Und täglich grüßt der Mindfuck. Die trickreiche Erzählpraxis um ungewisse Standpunkte innerhalb der Handlung und ihrer Protagonisten ist wohl einfach nicht totzukriegen. In der Literatur- und Filmgeschichte ist sie eigentlich ein alter Hut, doch nach wie vor erfreuen sich zahlreiche Filme daran, ihr Publikum einzig mit mehr oder weniger sorgfältig herbeifantasierten Plottäuschungen zu unterhalten.

Babycall - Deutscher Trailer

Kopfgewurschtel

Den meisten von ihnen ist eigen, die über eine ganze Laufzeit hinweg erdachte Anordnung von Inhalt und Figuren schrittweise in Frage stellen und auf ihre Zuverlässigkeit hin untersuchen zu können. In den allerwenigsten Fällen steuert diese sich für sehr clever befindende, aber vollkommen zopfige Vorgehensweise auf einen Höhepunkt zu, in dem Drehbuch und Regie selbstgenügsam auf den Tisch hauen und zum großen Schlussknall laden, der – ironischerweise – erwartungsgemäß alles noch mal ganz anders kommen lässt. Peng!

Im besten Falle weiß ein Regisseur die Geduldspiele nicht nur um ihrer selbst willen zu konstruieren, sondern sie für doppelbödigen Suspense einzusetzen (Roman Polanski) oder sogar bis hin zum filmischen Delirium hinauszuzögern (David Lynch). Als Bryan Singer und David Fincher den Mindfuck-Film Ende der 90er unfreiwillig (?) zum neuen heißen Ding erklärten, züchteten sie sogleich auch eine ganze Gefolgschaft von Filmemachern heran, die diese Erzähltechnik zum obersten Prinzip machte.

In der Folge entstanden Überraschungseierfilme, die den Kniff nicht mehr nutzten, sondern ihn ausschlachteten. Hauptsache Twist eben, erst recht noch, wenn alle Mätzchen zum Dreh- und Angelpunkt zusammenklumpen und immer nur wieder um ein abgenudeltes Identitätsklischee kreisen: Wer bin ich eigentlich?

Backebackekuchen-Thriller Nummer 126974: Wenn Mindfuck-Kino das Hirn weichkocht.Fazit lesen

Martin Scorsese hat der Mindfuck-Welle mit dem unterschätzten „Shutter Island“ eigentlich schon einen Meta-Schlusspunkt gesetzt, indem er die finale Wendung bereits in den ersten Minuten mit Ach und Krach ankündigte und trotzdem noch ironisch als Knalleffekt verkaufte.

Babycall - Und täglich grüßt der Mindfuck

alle Bilderstrecken
Als aus dem Babyfon merkwürdige Geräusche kommen, ändert sich alles.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 10/121/12

Und wer bin ich nun?

Deshalb fällt einem irgendwann auch nicht mehr viel ein, wenn jetzt immer noch ein Film daherkommt, der diesen meilenweit gegen den Wind müffelnden Erzähltrick zum originellen Regelbruch hochkocht. „Babycall“ ist der neueste Ui-Ui-Thriller um Wahrnehmung und Schein und Sein und Identität und überhaupt.

Packshot zu BabycallBabycall kaufen: ab 6,89€

Neu ist an ihm schlicht überhaupt nichts, und wie er seine gesamte Dramaturgie auf eine erst im letzten Moment enthüllte Drehung hinarbeitet, ist eben aus all jenen Gründen altbacken und langweilig, die bis hierhin in aller Deutlichkeit beschrieben wurden.

Der Vollständigkeit halber, natürlich ohne Spoilerchen, noch ein kurzer inhaltlicher Abriss. Der Film beginnt mit einer auf dem Rücken liegenden blutverschmierten Frau. Dieselbe Frau, Anna heißt sie, bezieht mit ihrem achtjährigen Sohn Anders eine Wohnung im Plattenbau, nachdem ihr Ex-Mann sie und den Jungen schwer misshandelte.

Aus Angst und Fürsorge um Anders kauft sie ein Babyphon, damit sie auch nachts sicherstellen kann, dass ihm nichts zustößt. Aus dem Gerät jedoch ertönen seltsame Geräusche, die aus einer umliegenden Wohnung zu stammen scheinen…

…und dann kommt gewiss alles ganz anders, als man denkt. Zumindest wenn man die letzten Kinojahre unter einem Stein gelebt hat. Der halbwegs aufmerksame Zuschauer riecht den Braten spätestens nach der Hälfte, und das müsste ja gar nicht einmal das Problem sein, würde der Film seine Geheimniskrämerei nicht so entschieden vor sich hertragen.

Babycall - Und täglich grüßt der Mindfuck

alle Bilderstrecken
Und alles kommt anders, als man denkt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder

Aus irgendeinem Grund offenbar müssen jene Mindfuck-Geschichten, die bis auf ihre Drehung wenig bis nichts zu erzählen haben, pausenlos auf eine bestimmte Rätselhaftigkeit verweisen, die jeden noch so irrelevanten Moment mit Bedeutung füllen und gleichfalls unheilvolle Spannung erzwingen soll. Und das macht „Babycall“, als hätte es nie zuvor einen ähnlichen Film gegeben.

Aber natürlich hat es das. Und einige der Besten ruft er auch gezielt in Erinnerung. „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ etwa, aus dem er das Kindesmotiv entlehnt (inklusive roten Anoraks), oder „The Others“, an den das hysterische mütterliche Verhalten Annas denken lässt, wenn sie stets voller Panik die Vorhänge zuziehen muss.

Das Einzige, was man der norwegisch-schwedisch-deutschen Koproduktion „Babycall“ letztlich zugutehalten kann, ist seine Hauptdarstellerin: Noomi Rapace, als Lisbeth Salander in der Millennium-Trilogie international gefeiert, verleiht dem Film mit ihrem ausdrucksstarken Spiel zumindest ein Quäntchen Würde. Mehr aber auch nicht.