Robin Williams spielt in „Boulevard“ einen Mann, der sich selbst verleugnet. Und es tut weh, diesen Film zu sehen: Weil seine Hauptfigur gefangen ist in einem Leben, das sie nicht leben will und auch nie leben wollte. Und weil es die letzte Rolle eines Schauspielers ist, der solche und ähnliche Figuren immer am überzeugendsten zu spielen wusste. In dieser Abschiedsvorstellung vom Kino also stellt der 2014 verstorbene Robin Williams noch einmal sein ganzes Können unter Beweis.

Boulevard - Official Trailer #1

Straßenstrich statt Suburbia

Alles an Nolan Mack (Williams) ist personifizierte US-Mittelklasse. Er hat einen gut bezahlten Job als Bankangestellter und ein schönes Haus in Nashville, Tennessee. Er hat langjährige Freunde und eine fürsorgliche Ehefrau (Kathy Baker), die auch noch Joy heißt. Vor allem aber hat Nolan Mack alles, was er eigentlich gar nicht braucht. Und so zieht es ihn eines Abends nicht zurück in die heimische Vorstadtsiedlung, sondern zum Straßenstrich am Boulevard, wo er den hübschen Leo (Roberto Aguire) aufgabelt.

Boulevard - Robin Williams in seiner letzten großen Rolle

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Der Stricher und sein Freier: Leo (Roberto Aguire) im Auto des heimlich schwulen Nolan (Robin Williams).
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Die beiden fahren in ein Stundenhotel. Doch Nolan möchte erst einmal nur reden: Über seinen schwerkranken Vater und Lieblingsfilme aus der Kindheit; über das, was Leo macht und warum er es macht. Statt Sex gibt es Kaffee, statt körperlicher Intimitäten vor allem geheime Blicke des Begehrens. Es folgen Restaurantbesuche gegen Bezahlung und eine brenzlige Situation mit Leos brutalem Vermieter. Schließlich schenkt Nolan seinem jungen Callboy ein neues Handy, mit dem dieser ihn jederzeit anrufen könne, wenn er etwas benötige.

Packshot zu BoulevardBoulevard

Seiner Ehefrau kann Nolan die Treffen zunächst verheimlichen. Ihre Beziehung ist nicht lieb-, aber doch ziemlich kraftlos: Sie haben getrennte Schlafzimmer ebenso wie getrennte Leben, über Smalltalk geht das Verhältnis kaum hinaus. Es ist eine Ehe, die soweit funktioniert, wie sie alles ausblendet, das ganz offensichtlich überhaupt nicht funktioniert. Zum Beispiel die Tatsache, dass Nolan Mack nicht zu seiner Sexualität steht. Obwohl er sich, wie es später heißt, schon mit 12 darüber im Klaren war, ganz einfach schwul zu sein.

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Ein Blick, der freundliche Zweifel ausstrahlt: Über seine sexuelle Identität hat Nolan Mack nicht nur Freunde und Familie, sondern vor allem sich selbst im Unklaren gelassen.
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Man kann interessant finden, wie „Boulevard“ dessen spät beschrittenen Weg zum Coming-Out beinahe schicksalhaft inszeniert. Der seinerseits reichlich problemgebeutelte Leo jedenfalls ist Nolan lediglich versehentlich vors Auto gelaufen – und gemeinsam losgefahren sind sie in der ersten Nacht nur, weil sich ihnen ein Polizeiwagen näherte. Die Figur hat sich so sehr in ihrem falschen Leben eingerichtet, dass es erst vermeintliche Zufälle (und ein blaues Auge) braucht, um sie endlich auch mal bewegungsfähig zu machen.

Seltsam leer

Deshalb ist es keine Überraschung, dass sich Nolan gegenüber Joy bald in Widersprüche verstrickt. Er neigt zu immer auffälligerem Verhalten und erscheint unpünktlich auf Arbeit (was in dieser funktionalisierten Welt das untrüglichste Indiz dafür ist, dass etwas nicht stimmen kann). Auch mit seinem Vorgesetzten verscherzt er sich, nachdem er wichtige Abendessen schwänzt. Und sein alter Freund Winston (Bob Odenkirk, „Better Call Saul“) sucht zwar das Gespräch, versteht aber eigentlich auch nicht so recht, was neuerdings in Nolan gefahren ist.

Ein Film, der unter seinen Möglichkeiten bleibt – trotz der großartigen Abschiedsvorstellung von Robin Williams.Fazit lesen

Glücklicherweise spielt der Film die Selbstfindung seines Protagonisten nicht gegen dessen Umwelt aus. Nolans Frau ist eine tolle Figur, die Regisseur Dito Montiel (der zuvor mit Channing Tatum „The Son of No One“ und „Fighting” drehte), zwar kaum zu fassen bekommt, sie aber auch nicht verhöhnt. Die zuverlässig großartige Kathy Baker („Edward mit den Scherenhänden“) macht aus dieser Rolle außerdem mehr, als ihr das etwas zu artige und leider sehr konventionelle Drehbuch erlaubt.

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Nicht weniger grandios als Robin Williams: Die seit jeher unterschätzte Kathy Baker in einer Nebenrolle als Ehefrau.
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Tatsächlich sind die wenigen Momente zwischen Williams und Baker nicht nur schauspielerisch bemerkenswert am sonst inhaltlich eher unterkomplexen „Boulevard“. Denn im Gegensatz zu Nolans Beziehung mit Leo gehen ihre Szenen einer Ehe ans Eingemachte – was auch damit zu tun hat, dass Leo als Figur eine reine Chiffre bleibt und dafür wiederum entschieden zu viel Raum einnimmt. Die meisten Szenen mit ihm fühlen sich seltsam leer an, obwohl sie von großer Bedeutung sein müssten.

Auch Robin Williams ist leider zu gut für diesen Film. Er spielt Nolan Mack als einen Mann am Rande der Selbstaufgabe und dabei so schmerzvoll zurückgezogen, wie es die Rolle erfordert. Er besaß die Fähigkeit, einer Figur nicht nur mit wenigen Nuancen Profil zu verleihen, sondern auf seinem Gesicht alles Wesentliche abbilden zu können, was man über sie wissen muss. Das gelingt ihm hier ebenso eindrucksvoll wie im dahingehend ähnlichen (aber natürlich viel unheimlicheren) „One Hour Photo“.

Umso weniger verständlich ist es, dass „Boulevard“ seine Figur oft vordergründig psychologisiert. Dass Dito Montiel also offenbar nicht der Versuchung widerstehen kann, ihr Innerstes über unsubtile Mono- und Dialoge nach außen zu kehren. Und dass er gegen Ende sogar einen Voice-Over ins Spiel bringen muss, um alles ohnehin Offensichtliche noch einmal in Worte zu fassen. Diese Inszenierung fühlt sich mindestens so falsch an wie jene Lebenslüge, der Nolan Mack verzweifelt ein Ende setzen möchte.