Nachdem er bereits seine TV-Figurenkreationen Ali G und Borat auf Kinoreisen schickte, darf der britische Komiker Sacha Baron Cohen nun schließlich auch noch sein drittes populäres Alter Ego zum Star der großen Leinwand machen. Brüno, der fiktive, schwule, österreichische Fernsehreporter der „Funkyzeit“-Show, bereist in seinem ersten Kinofilm mit ambitionierten Karriereplänen die USA – und lotet dort wie schon sein Vorgänger Borat ohne Rücksicht auf Verluste allerlei Geschmacksgrenzen aus.

Brüno - Deutscher Trailer

Wassup? I’m Brüno.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhofft sich Brüno indes nichts Geringeres als zum „größten österreichischen Superstar seit Hitler“ zu avancieren. Frustriert ob seiner Kündigung im Heimatland wegen allzu harschen Benehmens wendet sich der TV-Reporter zunächst an Casting-Agenturen, um Rollen in Fernsehserien oder auch Auftritte in Talkshows ergattern zu können. Bald merkt der exzentrische Lifestyle-Moderator jedoch, dass sein massives Auftreten offenbar wenig karriereförderlich ist und sucht deshalb Hilfe und Beratung bei diversen „Gay Converts“ und traditionell heterosexuellen Institutionen.

Sacha Baron Cohen in Paraderolle Nummer drei: der schwule Modekolumnist Brüno.

Dabei ist Baron Cohen selbstredend erneut bemüht, konservativen US-Bürgern politisch inkorrekte Ansichten zu entlocken, sie so penetrant zu provozieren, dass er deren potentiell reaktionäres Weltbild offen legen und zum allgemeinen Gelächter freigeben darf, also im Kern so etwas wie Guerilla-Feldforschung zu betreiben – mit ahnungslosen Protagonisten, die auf die unerwarteten Brachialattacken stets zu ihrem Nachteil reagieren.

Dieses Konzept, das „Borat“ 2006 zu einem der gemeinsten, witzigsten und auch erfolgreichsten Filme des Jahres machte, geht in „Brüno“ hingegen nur bedingt auf. In die fürs Zwerchfell gefährlichen Grenzbereiche der Fremdscham gelangt Baron Cohen mit diesem Film nur selten, was vor allem an die zweifelhafte Authentizität vieler Interviews und Situationen geknüpft ist. Anders als bei „Borat“, der bewusste Inszenierung und dokumentarisches Material exakt kombinierte, scheint die überwiegende Mehrheit der grotesken Alltagsepisoden in „Brüno“ eher klugen Autoren statt einer bitteren Wirklichkeit entsprungen.

Herrlich komisch: Auf der Mailänder Modemesse platzt Brüno mitten in der Show auf die Bühne.

Insofern bewegen sich Baron Cohen und sein Regisseur Larry Charles stilistisch größtenteils auf dem Gebiet der Mockumentary, also der Fake-Dokumentation, was den Film mitunter stark von der Vorlage, der Fernsehserie „The Ali G Show“, unterscheidet. Dort wagte sich Brüno alias Baron Cohen auf zumeist gefährliches Terrain, wenn er beispielsweise homophobe Sportfans mit tuntigen Fragen quälte. Der Kinofilm des schwulen Reporters erscheint hingegen dramaturgisch sorgfältig strukturiert und in den vermeintlich authentischen Momenten schlicht überaus clever inszeniert.

Kein zweiter Borat

Das mag man einerseits darin begründet sehen, dass die Figur des queeren Österreichers spätestens nach dem unerwarteten Erfolg von „Borat“ vielen bekannt gewesen sein dürfte, nicht zuletzt weil der Film angekündigt wurde noch bevor überhaupt eine Drehklappe fiel, aber möglicherweise eignet sich Brüno auch ganz einfach grundsätzlich weitaus weniger für das entlarvende Mittel zum Zweck.

Auch Brüno will bewusst provozieren, macht dies aber sehr viel platter als Borat.

Als hipper schwuler Fernsehstar im Designerfummel verkörpert die Figur im Gegensatz zum kasachischen TV-Reporter Borat immerhin einen ultramodernen statt wertkonservativen Zeitgeist – und das mag zur Folge haben, dass die unfreiwilligen Probanden sich einem wild gestikulierenden Schwulen ungleich weniger gelöst und zustimmend hingeben als noch einem naiven Hinterwäldler, der ihnen die Hand zum „High Five“ entgegenstreckte. Anstelle erschreckend offenkundiger wie komischer Bekenntnisse vor der Kamera treten hier demnach weitgehend ablehnende Zurückhaltung, fragende Blicke und stilles Unverständnis.

Durch die vielen (offen) fiktiven Zwischenepisoden, die die (schein-)dokumentarischen Besuche bei republikanischen Politikern oder schockierten Fernsehleuten verbinden, ist „Brüno“ deshalb mehr frivole Anarcho-Komödie denn schockierende Guerilla-Dokumentation. Nur schade, dass Baron Cohen dadurch die Chance verwehrt bleibt, sich dem eigentlichen Thema – die mal mehr, mal weniger latente gesellschaftliche Homophobie – mit der gleichen Sorgfalt zu widmen, wie er sich hier mit Spitzen gegen Madonna und Angelina Jolie überaus köstlich über die Glamour- und Promiwelt echauffiert.

Brüno auf Pressetour: Die britische Premiere sah etwa so aus.

Es bleibt letztlich ein Bedauern darüber, nicht in die peinliche Scham eines unbequeme Fragen stellenden Exoten miteinbezogen zu werden, sondern unter Einsatz raffinierter Montage, eingeweihten Statisten und verfremdeten Reaktionen lediglich jenes Gefühl suggeriert zu bekommen, das der Vorgänger noch ganz spürbar authentisch – oder zumindest glaubwürdiger – zu vermitteln verstand. Die Identifikation mit den scheinbar hilflosen Opfern Brünos ist hier jedenfalls nur mehr reine Simulation.