt sein könnte, aber doch einen Gedanken weiterspinnt: Wie das Leben ist, wenn es nicht endet, wenn man (mehr oder minder) allein ist, immer lügen muss und keine Bindungen eingehen kann, um nur ja nicht Gefahr zu laufen, das eigene Geheimnis zu verraten.

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Clara (Gemma Arterton) und Eleanor (Saoirse Ronan) leben seit über 200 Jahren. Sie sind Vampire, aber Clara lässt die jüngere Eleanor über vieles im Unklaren, weswegen diese denkt, sie wären allein – die Letzten ihrer Art. Doch beide werden verfolgt. Eleanor ist das nicht so bewusst wie Clara, die einen der Verfolger tötet, weswegen beide wieder umziehen müssen.

Es zieht sie in eine kleine Küstenstadt. Clara erscheint sie nicht vertraut, doch Eleanor kennt sie. Hier waren sie schon einmal, vor langer Zeit, als ihrer beiden Leben noch nicht unsterblich war. Eleanor hadert mit ihrem Schicksal, giert danach, jemandem von ihrem Geheimnis erzählen zu können, während Clara sie beide mit Prostitution über Wasser hält. Als Eleanor einen jungen Mann kennen lernt, setzt sie Ereignisse in Gang, deren Herr sie nicht länger ist.

Weg mit dem Alten, herein mit dem Neuen

„Byzantium“ hält sich nicht an gegebene Vampir-Standards. Vielmehr hat Moira Buffini, die auch das zugrunde liegende Theaterstück „A Vampire Story“ verfasst hat, all die alten Zöpfe abgeschnitten. Kreuze, Knoblauch, Spitzzähne, tödliches Tageslicht – das alles gibt es hier nicht. Stattdessen wird ein interessanter mythologischer Unterbau geboten, der es erlaubt, die Vampir-Geschichte als Metapher für die Emanzipation der Frau zu nutzen. Es ist eine patriarchalische Welt, in der Clara und Eleanor leben.

Byzantium - Weit weg von "Twilight" und "Dracula": betörend schöne Vampire

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Byzantium hält sich nicht an gängige Vampir-Folklore.
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Jordan fängt die Vampir-Werdung in mächtige Bilder ein. Ein Naturschauspiel mit blutenden Wasserfällen illustriert die Verwandlung. Vielleicht hätte der Film noch etwas tiefer in dieses Konzept eintauchen und es erklären können, das, was man nicht weiß, ist aber vermutlich weit aufregender als alles, was Jordan und Buffini hätten erzählen können.

Sie setzen die Welt als gegeben voraus, es bedarf keiner Veranschaulichung, wie und zu welchem Zweck die Vampire auf die Welt kamen. Letzteres wird kryptisch umschrieben und verleiht den Unsterblichen das Flair von Helden. Zumindest aber sind sie die Helden ihrer eigenen Geschichte.

Die Sehnsucht nach dem Teilen

So menschlich erschienen Vampire selten zuvor. Im Besonderen gilt dies für Ronans Figur, ein Mädchen, das seit mehr als 200 Jahren 16 Jahre alt ist. Sie ist ein wenig wie Claudia aus Jordans „Interview mit einem Vampir“, aber in der Zeit stehen geblieben. Trotz allem, was sie erlebt und erlernt hat, ist Eleanor noch immer dieses 16-jährige Mädchen, das für sich selbst einstehen muss, das des Lügens überdrüssig ist, das sich verliebt. Aber dies ist kein „Twilight“-Film, hier wird es nicht kitschig, noch nicht mal romantisch. Was Jordan hier präsentiert, ist ein glaubwürdiges Kennenlernen zweier verwandter Seelen.

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Regisseur Neil Jordan machte schon in "Interview mit einem Vampir" Erfahrungen mit dem Genre.
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„Byzantium“ ist dabei mehr Drama als Horrorfilm, eine Art britische Version von „So finster die Nacht“, aber mit deutlich schöneren Bildern versehen und weit größer aufgezogen als das schwedische Vampir-Drama.

Zwei Filme in einem

Jordan erzählt zwei Geschichten, die der Gegenwart und die der Vergangenheit. Sie bedingen und befeuern einander. Langsam enthüllen beide ihr Geheimnis, um im Finale zueinander zu führen. „Byzantium“ erlaubt es sich dabei, Fragen offen zu lassen. Das Finale mag ein wenig vorhersehbar sein, vor allem bietet es aber interessante Charaktermomente, die man sich als Zuschauer selbst erarbeiten muss.

Anhand dem, was der Film in den vergangenen Passagen gezeigt hat. Er warnt auf subtile Weise vor der Angst vor Veränderung. Wer sich neuen Situationen nicht anpasst, der wird von der Zeit eingeholt und zurückgelassen.