Wer sich Superhelden erhofft – oder gar Action –, der ist bei Alejandro Iñárritus neuestem Film „Birdman“ völlig falsch. Einmal gibt es Kämpfe zwischen Hubschraubern und einem stählernen Phoenix, mehr als eine Illusion ist das aber nicht. Und auch Birdman bekommt man kaum zu sehen. Stattdessen präsentiert der Regisseur ein faszinierendes Drama über einen Mann, der von seiner erfolgreichsten Rolle heimgesucht wird und seit Jahren versucht, sich von ihr freizustrampeln.

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Eine begnadetere Besetzung als Michael Keaton hätte es kaum geben können. Er war zwar niemals Birdman, wohl aber Batman. Iñárritu hat den idealen Schauspieler gefunden, um Fiktion und Realität miteinander verschmelzen zu lassen.

Riggan (Michael Keaton) ist ein abgehalfterter Filmstar, der noch heute für seine Rolle in dem Superhelden-Franchise „Birdman“ bekannt ist. Diesem Image konnte er nie entkommen, auch nach mehr als 20 Jahren nicht. Seine letzte Chance sieht er darin, am Broadway ein Stück zu inszenieren und darin auch die Hauptrolle zu spielen. Er möchte etwas erschaffen, das relevant ist.

Birdman - Der ehemalige Batman ist der ehemalige Birdman

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Der Film erscheint bei uns am 15.01.2015 in den Kinos.
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Aber die Probleme wollen nicht abreißen. Erst muss er einen unfähigen Hauptdarsteller loswerden, dann findet er in Mike Shiner (Edward Norton) einen weit besseren Ersatz, der aber mit seiner Art jeden vor den Kopf stößt, so auch Riggan. Riggans Tochter Sam (Emma Stone) interessiert sich für Shiner, während dessen On-again-off-again-Freundin Lesley (Naomi Watts) die weibliche Hauptrolle spielt.

Die Proben verlaufen grauenhaft, immer geht etwas schief, die Premiere steht vor der Tür, eine einflussreiche Kritikerin hat vor, Riggans Stück zu verreißen und dann hört er auch noch die Stimme von Birdman, die ihn einfach nicht in Ruhe lassen will…

Brillant

„Birdman“ ist mit Sicherheit einer der besten Filme des Jahres. Originell, inhaltlich wie auch technisch brillant, und das auf eine unaufdringliche, aber umso beeindruckendere Art und Weise. Der Film spielt mit den Erwartungen des Zuschauers, weil er sie zuerst auch weckt. In den ersten Minuten glaubt man noch, einen Film vor sich zu haben, der zeigt, wie ein Mensch mit realen Superkräften diese verbirgt und stattdessen bekannt wurde, indem er einen erfundenen Superhelden spielte.

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Riggan Thomson (Michael Keaton).
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Aber alle Momente, in denen Riggan Kräfte offenbart, sind metaphorisch zu betrachten. Sie passieren nicht, nur vor seinem geistigen Auge geschehen sie so. Und durch ihn sieht das auch der Zuschauer, selbst wenn er eine andere Position einnimmt. Ein cleverer Coup, der das Publikum sich über lange Zeit fragen lässt, ob es diese Kräfte wirklich gibt. Aber je länger die Geschichte andauert, desto mehr wird klar, dass dem nicht so ist. Stattdessen folgt man dem Nervenzusammenbruch eines Mannes, der das Gefühl hat, am Ende seines Weges zu stehen.

Nur am Ende, da lässt es Iñárritu dann noch einmal krachen, wenn er den Bogen zum Anfang spannt.

Großes Drama mit einem überragenden Michael Keaton, der es versteht, Fiktion und Realität zu vermengen.Fazit lesen

Trommelwirbel

Die Musik von Antonio Sanchez ist grandios. Er setzt auf expressive Trommeln, die in einer derart beschwingten Melodie auflodern, dass man sich kaum des Mitwippens erwehren kann. Es wirkt, als sei der Score für ein Theaterstück erschaffen worden, was umso mehr passt, da „Birdman“ einen sehr exakten Blick hinter die Bühne wirft. Die Musik ist nicht das einzige, was exzellent ist, auch der Schnitt von Douglas Crise und Stephen Mirrione ist phantastisch.

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Oftmals erkennt man ihn gar nicht, „Birdman“ lebt vom Gefühl einer durchgehenden Einstellung, nicht unähnlich Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“, nur technisch sehr viel versierter. Es gibt digitale Schnitte, die aber kaum auffallen. Es ist eine pure Freude, diesem Film zuzusehen, selbst, wenn die Geschichte nichts taugen würde. Aber das tut sie. Und nicht nur das: Das Ensemble spielt sich die Seele aus dem Leib, allen voran Michael Keaton, der diese Rolle wohl so sehr wie kaum eine andere in seinem Leben gefühlt haben muss.