Unter den nicht wenigen interessanten Produktionen des Fantasy Filmfests 2014 empfahl sich der Independent-Thriller „Blue Ruin“ als einer der besonderen Geheimtipps. Kritiker zogen Vergleiche zu Filmen der Gebrüder Coen oder auch der gewalttätigen Lakonie des Tarantino-Frühwerks, und doch erzählt diese erst zweite Regiearbeit von Jeremy Saulnier eine Rachegeschichte voll eigener Reize.

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Triste Barbarei

Ein außerordentliches Interesse gehört diesem Film schon nach seinen ersten kurzen Einstellungen. Da schleicht sich die Kamera in irgendein Badezimmer, und ihre Bewegung wird vom hervortretenden Gesicht eines Mannes aufgehalten, der ein Geräusch bemerkt. Das nächste Bild schafft Klarheit von außen: Der Mann springt halbnackt aus dem Badezimmerfenster, es ist nicht sein Haus, es ist das einer Familie, die soeben heimgekehrt ist.

Blue Ruin - Triste Barbarei

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Blutbesudelte Vergeltungs-Tristesse: Dwight (Macon Blair) rächt seine ermordeten Eltern und richtet damit nicht nur für sich ein fürchterliches Chaos an.
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Dwight (Macon Blair), der Irrgast, wohnt eigentlich in einer Schrottkarre am Strand. Er ist obdachlos, irgendwo in Delaware. Wühlt in Mülltonnen, sammelt Flaschen, steigt in Häuser ein. Doch die Polizistin, die eines Morgens an seine Autoscheibe klopft, möchte ihn dafür nicht belangen – sie möchte ihm lediglich mitteilen, dass soeben der Mörder seiner Eltern aus dem Gefängnis entlassen wurde. Das Interesse am Film, es steigt weiter an.

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Nun schlüpft dieser Dwight in seine blaue Ruine und schlittert Richtung Kentucky. Dass ihm der Sinn nach Rache steht, darf man erstmals ahnen, als er unterwegs eine Handfeuerwaffe stiehlt. Und dass sein Plan dabei wiederum nicht nur tragischen, sondern mindestens tragikomischen Charakter hat, wenn es ihm nicht gelingen will, die Sicherung dieser Waffe entfernt zu bekommen.

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„Blue Ruin“ geizt nicht mit unangenehmen Gewaltspitzen. Seine Brutalität geht über bloße Splatter-Einschübe jedoch weit hinaus.
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Den Mord an Wade Cleland inszeniert Jeremy Saulnier dann entsprechend eines verzweifelten Affekts: Ein Raststättenklo, in dem Dwight den Mörder seiner Eltern erwartet, eine klaffende Halswunde, Gerangel, Finish. Das provisorische Mordwerkzeug fällt zu Boden, die Autoschlüssel leider auch, und blutbesudelt flüchtet Dwight vom Tatort. Die Rache war sein, für einen kurzen Moment trister Barbarei.

Melancholisch derbe

Nun erst nimmt „Blue Ruin“, das etwas andere, wenn auch unbarmherzig und darin klassische brutale Vergeltungsdrama, seinen eigentlichen Lauf. Und führt in eine Gewaltspirale, deren Spannungen kaum zu ertragen sind. Je weniger man daher Dwights nachfolgenden Trip beschreibt, die mal unglücklichen, mal absurd-komischen Wendungen dieses von bitterer Abrechnungslogik bestimmten Horrorfilms preisgibt, desto besser.

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Ben versorgt seinen ehemaligen Schulfreund Dwight mit Waffen. Gespielt wird er von Devin Ratray, den man noch als Buzz aus „Kevin – Allein zu Haus“ kennen dürfte.
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Eines lässt sich aber vorwegnehmen: Dank seines ungelenken Vigilantismus bekommt es Dwight mit einer White-Trash-Sippe noch wesentlich resignierter auftretender Hinterwäldler zu tun, die den Tod ihres just zurück gewonnenen Familienmitglieds killwütig zu rächen gedenkt. Und den vielleicht interessantesten Antihelden des jüngeren Kinos somit immer wieder herausfordert – zu neuen Affekten, neuem Ruin. Oder was meint der Titel nur?

Signalfarbenes Blau zumindest geistert durch alle Bilder des Films. Mal als deutlicher Hinweis des Produktionsdesigns (Dwights Auto, seine Krankenhauskleidung, selbst noch das bläuliches Schimmern einer Insektenschutzlampe), dann wieder als ästhetisch-atmosphärisches Werkzeug (in keineswegs aufdringlichem Colorgrading). Und, natürlich, heißt „blue“ hier ganz klar auch gemäß reiner Übersetzung: trübsinnig, melancholisch, derbe.

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In der Art, wie „Blue Ruin“ seine Gewalt vorbereitet, ausführt, zelebriert, und als verrücktestmögliches Kommunikationsmittel seiner entwurzelten Figuren zur Disposition stellt, ist es einer der unberechenbarsten und klügsten Rachefilme seit langer Zeit. Nicht allein der Blick für entscheidende, absonderliche Details beansprucht hier Aufmerksamkeit wie Nervenkostüm – vielmehr ist dies eines der wenigen Beispiele für tatsächlich filmisch erfahrbar gemachten Nihilismus.