Tim Burton ist einer der wenigen A-Filmemacher, die sich eine eigene Handschrift leisten dürfen. Erfolgreicher Mainstream mit allerlei „kooky“ Zeuch und vor allem einer Seele, die den oftmals grotesken Bildern ein warmes, geradezu sensibles Zentrum gibt. Seit Jahrzehnten geht das nun schon so, und eigentlich könnte der Mann auch noch Jahrzehnte so weitermachen, wenn da nicht der durchaus verständliche Wunsch nach Veränderung wäre. Einer Veränderung, die nun auf den Namen „Big Eyes“ hört. Und mindestens seine Anhänger vor eine zähneknirschende Herausforderung stellt.

Big Eyes - Deutscher Trailer #1Ein weiteres Video

Ein Biopic, gegen alle Widerstände

Die größte Hürde, die „Big Eyes“ zu meistern hat, ist seine Konventionalität. Von dem Mainstream und der eigenen Handschrift bleibt hier vor allem der Mainstream, gekleidet in ein auf wahren Begebenheiten beruhendes Biopic, das den Werdegang von Margaret Keane nachvollzieht. Margaret Keane ist eine Malerin, die vor allem große Augen und Kinder malt – eine Kombination, die rasch Anklang findet und durch ihren Mann Walter nach allen Regeln der Kunst vermarktet wird.

Big Eyes - Tim Burton sorgt für große Augen - leider vor allem auf der Leinwand

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Nur für ein Promofoto: Walter Keane (Christoph Waltz) malt.
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Das Problem dabei: Walter Keane gibt die Bilder als seine Werke aus. Was seine Frau eine Zeit lang mitmacht, weil der finanzielle Erfolg einfach durchschlagend ist, doch dann zunehmend zu Konfrontationen führt. Margaret möchte die Anerkennung, die ihr zusteht, und Walter möchte weiterhin Geld verdienen, selbst um den Preis der Gefährdung seiner Ehe. Wird es der Frau gelingen, gegen alle Widerstände zu ihrem Recht zu kommen und damit der Kunst ihren verdienten Platz über dem Bankkonto freizuräumen?

Aber natürlich, aber selbstverständlich

Eine vor allem rhetorisch gemeinte Frage, denn „Big Eyes“ ist ein klassisches Hollywood-Biopic, liberal, voller redlicher Ambitionen und mit deutlicher Partei für Frauen und die Schönheit wahrer Kunst. Was hier passiert, ist von vorne bis hinten aus dem Lehrbuch für diese Art von Film, angefangen bei zarten Erfolgen und wahrer Liebe, fortgeführt mit großen Erfolgen und ersten Rissen, und beendet dann mit dem ewigen Konflikt zwischen Gefühl und Geld, wahren Werten und Scheinheiligkeit.

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Bereits in Gedanken bei „Beetlejuice 2“ (hoffentlich): Regisseur Tim Burton.
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Dazu passend: Margaret Keane, eine Frau wie gemeißelt für all diese Themen. In den fünfziger Jahren ist sie noch ein zartes Mäuschen, allerdings bereits mit der Energie, ihren ersten Mann zu verlassen und als alleinerziehende Mutter zu leben, und mit der Zeit dann, angetrieben von Erfolg und wachsender Anerkennung, wird sie zu einer selbstbewussten Frau. Die die Männer um sie herum, blasiert und falsch wie sie alle sind, einzig mit ihrem Können auf die Plätze verweisen kann. Denn wahre Kunst setzt sich einfach durch, genauso wie die populäre Auffassung, dass die Erde eine Scheibe ist.

Augen sind das Fenster zur Seele

Man möchte mehr als einmal in Tischkanten beißen, wenn man sich „Big Eyes“ ansieht, so konventionell und formelhaft läuft die Geschichte ab. Im Grunde genommen sind die hier angeschnittenen Themen - wie zum Beispiel die emotional geprägte Fokussierung auf einen Außenseiter - klassische Tim-Burton-Hausnummern, doch die Fassade dazu nähert sich einer Ironiebefreiten Version des Vorstadt-Glamours von „Edward mit den Scherenhänden“. Die Produktion von „Big Eyes“ ist schick und geschniegelt, doch eigene Akzente setzen lediglich die Bilder von Margaret Keane.

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Ein klitzekleines bisschen schräg geht doch noch: große Augen auch im Supermarkt.
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„Augen sind das Fenster zur Seele“ heißt es hier mehr als einmal, und man fragt sich dabei, wo wohl die Drehbuchautoren Scott Alexander und Larry Karaszewski beim Verfassen ihres Werks hingeblickt haben. Ihre erste Zusammenarbeit mit Tim Burton, „Ed Wood“, war auch ein Biopic, doch trotzdem ist der Unterschied zu „Big Eyes“ schon gewaltig. Vielleicht sind es ja einfach nur die außergewöhnlichen Charaktere, die bei ersterem Film das gewisse Etwas gezündet haben, vielleicht liegt der kantenlose Hund auch bei der Oscar-gerechten Positionierung letzeren Films begraben. Fakt ist auf jeden Fall: Wüsste man nicht, dass „Big Eyes“ von Tim Burton ist, man würde es höchstens am Rande bemerken.

Johnny, wo bist du?

Ein guter Grund für diese Ratlosigkeit ist natürlich auch die Abwesenheit von Johnny Depp, der eigentlich wie geschaffen gewesen wäre für Walter Keane. An seiner Stelle darf nun Christoph Waltz ran, der mit seinen Grimassen dem Film eine zunehmend enervierende Komödienrichtung gibt und spätestens vor Gericht, als er sich selber verteidigt, jede Chance auf einen weiteren Oscar ins heillos überzogene Aus schießt. Es wäre entschieden besser gewesen, entweder den Humor-Anteil deutlich zu reduzieren oder ihn zumindest in den Satire-Bereich zu verschieben. In seiner jetzigen Form unterminieren „französische“ Hochwasserhosen die dramatische Kraft und sind gleichzeitig viel zu lahm für große Lacher.

Bisher war Tim Burton Mainstream mit eigenständiger Seele. Jetzt ist er vor allem Mainstream.Fazit lesen

Nicht dass Amy Adams unbedingt noch Anschub bräuchte für ihre Darstellung von Margaret Keane, die ist nämlich sehr gut und hat den schon gewonnenen Golden Globe auf jeden Fall verdient, doch so richtig durchstarten kann auch sie nicht. Die allgemeine Kantenlosigkeit reduziert sie auf Häkchen in kleinen Kästchen, der zentrale Konflikt zwischen den Eheleuten, bei dem wirklich Salz auf die dramatischen Wunden kommen könnte, endet bei dezenten Behauptungen. Dass die Oscar-Academy solche Rollen liebt, inklusive des gewahrten Wohlfühl-Rahmens, versteht sich von selbst, doch eigentlich wäre hier noch wesentlich mehr drin gewesen. Große emotionale Höhepunkte: 0.