Neben Superheldencomics sind franchisetaugliche Jugendromane (Young-adult Fiction) des Gegenwartskinos liebster Ideenquell. Kaum etwas hat sich in den letzten Jahren als so rentabel erwiesen wie Verfilmungen von Coming-of-Age-Erzählungen, in denen junge Helden aus phantastischen Welten gegen übernatürliche Gefahren, vor allem aber gegen altbekannte Adoleszenznöte kämpfen: Sie besuchen Zauberschulen, müssen sich zwischen Vampir und Werwolf entscheiden oder totalitäre Systeme überwinden.

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Ein Buch, zwei Adaptionen

Man kann den entsprechenden Hype um Filmserien wie „Maze Runner“ oder „Die Bestimmung – Divergent“ vielleicht ein bisschen rätselhaft finden (oder ihn auf sichere Distanz halten), aber die sich darin Ausdruck verschaffende Lust an durchgeknallten Genrestoffen ist eigentlich hocherfreulich. Was umso mehr gilt, wenn auch das deutsche, bekanntlich allzu sehr auf Komödien- und Geschichtsthemenfilme beschränkte, Kino ebenfalls auf diesen Young-Adult-Zug aufspringen möchte – zum Beispiel mit dem Sci-Fi-Thriller „Boy 7“.

Boy 7 - Genrekino in Deutschland – (k)ein Ding der Unmöglichkeit

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Sam (David Kross) erwacht in einem U-Bahnhof – und weiß weder, wie er dorthin hinkam, noch wer er ist.
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Er basiert auf einem niederländischen Jugendbuch, geschrieben von der ehemaligen Sonderschullehrerin Mirjam Mous, das jetzt gleich zwei Mal fürs Kino adaptiert wurde: Mit einer für den Ursprungsmarkt produzierten Version gleichen Titels und der hier besprochenen deutschen Variante von Regisseur Özgür Yildirim („Blutzbrüdaz“). Trotz des frappierend ähnlichen Umgangs mit dem literarischen Ausgangsmaterial sollen sie unabhängig voneinander entstanden sein, gleichwohl hinter beiden das Produktionsunternehmen Lemming Film steckt.

Die „Bourne“-mäßige High-Concept-Prämisse von „Boy 7“ lässt sich schön prägnant zusammenfassen: Ein junger Mann (David Kross) erwacht im U-Bahn-Schacht und weiß nicht, wer er ist. Polizisten verfolgen ihn, Passanten schwärzen ihn an. Und auf Fernsehbildschirmen prangt sein Bild mit dem besorgniserregenden Hinweis, dass er wegen Mordes gesucht werde. In einer Klospüle (!) entdeckt er ein Tagebuch, das er selbst geschrieben zu haben scheint, und das Licht ins Dunkel der misslichen Lage bringt: Sein Name ist Sam und in seinem Hinterkopf steckt ein Mikrochip.

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Boy 7 und Girl 8: Mit Lara (Emilia Schüle) steht dem Helden des Films eine resolute und geheimnisvolle Kämpferin zur Seite.
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Dem Film geht es Stück für Stück darum, der Amnesie des Protagonisten entgegenzuwirken. Zur Hilfe eilt die junge Lara (Emilia Schüle), mit der sich Sam in eine geschlossene Bar verschanzt und schließlich aus seinem Tagebuch zu lesen beginnt (dessen Seiten die Vergangenheit aufblättern, was eine hübsche visuelle Idee ist). Aufgrund missbräuchlich zum Einsatz gebrachter Hacker-Fähigkeiten landete Sam demnach in einer Besserungsanstalt, genannt Institut X, und stellte sich gemeinsam mit Lara den unorthodoxen Methoden des Resozialisierungsprogramms entgegen.

Faschismus 2.0

Das Institut nennt seine verurteilten Insassen heimtückisch „Talente“. Es teilt ihnen Nummern zu (Sam also hat die 7), steckt sie in uniforme Kleidung (die ein bisschen an „Ender’s Game“ erinnert, eine andere Young-adult Fiction) und behauptet, die besonderen Fähigkeiten der Teenager fördern zu wollen. Erreichen sie den Status eines „Mentors“, pflanzt man ihnen Mikrochips ein, die alle Erinnerungen an ihr früheres Leben auslöschen. Kurzum: Die „Talente“ sollen zu willfährigen Erfüllungsgehilfen umfunktioniert werden. Faschismus 2.0, dem nur ein findiger Hacker zu entgehen weiß.

Schon wieder eine Jugendbuchverfilmung – aber wenigstens eine, die in ihren besten Momenten Lust auf deutsches Genrekino macht.Fazit lesen

In der niederländischen Version sieht das Institut aus wie eine sozialistische Jugendherberge, hier wirkt sie wie ein Eliteinternat mit prunkvollem Schlossgarten. Der andere Film verortetet die Handlung „in der nahen Zukunft“ und spricht dezidiert von einem Polizeistaat, die deutsche Kinoadaption hingegen scheint eher darum bemüht, den dystopischen Stoff entpolitisieren zu wollen: Sam gerät bei uns wegen Schulnotenfälschung ins Umerziehungslager, während er in der alternativen (und übrigens deutlich schmuckloser inszenierten) Verfilmung einer linken Widerstandsbewegung hilft.

Etwas langweilig, weil durch uninteressante Figuren erzählt, sind aber leider beide Filme, wenngleich der deutsche dabei immerhin gut aussieht. Özgür Yildirim arbeitet mit permanent schräg gelegter Kamera, originelleren Bildübergängen und schicken Split-Focus-Einstellungen, um die heimeligen Schauplätze mit Genreästhetik zu verfremden. Sein Film wirkt epischer als das auf Fernsehniveau gedrehte niederländische Gegenstück – und er versucht, aus der recht unspektakulären Geschichte und ihrer nie sonderlich bedrohlich wirkenden Idee zumindest optisch einiges rauszuholen.

Boy 7 - Genrekino in Deutschland – (k)ein Ding der Unmöglichkeit

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Darf in keiner Young-Adult-Erzählung fehlen, erst recht keiner dystopischen: Eine sich über alle Widerstände hinwegsetzende Teenie-Romanze.
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Vielleicht hätte es andere Schauspieler gebraucht, um die jugendliche Erfahrungswirklichkeit der von Staat und Familie gleichermaßen im Stich gelassenen Figuren in „Boy 7“ eingehender zu vermitteln. David Kross jedenfalls ist trotz seiner international gefragten Fähigkeiten (er drehte schon mit so unterschiedlichen Filmemachern wie Steven Spielberg und Arnaud des Pallières) eine immer leicht hölzerne Erscheinung. Und seine Kollegin Emilia Schüle wird dummerweise von der großartigen Liv Lisa Fries an die Wand gespielt, obwohl diese aus irgendeinem Grund nur in einer kleinen Nebenrolle auftreten darf.